19.08.2005 · Stell dir vor, es ist überhaupt kein Krieg, und alle gehen hin: Fast fünfundzwanzig Jahre nach seiner Ermordung macht John Lennon als Musicalheld Karriere. Yoko Ono hat ihn für die Nutzbarmachung am Broadway freigegeben.
Von Jordan Mejias, New YorkIrgendwann in den späten siebziger Jahren saßen die Lennons in einer ihrer Wohnungen im New Yorker "Dakota" und hörten auf, an der "Ballade von John und Yoko" weiterzuschreiben. Für das autobiographische Musical hatte sich John Lennon zwar schon ein paar Songs ausgedacht, aber wie sie für die Bühne ansprechend zu verpacken wären, konnte ihm auch seine Mitarbeiterin und Gattin Yoko Ono nicht verraten. Fast fünfundzwanzig Jahre nach seiner Ermordung schafft er es nun doch noch, als Musicalheld Karriere zu machen. Oder, etwas uncharmanter, aber wahrheitsgetreuer gesagt: Yoko Ono Lennon, wie sie im Programmheft geführt wird, hat ihn für die Nutzbarmachung am Broadway freigegeben.
Frau Ono Lennon, soviel zu ihrer Entlastung, hat nicht allein das genremäßig glitzernde Malheur verursacht, das sich da als Musical ausgibt. Sie hat zwei Songs aus dem unvollendeten Werk eingebracht, und ihr Name erscheint dick gedruckt, wiewohl ohne Tätigkeitsbezeichnung auf der Besetzungsliste. Das Buch zum derart autorisierten Musical aber stammt von Don Scardino, einem Theater-, Film- und Fernsehregisseur, der sich gekonnt und absolut einfallsfrei an der Lebenslinie des schon im ersten Akt abtrünnigen Beatles entlanghangelt und dabei jede nach den Urquellen zusammengebastelte Szene in eine meistens sogar passende Musiknummer münden läßt. In seiner aufgekratzten, wenn nicht absurd beschleunigten Chronologie ist Scardinos Verfahren ein einziger Widerspruch zu einem Mann, dessen Qualitäten als Poprevolutionär, Musikgenie, Friedensstifter, Wahrheitssucher und Chaosforscher das Musical folglich umsonst einzufangen gedenkt.
Kein Musical, sondern ein Vorwand
Bei einem Songschreiber, der zumal als ehemaliger Beatle die Mauer zwischen Leben und Musik immer wieder einreißt, bieten sich für eine solch chronologische Nachbehandlung auf der Theaterbühne keine größeren Schwierigkeiten. Die Beatles-Zeit wird ohnehin schnell abgehandelt - auf besonderen Wunsch der Witwe, der das Programm "besonderen Dank" ausspricht? Ob vor oder mit Yoko, das dramaturgische Schema bleibt sich gleich. So folgt "God" prompt dem seinerzeit skandalumbrausten Vergleich, den Lennon mit Jesus angestellt hatte, hallt die Ehekrise in "I'm Loosing You" nach und spiegelt sich das Familienglück in "Beautiful Boy". "India, India", eine fast parodistische Exotennummer, sanft wallend und bisher kaum bekannt, begleitet den Erkenntnistrip zu Maharashi Mahesh Yogi. Auch drittrangige Fernsehdokumentationen sind spannender als dieses Musical.
"Lennon" ist ja aber auch kein Musical, sondern ein Vorwand. Es geht eigentlich um eine Weiterverwertung der Lennon-Hitliste. Am Broadway ist das nicht ohne szenische Beigaben zu bewerkstelligen, und auch darin übt "Lennon" sich in flauer Diskretion. Jedes bessere Rockkonzert hat heutzutage mehr zu bieten als eine leere, nur von einer Band und drei Projektionsflächen eingefaßte Bühne, deren Personal in seinem manischen Aktionismus vor der Chorus Line nicht zurückschreckt. "Jukebox Musical", höhnen da die echten Musicalfans, denen es graust, wenn Abba zu "Mamma Mia!" und die Beatles zu "Beatlemania" verwurstet werden. "Lennon" ebnet obendrein die Handlung so lange ein, bis auch Drogenexzesse und durchaus heikle Rangeleien mit dem F.B.I. nur noch als karikaturistisch überzeichnete Episoden vorkommen.
Man erkennt ihn an der Nickelbrille
Bleibt die Musik von Harold Wheeler, Lon Hoyt, John Miller, Jeffrey Klitz und Bobby Aitken. Ach ja, auch John Lennon hat postum mitkomponiert, aber Orchestrator, Arrangeur, Musikkoordinator, Sounddesigner und Musikdirektor lassen keinen Zweifel daran, wo wir uns befinden. Ob "Lennon" in Hamburg oder New York, Indien oder Kalifornien Station macht, immerfort tönt die Musik nur: Broadway! Gegen die Energieschübe und Dauerattacken elektronisch aufgeputschter Stimmbänder kommt auch ein vervielfachter Lennon nicht an. Gleich neun Solisten stehen nämlich bereit, in die Haut des Superstars und Familienvaters zu schlüpfen. Das ist der einsame konzeptuelle Clou der Sache.
Scardinos Lennon kann nicht nur Jedermann und Jedefrau sein, dank seinem multikulturellen, totalmenschlichen Appeal ist es auch egal, ob er sich eine schwarze, braune oder gar weiße Hautfarbe zulegt. Wer gerade Lennon verkörpert, läßt sich deshalb am leichtesten an der Nickelbrille erkennen. Da der Identifikationseffekt aber offensichtlich nicht ganz fehlen soll, darf der spindeldürre, bei Gelegenheit freihändig gospelnde Will Chase öfter als die andern zum Titeldarsteller avancieren. Überhaupt das Gegospel und seine ständige Begleiterin, die Melismenlust und -sucht: Kein Sänger wagt es, sich dem simplen melodischen Duktus eines Lennon-Songs anzuvertrauen. Linien verfließen in Schlenkern, Schnörkeln, vokalen Gesten. Vielleicht hätte "Lennon" sich Celine Dion mit in den Titel holen sollen.
Ein paar Sekunden sind genug
Die grundlegende Biederkeit des Unternehmens bringt freilich auch der große Lennon-Vorrat nicht in Gefahr. Das vernichtende Verdikt über "Lennon" aber kommt von John Lennon selber. Am Ende begeht Scardino den Fehler, die unvermeidliche "Imagine"-Apotheose mit einem Filmclip zu unterbrechen, mit wenigen Sekunden bloß, in denen der originale Lennon zwei, drei Takte selbst singt, einfach so, ruhig, verhalten, ohne Getue und stimmlichen Firlefanz. Das genügt, um die ganze Broadway-Bombastik zusammenkrachen zu lassen. Es genügt aber nicht, den ebenso schicken wie schlichten Antikriegsprotest zu beglaubigen. Beide Aktschlüsse machen Stimmung mit hippiesken V-Zeichen und hochgereckten Fäusten, untermalt erst von "Give Peace a Chance", dann von "Imagine". Der aktuelle Bezug ist rein unzufällig, und doch kommt die Friedens- und Protestfolklore über das historische Zitat nicht hinaus.
"Lennon" kann nicht einfach geschäftstüchtig da weitermachen, wo "Hair" aufgehört hat. Wenn die Damen sich die Gänseblümchen, die das Ensemble verteilt, bedeutungsvoll hinters Ohr stecken und in die Pause tragen, wankt keine Ranch in Crawford, Texas. Dort wird zur Zeit anders protestiert.