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Sting auf Tournee Ein Ticket in die Nostalgie

17.06.2004 ·  Trotz des Regens, im Elektrobrei ertrinkenden Liedern und des obligatorischen Appells zur Weltverbesserung: Das Berliner Konzert, mit dem Sting seine Deutschlandtournee eröffnete, war bemerkenswert.

Von Felicitas von Lovenberg
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Ob er sich später noch an dieses Konzert erinnern wird? Wird ihm der Anblick der mit fast zwanzigtausend Menschen dichtbesetzten Berliner Waldbühne im Gedächtnis bleiben oder eher die drohend über den Rand der gigantischen Amphitheaterbühne hinwegfegenden Regenwolken, die beim ersten Klang der Musik aufreißen? Merkt er sich die grellbunten Tupfer der Regenjacken im Publikum, den verhaltenen Applaus nach den ersten Stücken, oder bleibt einzig der ekstatische Jubel zum Schluß haften?

Für die Zuhörer, so möchte man meinen, ist jedes Konzert ein Erlebnis, für den Sänger hingegen über Monate allabendliche Routine, eine diffuse Erinnerung, animiert von rhythmisch klatschenden Händen, unterlegt von mitgegrölten Refrains. In seiner Autobiographie "Broken Music" vermittelt Sting trotz seiner höflichen Art durchaus einen Eindruck von der Gleichförmigkeit solcher Tourneen.

Esoterische Plasmafunken

Dagegen wird wohl nur den allerwenigsten derer, die sich zum Auftakt von Stings Deutschlandtournee eingefunden hatten, die klamme Witterung, die Thüringer Rostbratwurst oder der Streit mit dem ständig die Sicht versperrenden Vordermann nachgehen. Sie werden hoffentlich auch die riesigen Leinwände sofort vergessen, auf denen, je nach Song, sich Frauenschemen räkeln, esoterische Plasmafunken aufglühen oder über die bombenabwerfende Flugzeuge hinwegbrausen.

Daß der versöhnliche, aber eben auch verwechselbare Popanteil von Stings Musik mit jedem Album gewachsen ist und daß diese folkloristisch überschminkte Ausdrucksarmut gerade im Konzert spürbar war, läßt sich ohnehin leicht verdrängen. Das Gedächtnis bewahrt vor allem ein Stimmungsbild: die lichtumflossene Gestalt des Sängers, die sich über die Baumkronen senkende Dämmerung, die vertrauten Klänge der "Police"-Hits, der träumerisch-entrückte Ausdruck auf den Gesichtern der Umstehenden. Ein Sting-Konzert wie ein Madeleine-Ersatz, als Ticket in die Nostalgie. Das Publikum ist mit dem Zweiundfünfzigjährigen älter geworden.

Keine Lücken im Publikum

Stings neues Album "Sacred Love" ist gewiß kein Meilenstein der Popgeschichte (F.A.Z. vom 8. November). Doch wer heute noch zu den "Rolling Stones", den "Beach Boys", Van Morrison oder Bob Dylan geht, tut dies nicht wegen der letzten Zusätze zur Produktpalette, sondern weil er eine Musik hören will, die sich vor langer Zeit eingeprägt hat. Der Beweis dafür, daß auch Sting inzwischen in die Reihe dieser Großen, zu den Klassikern gehört, wurde an diesem Abend eindrucksvoll geführt: Weder das Fußballspiel noch der Regen hinterließen Lücken im Publikum.

"Auch wenn hier eine Menge Leute sind: Ich habe keine Angst", bekannte Rufus Wainwright, der schöne, außerordentlich begabte Dandynachwuchs unter den Songschreibern. Der Kontrast zwischen dem Vorsolisten und dem Star hätte größer nicht sein können. Allein am Flügel sitzend, ließ Wainwright seine klare Stimme in den trüben Himmel steigen und scherte sich nicht um das mißmutige Publikum.

Hände aus den Taschen

Für Sting wurde das Instrument weggeräumt und Kabel eingestöpselt. Der Eröffnungssong "Send your love" ertrank fast im Elektrobrei; eine Krankheit, die auch die meisten anderen neuen Lieder infizierte. Das Publikum gab sich denn auch zunächst spröde. Es dauerte fast eine Stunde, bis sich bei älteren Titeln wie "Fragile" und "Fields of Gold" nicht nur die Hosenböden von den Bänken, sondern auch die Hände aus den Jackentaschen lösten. Aber dann war kein Halten mehr, auch wenn Sting sein schönstes Stück der letzten Jahre, "Stolen Car", mit einem Hip-Hop-Cover verdarb.

Dafür hielt er den obligatorischen Appell zur Weltverbesserung kurz ("Don't Do Nothing") und besann sich lieber auf seine besten Zeiten mit "Walking On The Moon", "Englishman in New York" und "Roxanne", dem rot leuchtenden Höhepunkt des Abends. Hier, im Herzen seiner Musik angekommen, hatten auch die Hymnen "If I Ever Lose My Faith In You" und "Every Breath You Take" nichts von ihrer Magie verloren. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein früheres Lebensgefühl und an ein bemerkenswertes Konzert - ohne Bedauern, daß beide der Vergangenheit angehören.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2004, Nr. 138 / Seite 39
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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