06.04.2008 · Politiker kann man abwählen. Aber die Rolling Stones hören einfach nicht auf, jetzt rocken sie sogar im Kino weiter. Dabei kann man prima ohne die Band auskommen.
Von Tobias RütherAm vergangenen Dienstag haben sie im Radio die laufende Sendung für eine Eilmeldung unterbrochen: Die Rolling Stones, hieß es, haben sich soeben aufgelöst. Leider war das nur ein Aprilscherz. Doch selbst wenn es wahr gewesen wäre, hätte es den Kult um die Band vermutlich nur noch vergrößert. Den Kult um die "größte Rockband der Welt", wie man so sagt. Um Keith. Und Charlie. Und Mick.
Mick vor allem. Ich kann mir seinen Namen inzwischen nur noch so vorstellen, wie Uschi Obermaier ihn ausspricht: Der Migg. Der Migg Dschägger. Und der Dschimi, damit ist dann Jimi Hendrix gemeint, und da sind sie dann auch schon alle zusammen, die ganzen Rock 'n' Roller von 1968, deren Songs im aktuellen Jubiläumsjahr, vierzig Jahre danach, fortwährend rock-'n'-rollige Beiträge in Kulturmagazinen untermalen müssen. Ob bei "aspekte" oder im Kulturjournal: In allen Kanälen stürmt Rudi Dutschke im Ringelpullover vorwärts, Arm in Arm mit seinen Kommunarden, und dazu erklingt, was sonst, Migg Dschäggers Stimme: "Ev'rywhere I hear the sound of marching, charging feet, boy!"
1961 ging's los
Auf der Rangliste von Liedern, die als Soundtrack zu '68 herhalten müssen, steht "Street Fighting Man" von den Rolling Stones ganz oben, gefolgt von der Version der amerikanischen Nationalhymne "Star-Spangled Banner", wie sie Jimi Hendrix 1969 in Woodstock herunterjaulte, und von Buffalo Springfields "For what's it worth", das von den Hippie-Unruhen der kalifornischen Sixties handelt. Bitte nicht falsch verstehen, das sind alles vernünftige Lieder, doch sind sie überstilisiert worden zum Selbstvergewisserungssound einer Generation, die wie jede Generation - genau wie meine, fünf Jahre nach 1968 geboren - nicht vergessen kann, wie schön es war, jung zu sein, was für ein Aufruhr der Herzen. Wäre es aber nur Nostalgie, wäre es mir egal. Der Kult um die Rolling Stones und den Rock 'n' Roll von damals geht allerdings einher mit der Behauptung, das sei noch richtige Musik, das seien noch richtige Menschen gewesen - und alles, was danach kam, Schwundstufe, Technik, Anpassung und Ausverkauf. Um es mit den Worten Jutta Ditfurths zu sagen, die kürzlich beim "aspekte Spezial" über den "Nachhall von '68" zu Protokoll gab: "Ich habe das Gefühl, manche von denen, auch wenn sie Spätgeborene sind, sind teuflisch neidisch, dass sie so eine spannende Zeit nie hatten, sondern viel zu früh Karriere machten und sich wahrscheinlich furchtbar langweilen."
Viel zu früh Karriere zu machen und sich heute furchtbar zu langweilen - das könnte auch ein Grund sein, warum die Rolling Stones, die gerade achtzehn waren, als Keith und Migg im Jahr 1961 zusammenfanden, immer noch auf Tour gehen und Platten aufnehmen. Sie haben den Marsch durch die Institutionen angetreten, unterwegs ihren Platz gefunden, sich bequem eingerichtet, und jetzt gehen sie nicht mehr weg, oder besser: Sie klammern sich fest, um nicht gehen zu müssen. Irgendwie kommt einem das bekannt vor, ihre Fans wie Jutta Ditfurth haben es nämlich genauso gemacht. Die gealterten Stones, deren Rebellion nur noch in der Inszenierung aufflackert und von den alten Heldentaten zehrt (das gilt übrigens auch für die Sex Pistols), diese Rolling Stones verkörpern die große Erzählung von 1968, wie sie von damaligen Protagonisten bis heute am Leben gehalten wird: Dass es für sie unendlich viel schwerer gewesen sein soll, jung zu sein, weil die Gesellschaft so verkrustet war. Wer damals studierte, der konnte aber durch offene Türen in den Mittelbau der Bundesrepublik stürmen, weil der seit der Bildungskatastrophen-Diskussion jener Jahre mehr als genug Stellen für sie bereithielt - und nervt heute die Nachgeborenen und Kinder der Kohl-Ära damit, geglättete Vollkasko-Biografien zu haben und "Karriere zu machen".
