27.05.2008 · Dass Schauspieler professionell zu singen anfangen, ist oft mehr eine Frage der Zeit als eine der Begabung. Aber dass Scarlett Johansson sich auf ihrem ersten Album gleich an Tom Waits versuchen musste? Immerhin macht sie mit ihrer rauchigen Stimme zu einer Handvoll Töne eine gute Figur.
Von Christina HoffmannSingende Schauspieler? Die Frage muss, spätestens seit den Zeiten Frank Sinatras, vielmehr lauten, ob es überhaupt welche gibt, die nicht singen, oder Sänger, die nicht schauspielern. Aber was jetzt kommt, hört sich wirklich wie ein Witz an: Scarlett Johansson covert Tom Waits. Die junge Schauspielerin, nach Filmen wie „Lost in Translation“, „Match Point“ und „Scoop“ weltberühmt, vertont Lieder des kaputten Tresenpoeten.
Unlängst stellte sie einem nach London eingeflogenen Presseaufgebot, das wohl nur größer war, als Bruce Springsteen hier 1975 seine „Born To Run“-Platte vorstellte, ihr Album „Anywhere I Lay My Head“ vor. Und das war dann so: Aus dem Off ein verstimmter Leierkasten, plötzlich entführt ein pralles, sanft dissonantes Orchester aus Bläsern, Glasglockenklirren, Pauken und ausladendem Schlagzeug in die schwül-warmen Südstaaten - ein äußerst pompöses Intro. Nur treffen immer wieder Töne daneben, als ob das feuchte Klima die Instrumente in Mitleidenschaft gezogen hätte.
Für eine Handvoll Töne
Derweil lässt die Dame auf sich warten. Im zweiten Lied braut sich zunächst ein Klangorkan zusammen: unheilverkündende Filmmusik, das Inventar eines ausgewachsenen Orchesters und massive Synthesizereffekte schichten sich übereinander. Dann lichtet sich die Collage, um dem wuchtigen Organ von Scarlett Johansson Raum zu schaffen: „There is nothing sadder than a town with no gin“, dröhnt ihre tiefe, belegte Stimme - eher androgyn abgebrüht als sexy lockend.
Schon als ganz kleines Mädchen, so sagt Scarlett Johansson später, hatte sie eine dunkle Stimme, mit der sie die Leute erschrak. Auch heute will die tiefe Klangfarbe zunächst nicht recht zu ihrer äußeren Erscheinung passen, erweist sich dann aber als umso prägnanterer Reiz. Ihr steht das Bad in Schmutz und Schnaps durchaus. Die erste Geige spielt sie dabei natürlich nicht; sie ist diskret in den Hintergrund gemischt, aber das war vor einigen Jahren bei Julie Delpy auch nicht anders. Das Spektrum ihres Gesangs beeindruckt denn auch weniger, es umfasst vielleicht eine Handvoll Töne.
Eine neue Spelunke für Tom Waits
Was die Theatralität betrifft, so erreicht sie die Dimensionen einer Sinead O'Connor. Und ihre Wandelbarkeit berührt dann doch: Wie eine richtige Schauspielerin schlüpft sie in die Rollen, die Waits einst im Suff in der Gosse zurückließ; sie verfremdet sie dabei, haucht ihnen neues Leben ein und zimmert ihnen eine neue Spelunke, denkbar weit entfernt von Waits Originalen. Einzig das kontemplative Stück „Song For Jo“ stammt von Scarlett Johansson und ihrem Produzenten Dave Sitek.
Siteks Band TV On The Radio ist bei diesem Unternehmen Referenzgröße und Fixstern: „Anywhere I Lay My Head“ klingt wie eine erdige, weiblichere, weniger spinnerte Version der New Yorker Band. Deren hektische Coolness weicht einem ernüchternden Katzenjammer inmitten eines ländlichen Settings mit Grillengezirpe. Die Bandbesetzung arbeitet teilweise auch für David Bowie, der in beiden Projekten als väterlicher Gast im Studio an den Knöpfen drehte und im Hintergrund sang. Mit der Frage „Tell me, who are you this time?“ klingt das einnehmende, facettenreiche Album nach einer dreiviertel Stunde aus.
Es klang so furchtbar!
Dabei hatte alles wenig verheißungsvoll angefangen: Sie war zum Singen ins Studio gegangen, aber: „Es klang furchtbar!“ (Johansson). Deswegen wandte sie sich an Sitek, der in den vergangenen Jahren einige vielschichtigste Kunst-Pop-Alben produziert hat und nun bei ihr ein gewisses Potential sah: „Lass uns eine Platte aufnehmen, die sich anhört, als hätten wir zu viel Hustensaft getrunken und würden Tinker Bell anschauen!“ Siteks Stärke liegt jedenfalls darin, musikalische Szenen von cineastischer Qualität zu bauen; Klarheit ist seine Sache weniger.
Unklar bleibt allerdings, ob Scarlett Johansson außer ihrem tiefen Gesang noch etwas anderes zu der Platte beigesteuert hat. Hat man es hier etwa mit einer Strippenzieherin zu tun, die, dem Zeitgeist folgend, einfach die richtigen Leute um sich schart? Oder ist es andersherum, und Dave Sitek hat sich die zur Zeit verheißungsvollste Projektionsfläche von ganz Hollywood herausgesucht, um ein kaufkräftiges Publikum jenseits von kunstbeflissenen Experimental-Pop-Hörern zu erreichen? Wie singt Scarlett Johansson doch in „Falling Down“ im Duett mit einer verletzlich-sanften Männerstimme: „For she loves you for all that you're not.“ Eine Bewährungsprobe auf der Bühne steht noch aus. Auftritte plane sie noch nicht, sagt die hauptberufliche Schauspielerin, denn sie leide „an schrecklichem Lampenfieber“.
Scarlett Johansson und Stephen King, ein mystisches Zusammentreffen.
Rudolf Gottfried (rudi07)
- 27.05.2008, 18:07 Uhr
Für die Tonne
lothar kempf (wilkem)
- 27.05.2008, 20:24 Uhr
unter der oberfläche.
Christof Reichelt (sugarhand)
- 31.05.2008, 10:02 Uhr