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Sam Phillips Der Mann, der Elvis erfand

31.07.2003 ·  Jeder durfte in sein Studio, schwarz oder weiß war ihm egal: Sam Phillips brachte Countrymusik und R&B in Einklang, erfand quasi den Rock 'n Roll und produzierte die ersten Lieder des King.

Von Edo Reents
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Den jungen Lastwagenfahrer mit der schwermütig-sinnlichen Ausstrahlung legte man aufs Kreuz: Elvis Presley mußte von seinen Eltern extra aus dem Kino geholt und ins Studio gebracht werden, um dort ein Interview zu geben.

Das war notwendig geworden, weil die Telefone einfach nicht mehr still standen, nachdem ein Lied über den Äther gegangen war, das Amerika veränderte: "That's Alright, Mama", eine Komposition von Arthur Crudup, markiert zumindest offiziell den Beginn des Rock'n'Roll. Elvis war im Radiostudio derartig nervös, daß der Moderator so tun mußte, als plaudere er nur mit ihm. Die Antwort auf eine einfache Frage wurde trotzdem gesendet: "Ich war auf der Humes High School, Sir." Das konnte kein Schwarzer sein! Nur Weiße gingen auf die Humes High School. Elvis Presley klang nur wie ein Schwarzer.

Er verstand Rock 'n Roll

Daß er dies tat, ist nicht das Verdienst von Sam Phillips. Aber etwas anderes, das sich nicht nur für Plattenfirmen als unschätzbar erwies, war und ist bis heute dem Mann zu verdanken, der Elvis' erste Lieder in seinem kleinen Sun-Studio an der Union Avenue 706 von Memphis auf etwas hemdsärmelige Weise produzierte: daß überhaupt jemand mit Einfluß an den Mann aus Tupelo, Mississippi glaubte, ihm die Minderwertigkeitskomplexe, die Scheu nahm. Zu danken ist ihm aber auch, daß er im Rahmen seiner Möglichkeiten die Rassenschranken einfach ignorierte und schwarze wie weiße Musiker in sein Studio ließ, den jungen B.B. King, Ike Turner, Rufus Thomas und andere - Motto: "We record anything, anywhere, anytime." So fabrizierte er beides: Rhythm&Blues und Country&Western. Es fehlte nur noch die Synthese, die ihm in Gestalt von Elvis entgegentrat.

Dieser in Florence, Alabama, geborene Talentscout, der seine Anwaltsambitionen aufgrund familiärer Not aufgab und sein Geld beim Radio verdiente, wußte, daß es nicht nur auf die Qualität und Komplexität von Musik ankommt, sondern ganz wesentlich auch darauf, wie man sich beim Hören fühlt. Dazu brauchte er einen bestimmten Beat und eine ungewöhnliche Stimme: "Wenn ich einen weißen Mann finden könnte, der die Stimme und das Einfühlungsvermögen eines Farbigen hat, dann könnte ich eine Million Dollar machen." Sam Phillips wurde ein reicher Mann, weil er etwas sehr Entscheidendes verstand am Rock'n'Roll, das uns heute als Ventilfunktion banal vorkommen mag, das damals aber etwas ungeheuer Gewagtes war. Der Kritiker Charlie Gillett notierte: "Besser als jeder andere Produzent im Land verstand Phillips die spezielle Eigenart des Rock'n'Roll: das Freisetzen von Aggressionen, die sich gegen niemanden speziell richteten."

Legende mit 50 Jahren

Speziell gegen Phillips richteten sich die Aggressionen, als dieser die anderthalb Dutzend Lieder, die Elvis für Sun Records aufgenommen hatte, mit dem kompletten Plattenvertrag 1955 für vierzigtausend Dollar, von denen Elvis fünftausend bekam, an den RCA-Konzern verkaufte. Außerdem kamen ihm mit Johnny Cash und Carl Perkins, die zu Columbia wechselten, zwei gleichfalls äußerst bedeutende Schützlinge abhanden; ihm blieben Jerry Lee Lewis, der sich bald mit Skandalen selbst ausbremsen sollte, und Roy Orbison. Heute muten diese Namen altmodisch an, damals war es die Avantgarde, die Phillips mit seinem außerordentlichen Gespür für Talente und psychologischem Geschick um sich zu versammeln und produktiv zu halten wußte. "Weiß Gott, wir hatten damals überhaupt keine Ahnung, welche Wirkung das alles haben würde."

Das Ende kam 1969. Phillips verkaufte Sun Records an den Countrymann Shelby Singleton und zog sich, eine noch nicht fünfzigjährige Legende, ins Privatleben zurück. Am Mittwoch ist Samuel Cornelius Phillips, diese Schlüsselfigur der amerikanischen Nachkriegsmusik, achtzigjährig in Memphis gestorben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2003, Nr. 176 / Seite 36
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