Die Abiturienten tanzen
Einmal unterhielt ich mich auf einer Pressereise mit einem gleichaltrigen Kollegen über englische Gitarrenbands, Blur und Radiohead, Britpop. Ein anderer Kollege, der in Hamburg nebenher ein Blueslokal führt, hörte zu und pampte uns irgendwann an: "Jedes Riff von Keith Richards hat mehr Seele als der ganze Quatsch von euren Bands zusammen!" Geschenkt, dass er dabei wahrscheinlich genauso klang wie sein Vater, circa 1969, als der gegen die langhaarigen Gammler aus dem "Beatclub" anbrüllen musste - aber ich würde wirklich gern mal einen Fan der Rolling Stones treffen, der ein ironisches Verhältnis zu der Musik seiner Jugend hat. Oder so ironisch zu "Street Fighting Man" tanzen würde wie all die Abiturjahrgänge, die in diesem Frühjahr bei ihren fünfzehn- oder zwanzigjährigen Nachtreffen zu den Hits von damals mitsingen, zu "I Like Chopin", "Take on me" oder "Self Control".
Sind diese tanzenden Abiturienten nun Karrieristen, oder haben sie nicht viel eher gelernt, mit einer Konsumkultur umzugehen, die seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts den Pop überformt hat? Jedenfalls dreht Hollywood heute über den Sound der Reagonomics und der Kohl-Ära Filme wie "Mitten ins Herz", wo Hugh Grant einen Elektropopper auf den Trümmern seiner Karriere von 1983 spielt, samt übertoupierter Föhnfrisur, Umhängekeyboard und ironischem Hüftschwung. Über die Rolling Stones dagegen dreht Martin Scorsese mit ungefähr zweihundertachtundfünfzig Kameraleuten in einem New Yorker Theater einen Konzertfilm, der immerzu "Legende! Mythos! Meisterschaft!" schreit. Seit dieser Woche läuft "Shine a light" auch in den deutschen Kinos. Der messianische Titel sagt alles.
Immerhin: „Angie“ ist besser als „Yesterday“
Ich besitze keine einzige Platte der Rolling Stones. Ich bin auch nicht für die Beatles, das sind nur die Grabenkämpfe von damals. Ich habe allenfalls Sympathie für Menschen, die sich wünschen, dass die Rolling Stones im Höllenschlund auf den Schultern der Beatles stehen, weil "Angie" immer noch ein kleines bisschen besser ist als "Yesterday". Ist das frevelhaft? Die Einflussphilologie der Popmusik, die manche Bands zu Säulenheiligen erklärte, weil sie andere nach ihnen inspirierten, hat eher damit zu tun, dass so eine junge Kunstform wie die Popmusik glaubt, sich erst noch mit einer Abstammungstafel ihrer Legitimation versichern zu müssen. Aber "kein Mensch muss irgendwas, das ist ja dieser Mama-Papa-Scheiß", hat der Achtundsechziger Klaus Theweleit einmal gesagt. Man muss dann natürlich auch nicht die Rolling Stones hören, aber sie sind nun mal allgegenwärtig, im Kino, auf der Bühne und in Aprilscherzen, für die laufende Radioprogramme unterbrochen werden.
Im Film "Sonnenallee" schießen DDR-Grenzsoldaten auf den jungen Wuschel, der überlebt aber, weil ihn eine Platte der Rolling Stones vor der Brust rettet, und als er dann die Einschusslöcher im Vinyl von "Exile on Main Street" sieht, bricht er in Tränen aus: Denn das ist die Platte, die vom "Rolling Stone" mal zum siebtbesten Album aller Zeiten gewählt wurde. Solche Bestenlisten nehmen der Popmusik aber genau die emanzipatorische Kraft, für die man sie lieben kann. "Wir Jungen werden nie so viel erleben", heißt es am Ende von "König Lear", aber das stimmt nicht, auch wenn wir seit Jahren in einer Zitatschleife hängen und nicht rauskommen: Wir werden noch so viel erleben. Zum Beispiel eines schönen Tages das Ende der Rolling Stones.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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