28.07.2009 · Wo kommen diese Frauen her? Die Sängerinnen dieses Sommers ignorieren die geläufigen Erotikschablonen und inszenieren sich so, wie sie es wollen. Beth Ditto und Lady Gaga, Elly Jackson und Emilíana Torrini: ein Putsch, eine Befreiung.
Von Meredith HaafJeden Sommer gibt es dieses eine Lied, das bei Frauen einen Laut provoziert, der zwischen einem Juchzer und einem Erregungsschrei liegt. Wenn sie dann die Tanzfläche stürmen, werden sie das dieses Jahr ziemlich sicher zu dem Lied „Like a Jungle Drum“ tun, der momentanen Nummer eins der Single-Charts. Emilíana Torrini singt diesen Song, der in erster Linie lautmalerisch illustriert, wie ein verliebtes Herz schlägt; und der das offenbar so gut und realistisch tut, dass „Like a Jungle Drum“ auf Schülerfesten genauso populär ist wie unter den Erwachseneren. Interessant ist vor allem das Video zu „Like a Jungle Drum“. Darin hüpft Emilíana Torrini, eine zarte Frau Anfang dreißig, in einem orangefarbenen Sack mit Ärmeln durch eine Art Bühnenurwald. Manchmal taucht ihr Gesicht aus einem Blütenkranz auf, manchmal singen die Blumen mit, immer lacht Emilíana Torrini. Ein bisschen Papagena, ein bisschen Pippi Langstrumpf ist diese Inszenierung: hübsch, gut gelaunt, mitreißend.
Und kein bisschen erotisch. Zumindest, wenn man unter Erotik die herkömmliche Kombination aus reduzierter Kleidung, glänzenden Körperpartien und lasziven Bewegungen versteht. Nichts davon ist in diesem Video zu sehen. Umso überraschender ist der Zusammenhang, in dem Emilíana Torrinis Single erst richtig bekannt wurde: Nämlich als Begleitmusik zum sogenannten Dessous Walk im Finale von „Germany's Next Topmodel“. Nach der Sendung schossen die Download-Zahlen des Stücks in die Höhe.
Mehr als: Begehre mich!
Zehntausende Menschen, die zuvor eine Sendung voller aufwendig produziertem Sexyprofessionalismus gesehen haben, tanzen jetzt also zu einem Lied, dessen Urheberin sich genau dem augenscheinlich völlig entzieht. Denn Emilíana Torrini, Lady Gaga und die anderen Frauen, die in diesem Sommer die Popmusik dominieren, ignorieren die herkömmlichen Medienformeln von Schönheit und Sex. Auf einmal sehen wir an Frauen extreme Formen, Bewegungen oder Frisuren, wie sie lange nur in subkulturellen Nischen oder medialen Randnotizen Platz hatten. Die Körper dieser Popstars sind da, sie stoßen sich hinein in den Blick des Betrachters. Sie lösen Irritation, Faszination, Widerwillen aus - sie transportieren jedenfalls mehr als die Botschaft: Begehre mich!
Spätestens seit dem unglaublichen Erfolg von Britney Spears Ende der neunziger Jahre sehen Popsängerinnen und Prominente meist auf ziemlich ähnliche Art sexy aus. Plattencover, Werbebilder und Videoclips überschwemmen das Auge mit athletischen Figuren, willig offenbarten Rundungen, kussbereiten Schnuten, Signalrequisiten sexueller Bereitschaft. Das Haar des weiblichen Popstars ist fast immer lang - siehe Mariah Carey, Madonna, Christina Aguilera, Beyoncé; und dann der enorme Skandal, den Britney Spears mit ihrer Kopfrasur vor zwei Jahren auslöste. Das Dekolleté liegt frei, die ganze Präsentation transportiert eine Erotik der verfügbaren Projektionsfläche.
