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Veröffentlicht: 15.03.2017, 15:05 Uhr

Zum Siebzigsten von Ry Cooder Bis die Kinder Boogie tanzen

Bei diesem Musiker gehen Bluesgefühl und Folkwitz eine wilde Ehe ein: Dem hakenschlagenden Slidegitarristen Ry Cooder zum siebzigsten Geburtstag.

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© Warner Music In der Slidegitarristen-Pose kennt man Ry Cooder ja gut, warum also sollte er nicht auch mal als Hipster gehen?

Vor einigen Jahren hatte Ry Cooder eine wunderbare Idee: „John Lee Hooker for President“, forderte er 2011 auf der sarkastischen Politpolka-Platte „Pull Up Some Dust and Sit Down“. Da war Hooker zwar schon seit zehn Jahren tot, aber das machte den Song nur noch besser. Wie schön die Welt wäre mit Hooker als Präsidenten, malte Cooder mit ulkiger Phantasie und im bluestypischen Slang aus, in dem „children“ zu „chillen“ vernuschelt werden und manchmal auch noch ein Plural-S geschenkt bekommen: „Little chillens get milk, cream and alcohol two times a day if they stay involved in school. Now boogie chillen.“

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Aus diesem Stück kann man viel Charakteristisches über Ry Cooder erfahren: nämlich dass Bluesgefühl und Folkwitz bei ihm seit je kaum zu trennen sind, dass er den großen Vorgängern nicht nur mit Respekt begegnet, sondern diesen gern auch musikalisch fruchtbar macht (seine Alben bieten oft Mischungen aus Traditionals, Coverversionen und Eigenkompositionen) und dass er sich seit einiger Zeit zunehmend politisch einmischt und dies auch in seiner Kunst zum Ausdruck bringt.

Politische Einmischung, die auch in seiner Kunst zum Ausdruck kommt

Respekt und Wertschätzung wurde Cooder freilich auch schon früh umgekehrt von großen Musikern gezeigt: Als er 1970 sein Debütalbum veröffentlichte, konnte er bereits auf eine fast unglaubliche Fülle von Kollaborationen zurückblicken. Er hatte mit den Country-Folkies Doc Watson und Bill Monroe Banjo in einem Trio gespielt, mit dem Bluesmusiker Taj Mahal zusammen Gitarre in der Band The Rising Sons, hatte an Captain Beefhearts Album „Safe as Milk“ (1967) mitgewirkt und mit Randy Newman, Van Dyke Parks sowie den Rolling Stones als Sessionmusiker gespielt, auch auf der Mandoline. Durch seine Slidegitarren-Beiträge etwa zu „Sister Morphine“ von den Stones und zu „Willin’“ von Little Feat hatte Cooder sich bereits große Meriten erworben, bevor es auch nur eine eigene Platte von ihm gab.

45307211 © dpa Vergrößern „Unterwegs“ als Lebensgefühl: Ry Cooder am Steuer eines alten Autos, in dessen Laderaum seine Gitarre liegt.

Dass der auf der Bühne eher introvertierte, aber seines famosen Spiels lässig gewisse Mann, der seit einem Unfall im Kindesalter ein Glasauge hat, hierzulande insbesondere als Slidegitarrist wahrgenommen wird, ist wohl auch der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Wim Wenders zu verdanken, in dessen stilbildendem Film „Paris, Texas“ ebendiese Slidegitarre eine tragende Rolle spielt.

Das durfte sie dann auch noch bei zahlreichen Soundtracks zu anderen Filmen, darunter „Crossroads“ (1986) und „Trespass“ (1992). Und doch würde man Cooder nicht annähernd gerecht, wenn man den Fokus nur auf seine Künste am Flaschenhals legen wollte – er hat in seinem Schaffen inzwischen so viele Haken geschlagen, dass es für mehrere Musikerbiographien reichen würde. Als Sänger ist er ähnlich zurückhaltend wie Mark Knopfler, aber gerade das kann ja auch seinen Reiz haben, wie man bei so waidwunden Balladen wie „That’s the Way Love Turned Out For Me“ leicht feststellt.

Giftige Tweets über den jetzigen amerikanischen Präsidenten

Die Nähe des in Los Angeles Geborenen zu Mexiko etwa hat sich immer wieder ausgewirkt in teils ernsten, teils wohl auch ironischen Mariachi-Einflüssen. Und sie war wohl auch die Basis für seine inzwischen weltmusikalischen Projekte und sein Verdienst am „Buena Vista Social Club“ (1999), der fast vergessenen kubanischen Musikern eine zweiten Karriere und uns ewige Ohrwürmer bescherte.

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Nebenbei ist Cooder, der auch eifrig twittert, zu einem scharfen Kritiker amerikanischer Lokal- und Globalpolitik geworden. In Los Angeles setzt er sich seit Jahren für die Erhaltung historischer Gebäude ein und postet immer wieder nostalgische Bilder in sozialen Medien, die ein Amerika des verblichenen Glanzes zeigen. 2009 wirkte er in dem kritischen Dokumentarfilm „The People Speak“ mit, 2012 überraschte er mit dem explizit politischen, aber auch musikalisch brillanten Album „Election Special“, das besonders auf gewisse republikanische Politiker zielte. Auch über Donald Trump hatte Cooder noch bis in den vergangenen Herbst hinein giftig getwittert, nach der Wahl allerdings hat es ihm offenbar erst einmal die Sprache verschlagen. Aber wer weiß, vielleicht kann der heute siebzig werdende Ryland Peter Cooder auch das noch künstlerisch verarbeiten.

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