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Schmidt in Berlin Ein Vamp singt rückwärts

Der Tournee-Auftakt der New Burlesque-Sängerin Elisa Schmidt wirkt, trotz Swinging-Sixties-Toupierhaarwasserfall und erfolgversprechenden Chansons, wie ein leeres Schauspiel. Willkommen in der Retro-Hölle!

© Pein, Andreas Vergrößern Schmidt lasziv bei ihrem Berliner Konzert

Willkommen in der Retro-Hölle: In einer Bar, deren komplett verspiegeltes Deckengewölbe von Achtzigerjahre-Coolness träumt, singt eine Frau mit Swinging-Sixties-Toupierhaarwasserfall Lieder, die klingen, als würde in einem James-Bond-Film eine Zwanzigerjahre-Casinojazzcombo auftreten. Hilfe, holt mich hier raus!

Der Auftritt der Berliner Sängerin Schmidt in der Berliner Bar Tausend ist ein hochprofessionell gemachtes Produkt, hergerichtet für den Weltmarkt nach der Rezeptur eines seit Jahren aus den Vereinigten Staaten ausstrahlenden Trends namens New Burlesque: Die Bezeichnung steht für Unterhaltungsshows, die mit Strapsen, Zigarettenspitzen und anderem pseudoverruchten Varietéklimbim die nostalgisch-verklemmte Phantasie davon inszenieren, was sich irgendwann zwischen 1918 und 1968 in Nachtclubs abgespielt haben könnte.

Schmidt - der Vorname Elisa wurde zur Schärfung des Markenprofils weggelassen - steht mit ihrem klischeedeutschen Namen für das Burlesqueklischee von Berlin vor 1933 im Sinne des Broadway-Musicals „Cabaret“. Wie es heißt, wird die Nachwuchskünstlerin im nächsten Sommer im Vorprogramm von Elton John Gastspiele in Australien geben. Beim Auftakt ihrer Deutschland-Tournee trägt die zweiundzwanzig Jahre alte Sängerin ein hautenges schwarzes Cocktailkleid und großzügigst aufgetragenes schwarzes Make-up. Ihre Hüften schlängeln, ihre kraftvolle Stimme haucht, raunt, kiekst und säuselt wie ein bekiffter Katzenfrosch.

Ihre Stimme klingt nach Zartbitterschokoladenwerbung

Gemeinsam mit Guy Chambers, dem früheren Songschreiber und Produzenten von Robbie Williams, hat Schmidt ihr erstes, bei Warner erschienenes Album „Femme Schmidt“ aufgenommen. Darauf sind lauter gut komponierte, eingängige, erfolgversprechende Chansons über Verführung und Herzschmerz in Film-Noir-Atmosphäre, die live von einer Band mit echtem Kontrabass, Saxophon und Querflöte durchaus schmissig wiedergegeben werden. Spaß macht das Konzert trotzdem nicht. Das Problem von Schmidt ist gar nicht so sehr, dass sie für die Rolle des welterfahrenen Vamps noch zu jung ist.

Dass ihre auf rauchig machende Stimme eher nach Zartbitterschokoladenwerbung klingt als nach Fusel und Nikotin, ließe sich ebenfalls verschmerzen. Das Problem ist, dass dem Auftritt und der Musik von Schmidt eine innerliche Dringlichkeit abgeht, die dem fatalen Femme-Getue irgendeinen Sinn geben könnte. So bleibt alles nur leeres Schauspiel bis in die wie einstudiert dauersomnambul gesäuselten Ansagen hinein. Noch dazu lässt dieses Schauspiel dann doch nicht an eine Retro-Kabarettdiva in einem James-Bond-Film denken. Eher scheint es, als würde in einer deutschen Vorabend-Fernsehseifenoper eine Darstellerin eine Retro-Kabarettdiva aus einem James-Bond-Film imitieren.

Die Mehrzahl der Zuschauer scheint aus Redaktionen, Plattenfirmenbüros, Werbe- und Eventagenturen, also aus beruflichen Gründen, hergekommen zu sein. Dazwischen tummeln sich seltsamerweise lauter auffallend schöne, wohlfrisierte, sorgfältig geschminkte, modisch teuer gekleidete junge Frauen um die zwanzig, wie man sie sonst im ehemaligen Ost-Berlin nie sieht. Was geht hier vor? Beim Tanzen macht eine der jungen Frauen eine typische Diskobewegung: Sie formt mit Mittel- und Zeigefinger ein V und zieht es seitlich an ihren Augen vorbei. Der Schauspieler John Travolta hat diese Geste im Neunzigerjahre-Film „Pulp Fiction“ in Anspielung an seine Rolle im Siebzigerjahre-Film „Saturday Night Fever“ vorgeführt. Ob die Tänzerin weiß, woher das Zitat eines Zitates stammt, das sie zitiert? Willkommen in der Retro-Hölle! Ein Ausgang ist nicht zu sehen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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