06.12.2007 · Ist Steven Patrick Morrissey, Sänger der Band „The Smiths“, ein Rassist? Die englische Presse reanimiert eine fünfzehn Jahre alte Debatte - Auslöser ist ein Interview im „NME“. Dabei ist schon die Idee, mit Morrissey die politische Lage erörtern zu wollen, bizarr.
Von Harald StaunWeltflucht, Narzissmus, Innerlichkeit - auf diese Begriffe brachte man Anfang der Achtziger die Musik der britischen Band „The Smiths“. Ihre Kritik an den sozialen Verhältnissen, so explizit sie daherkam („Margaret on the Guillotine“), löste sich dabei immer in allgemeinen Weltschmerz auf - weshalb schon die Idee, mit Steven Patrick Morrissey, dem stilprägenden Sänger der Gruppe, die politische Lage des Landes zu erörtern, so bizarr erschienen wäre wie der Wunsch, mit Margaret Thatcher zusammen Lyrik zu verfassen.
Im Laufe der Jahre jedoch hat sich Morrisseys Narzissmus zu einem nostalgisch verklärten Englandbild entwickelt. Die Frage, ob aus dem selbstverliebten Dandy ein fremdenhassender Rassist spricht, war dabei schon früher kaum eindeutig zu beantworten. Nun wird sie in der britischen Presse wieder diskutiert. Ein Interview in der aktuellen Ausgabe des „New Musical Express“ ist der Anlass zur Wiederkehr einer Debatte, die fünfzehn Jahre alt ist. Erst vor drei Jahren hatte Morrissey seinen „NME“-Boykott beendet, nachdem das Blatt 1992 einen Auftritt des Sängers skandalisiert hatte, bei dem er, in den Union Jack gehüllt, „England for the English“ sang.
Im Interview selbst alles halb so radikal
Auch diesmal geht es wieder um den Vorwurf des Nationalismus: „The gates of England are flooded. The country's been thrown away“, wird Morrissey schon auf dem Titel zitiert - da hilft es auch nichts mehr, dass im Interview selbst alles halb so radikal klingt. Wer es noch nicht wusste, kann dort etwa nachlesen, dass der momentan vorwiegend in Rom lebende Morrissey den Verlust der britischen Identität betrauert, sich beklagt, dass man auf den Straßen des Londoner Stadtteils Knightsbridge keinen englischen Akzent mehr hört, und dass er für eine restriktive Einwanderungspolitik plädiert.
Die Reaktion Morrisseys und seiner Anwälte klingt zunächst wie der in solchen Fällen übliche Reflex. Die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen, und überhaupt sei das ganze Interview nur mit der Absicht geführt worden, Morrissey auflagenträchtig zu diskreditieren. Als Beweis dafür soll eine E-Mail dienen, die auf der Morrissey-Fanseite „True To You“ im Internet veröffentlicht wurde: Darin distanziert sich der „NME“-Mitarbeiter Tim Jonze, der das Interview geführt hatte, von dem Artikel - allerdings, wie er daraufhin in seinem eigenen „Guardian“- Blog erklärte, eher deshalb, weil es ihm nicht kritisch genug gewesen war
Alle Aussagen gebe es auf Band. Nun warten beide Seiten darauf, dass Jonze aus seinem Urlaub zurückkehrt, um das Beweisstück zu prüfen. Das ist bitter für alle Fans der Musik: Wer hätte es je für möglich gehalten, bei einer Diskussion über Morrissey an Eva Herman denken zu müssen?
Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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