Öde und überholt
Denn die, so nehmen Marketingstrategen an, sage der Mehrheit der potentiellen Konsumenten zu. So wird jedes Sternchen, jede Jeanette Biedermann angerichtet nach dem ewig selben Schema, dessen Vollendung Paris Hilton personifiziert, eine Frau, die eigentlich mit sehr wenig außer einer bestimmten Art, sexy zu sein, sehr viel Erfolg hat. Selbst Madonna, deren Karriere auf inhaltlichen und ästhetischen Tabubrüchen gründet, hat sich in den letzten Jahren einer massenkompatiblen Optik verschrieben. In ihren letzten Videos robbte sie halbnackt über Tanzflächen, stellte halbherzige Verbindungen zu urbanen Subkulturen her und rieb sich an Justin Timberlake, was alles ganz okay war, aber nicht gerade ungewöhnlich für eine Popsängerin im letzten Jahrzehnt. Madonna ist zwar die Bedingung der Möglichkeit sexualisierter Inszenierung, doch ästhetisch ist sie zuletzt näher an Britney Spears als an sich selbst gewesen. Das alles geht jetzt schon eine gute Weile so und fühlt sich genauso öde und überholt an, wie es riesige Plattenlabels und deren Vermarktungsstandards mittlerweile sind.
Die Frauen, die in diesem Jahr in der Popwelt besondere Aufmerksamkeit erregen, begannen ihre Karrieren abseits von der Industrie. Vielleicht hängt es damit zusammen, vielleicht auch mit einer ästhetischen Erschöpfung der Konsumenten: Lady Gaga, Beth Ditto (The Gossip) oder Elly Jackson (La Roux) transportieren jedenfalls künstlerische und körperliche Selbstbestimmung in einem Maße, mit dem Massenerfolg schon lange nicht mehr möglich schien. Musikalisch und auch optisch unterscheiden sie sich zwar einerseits sehr stark. Andererseits inszenieren sie sich im absoluten Widerspruch zu dem Paradigma der größtmöglichen Gefälligkeit, an das sich der Betrachter im letzten Jahrzehnt gewöhnt hatte, wenn es um junge Frauen in den Medien ging.
Übergewichtige Punklesbe
Hier ist Beth Ditto in ihrem Dominokleid. Als übergewichtige Punklesbe in den Südstaaten groß geworden, hat sie vermutlich früh jeden Versuch aufgegeben, in irgendeine heterosexuelle Normalität zu passen. Nachdem ihrer Band The Gossip vor zwei Jahren mit „Standing in the Way of Control“ ein weltweiter Hit gelungen war, freundete sich Ditto schnell mit Kate Moss an und wurde in Großbritannien zum Darling der Modewelt; bei den Schauen von Chanel sitzt sie in der ersten Reihe. Ditto kritisiert bei jeder Gelegenheit das herrschende Schönheitsideal, das Frauen ihrer Statur explizit ausschließt.
Bei Konzerten reißt sie sich Kleider von einem Leib, von dem kaum jemand angenommen hätte, dass ihn viele Menschen sehen wollen, Bilder von genau diesem Körper kommen ständig auf die Titelseite von Magazinen, die sonst eben eher Kate Moss bestellen; und vor einigen Wochen hat Ditto ihre erste Modekollektion mit viel Lila, Pailletten, Spandex und Zebramustern herausgebracht. Es gibt sie nur ab Größe 42, und keines dieser Kleidungsstücke ist dafür gedacht, Fett zu kaschieren. Ditto selbst betont bei jeder Gelegenheit, dass sie noch nie Probleme gehabt habe, sich gut anzuziehen; mit Kreativität sei alles möglich: „Nur weil mir jemand einen zu engen Rock gibt, heißt es nicht, dass ich ihn nicht über den Schultern tragen kann.“
Feuerspuckende Brüste
Das Großprojekt Lady Gaga ist in Heimarbeit entstanden. Bevor sie Gaga wurde, verbrachte Stefani Germanotta ihren Erzählungen zufolge die meiste Zeit damit, sich selbst Kostüme zu bauen. Musikalisch sind ihre großen Hits „Love Game“ und „Pokerface“ vielleicht nicht einfallsreich oder bemerkenswert. Lady Gagas Selbstinszenierung dagegen ist es. Sie zitiert Rilke in Interviews, lässt sich als Privatperson nicht blicken und kultiviert die Aura eines Aliens: „Auf die Erde gekommen, um die menschliche Kultur zu infiltrieren, eine Paillette nach der anderen“ - so die Selbstbeschreibung in einem ihrer Videos. Auf der Bühne tritt Lady Gaga eckig auf, zugleich hypersexuell, hochartifiziell und völlig unantastbar.
