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Soulsängerin Adele Aschenputtels Attraktion

Beichten für beste Freundinnen: Die neunzehnjährige Adele sieht aus wie eine pummelige Schülerin mit Pony, gilt aber als neuestes britisches Soulwunder - und Gegenentwurf zur destruktiven Energie einer Amy Winehouse.

© AFP Vergrößern Britisches Stimmwunder: Adele

Zu dumm, dass es nur eine Amy Winehouse gibt. Zumal diese ständig durch Drogenskandale, Beziehungskrisen und Nervenzusammenbrüche von ihren Sangespflichten abgehalten wird. Warum also nicht die Sängerin doppeln? Und eine bravere, bürgerliche Zweitausgabe des weißen Soulwunders erschaffen? So jedenfalls dürften böse Zungen die erstaunliche Blitzkarriere von Adele persiflieren. Einer neunzehnjährigen Sirene aus Tottenham, die gerade bei den Brit-Awards den Kritikerpreis gewonnen hat und laut einer BBC-Umfrage unter Industrie-Insidern als „nächstes großes Ding“ von der Insel gelten durfte – und das obwohl sie zu dem Zeitpunkt erst zwei Singles veröffentlicht hatte.

Adele Adkins kommt nicht nur von der Brit Performing Arts School, derselben Schule, die vor ihr schon die Pop-Stars Amy Winehouse und Kate Nash hervorbrachte. Sie hat auch Starthilfe von Winehouses Produzent Mark Ronson erhalten. So mag es nicht wundern, dass ihr gerade veröffentlichtes Debütalbum „19“ sofort an die Spitze der Charts schoss – und Vergleiche mit der „bösen Schwester“ Amy geradezu herausfordert.

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Pummelige Schülerin mit Pony

Dabei scheint beide rein äußerlich nicht allzu viel zu verbinden: Anders als die hagere, tätowierte Kollegin wirkt Adele wie eine pummelige Schülerin mit braver Pony-Frisur. Eine unglücklich Pubertierende womöglich. Aber niemals der Vamp, dem wir wirklich Gefährliches zutrauen. Wie also kommt der Hype um diese jüngste britische Soul-Sensation zustande? Tatsächlich verkörpert Adele – ähnlich wie vor ihr Joss Stone und Amy Winehouse – die Ausdruckskraft einer reifen schwarzen Soul-Chanteuse im Körper eines blassen englischen Mädchens.

Britain''s Adele celebrates after winning the Critic''s Award at the Brit Awards at Earls Court in London © REUTERS Vergrößern Zur Hörprobe: Adele, Chasing Pavements

Zumindest suggerieren das Balladen wie „Hometown Glory“ oder „Chasing Pavements“, wo der Gesang der Neunzehnjährigen über sparsamster Begleitung die Erdigkeit des Rhythm ’n’ Blues entfaltet. Oder „Cold Shoulder“: Mark Ronson hat diesen Uptempo-Ausreißer produziert, Adeles selbstbewusst-melancholischer Klage Streicher zur Seite gestellt und einen treibenden Breakbeat unterlegt. So wird Pop gemacht, der gleichzeitig edel-patiniert und doch zeitgemäß klingt.

Vulkanischer Gesang

Überhaupt Mark Ronson: Der Mann hinter dem Retro-Sound von Amy Winehouses Opus „Back To Black“ wie auch Teilen von Lily Allens Album „Alright, Still“ hat wesentlichen Anteil an Adeles Karriere. Seitdem er sich mit der Sängerin bei den Aufnahmen zu ihrem Album anfreundete, führt er sie regelmäßig in den Bars und Lokalen seiner Heimatstadt New York aus, und stellt sie prominenten Kollegen wie Beyoncé Knowles oder Kanye West vor. Letzterer wiederum hat ihr Video zu „Chasing Pavements“ gleich in seinen Blog genommen (Original-Kommentar West: „This shit is dope!!!“). Offensichtlich verfehlt Adeles vulkanischer Gesang selbst bei den Hip-Hop-Veteranen nicht ihre Wirkung. Sind Model-Proportionen doch noch nicht das ein und alles im Rhythm ’n’ Blues?

Trotzdem: Ist die Ausrufung zur Souldiva nicht etwas viel Vorschusslorbeer für eine Neunzehnjährige, die gerade mal ein Dutzend Songs aufgenommen hat und in London immer noch bei ihrer Mutter wohnt?

Zumindest Adeles Willen und Mut sind unumstritten: In ihrer Schule im ehemaligen Arbeiterviertel Tottenham sang sie als einziges weißes Kind mit ihren schwarzen Klassenkameraden Rhythm ’n’ Blues, brachte sich selbst bei, Gitarre zu spielen, und legte sich schon als Dreizehnjährige Platten von Ella Fitzgerald und Etta James zu. So die Legende. 2004 hatte die Tochter einer Masseuse und eines Werftarbeiters mit nur vier selbstkomponierten Songs angefangen live aufzutreten – nachdem sie zuvor jahrelang zum Vergnügen ihrer Mutter und deren Freunde im heimischen Wohnzimmer Spice-Girls- und Gabrielle-Hits dargeboten hatte. Zwei Jahre später wurde XL-Records, ansonsten Heimat von renommierten Acts wie Radiohead, Dizzy Rascals oder den White Stripes auf sie aufmerksam.

Ambition und Marketing

Der Rest ist eine Mischung aus Ambition und geschicktem Marketing: Ihre neue Plattenfirma plazierte Adele mit einer akustischen Darbietung von „Daydreamer“ an der Seite von Paul McCartney im britischen Fernsehen, anschließend erklärte der angesagte Südlondoner Singer/Songwriter Jack Penate, er würde mit dem Mädchen auf Japan-Tournee gehen. Als dann noch Mercury-Gewinner Jamie T sich als Fan outete, hatte Adele zwar immer noch keine eigene Platte auf dem Markt, galt aber längst via MySpace und iTunes als Star und war vom Aschenputtel zur Prinzessin herangewachsen.

Möglich, dass das talentierte, selbstbewusst rundliche Mädchen von nebenan dabei von seinem Underdog-Status profitierte. Doch dann schwingt immer auch echte Bewunderung mit: für die Vertrautheit in ihrer rauchigen Soul-Stimme, für die ehrliche Ungeschütztheit, mit der sie singt. Schließlich trägt Adele ihr ewiges Thema – das Verletztwerden – mit der Emotionalität einer Beste-Freundinnen-Beichte vor. Nein, hier wird nicht gespielt. Vielmehr gehört Adele mit Amy Winehouse, Kate Nash, Duffy oder Amy Macdonald zu einem Typus weiblicher Sänger, die ihre Songs in der Tradition von Joni Mitchell selbst schreiben, Gitarre spielen – und nichts besser können, als Bekenntnisse ihrer starken aber unglücklichen Persönlichkeiten abzulegen.

Ob Adele aber auf Dauer bei der naiven Unverblümtheit ihres Debüts verharren kann? Ihre zwischen Teenager-Verliebtheit, Frustration und Schmerz angesiedelten Geschichten könnten in der Wiederholung rasch an Anziehungskraft verlieren. „Mein Debüt bringt bewusst eine Kindersicht auf die Liebe“, erklärt Adele frei weg. Über die Frage, ob sie mit ihren Balladen Hörer langweilen würde, aber zerbreche sie sich nicht den Kopf: „Wetten, dass meine Liebe intensiver ist als die jeder Dreißigjährigen?“

Adele, 19. XL Recordings/Beggars XL 313 (Indigo)

Quelle: F.A.Z.

 
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