Während sie sich bei Shows in extrem sexualisierten Posen windet und spreizt, sorgen ihre Kostüme dafür, dass die ganze Gaga eher einer Festung als einem Objekt der Begierde gleicht. Korsetts aus Plastik, Latexbodys und Glasscherbenkonstruktionen, die sie sich an den Oberkörper montiert, gehören dazu, genauso wie die Perücken, gelegentlich der Hut oder ihr grelles Make-up. Höhepunkt ihrer Live-Auftritte ist derzeit ein Trick, mit dem sie aus ihren Brüsten Feuerwerke sprühen lässt. Das ist nicht mehr sexy, das ist aggressiv. Im Fernsehen umgibt sie ihren Kopf mal mit goldglänzenden Metallringen, mal trägt sie einen kompletten Pavillon vor dem Gesicht. „Das ist meine Absperrung“, ließ sie eine Moderatorin wissen. Eine so gnadenlose Unnahbarkeit ist man von jungen, weiblichen Mainstreamstars nicht gewohnt. Gestandene Diven machen das schon immer - aber jüngere Frauen in der Öffentlichkeit spielen doch meistens das Weiche, leicht zu Handhabende, das Playboyhäschen-Ideal.
Hosen und Turnschuhe
Elly Jackson verachtet Lady Gaga künstlerisch und ist doch genauso kalt wie sie. Das Album ihrer Elektro-Band La Roux muss man diesen Sommer gehört haben - und man muss sich einmal das Video zu der Singleauskopplung „Bulletproof“ ansehen. Darin läuft Jackson andauernd auf die Kamera zu, ihre rote Tolle ist zu einem spitzen Horn geformt, der Gesichtsausdruck so versperrt, dass Küsse das Letzte sind, was man von ihr möchte. Wegen ihrer zugeknöpften Kleidung schreiben Kritiker gerne, dass Jacksons Stil erfrischend androgyn sei, was sich auch anbietet, weil die Texte bei La Roux genauso oft verführerische Frauen wie herzensbrecherische Männer thematisieren. Vielleicht geht es aber gar nicht um Androgynität, sondern einfach nur um Weiblichkeit an sich. In einem Interview äußerte Jackson kürzlich den völlig plausiblen Gedanken, dass Frauen in Hosen und Turnschuhen so sexy seien wie Frauen in Miniröcken und Hochhackenschuhen billig. Ihr sei es wichtig, die Möglichkeiten auszuweiten.
Dass Popstars keine Fläche für konventionelle sexuelle Projektionen bieten, sich den medienüblichen Reizschemata entziehen, Sexyness außerhalb der herkömmlichen Codes und offensive Autonomie inszenieren - das ist vielleicht nicht völlig neu (erinnert sich noch jemand an die Frau, die Madonna in den Achtzigern war?); wir hatten es nur ganz vergessen. Nach Jahren von Britney-Paris-Variationen, Topmodellsendungen und omnipräsenter Stromlinienweiblichkeit kann man aber zumindest sagen, dass sich Popkultur anschickt, so verwirrend und interessant auszusehen wie die Zeit, in der wir leben.
Ob es nicht viel einfacher ist?
Thomas Berger (tberger)
- 28.07.2009, 11:58 Uhr