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Cher zum 70. : Halb ist sie Mensch, halb Kunst

Sie verströmt diese Magie: Cher 2011 in Los Angeles. Bild: dpa

Sie ist Sängerin, oscargekrönte Schauspielerin und modisches Gesamtkunstwerk, dabei vermied Cher stets das Überdrehte. Heute wird sie siebzig Jahre alt.

          Wenn Cher an diesem Freitag siebzig wird, dann stellt sich natürlich die Frage: welche Cher? Es gibt ja mehrere: das aus persönlich und finanziell instabilen Familienverhältnissen stammende, auch von noch so viel Silikon nicht restlos zu verdeckende und im Grunde bodenständig gebliebene Hippiemädchen? Die vergleichsweise gehorsame Ehefrau und Duettpartnerin Sonny Bonos? Das vor allem an Mode interessierte material girl? Die Indianer-Squaw, die sie, als halbe oder, je nach Quelle, viertel Cherokee tatsächlich ist? Die Tragödin, die ihr Schicksal in Liedern verschnulzt? Die mehr als achtbare, oscargekrönte Schauspielerin?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Cher lag jedenfalls richtig, als sie das sonst oft etwas gedankenlos verwendete Wagnersche Wort vom „Gesamtkunstwerk“ auf sich anwendete. Nur im Ganzen, mit Haut und Haar, mit echten und mit künstlichen Körperteilen, verströmt sie diese einmalige, auch von ihrer kleinen Möchtegernschwester Madonna nicht erreichte Magie. Dass sie auf der Bühne nach jedem Lied ihre Garderobe wechselt, ist untertrieben; wer eins ihrer Konzerte gesehen hat, dem kommt es so vor, als täte sie dies nach jedem Takt.

          Ihn wurde sie auch noch los: Cher mit Sonny 1967. Bilderstrecke

          Sie ist mehr als die Summe ihrer für sich genommen zweifellos auch schon interessanten Teile und Talente. Denn wer hätte ihr harmloses Sechziger-Tingeltangel („I Got You Babe“, „The Beat Goes On“) mit Sonny Bono ertragen, wenn sie nicht damals schon ungewöhnliche Anziehsachen gehabt hätte; erst recht ihre frühen Soloausflüge mit Melodramen wie „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“?

          Ein Gassenhauer nach dem anderen

          Das und vieles mehr war natürlich schon gute Unterhaltung. Zu sich selbst aber kam die erst durch Chers physische Präsenz, bei der dann niemand mehr auf die Idee kam, ob es sie wohl Überwindung gekostet haben mag, das kehlige Pathos ihres Mezzosoprans dermaßen ungeschützt feilzubieten. Immer leicht am Klischee, vermied sie beherrscht das Überdrehte. So wurde aus Material, an dem andere gescheitert wären, ein Gassenhauer nach dem anderen, heute noch so gut oder erst recht wieder hörbar wie damals: „Gypsies, Tramps and Thieves“, „Half-Breed“ oder „Dark Lady“ (alles nach 1970).

          Zu dieser Zeit war ihr und Sonny Bonos Rekord als erfolgreichstes Künstlerehepaar aller Zeiten schon absehbar, in ihrer eigenen Fernsehsendung ließen sich die erlauchtesten Gäste blicken, darunter auch Tina Turner, ihre Schwester und ihr schwarzes Gegenbild; und auf dem „Vogue“-Titel war sie praktisch Stammgast. Es wäre aber nicht angemessen und auch ganz unnötig, von einer Trendsetterin zu sprechen – dazu war ihre Musik, selbst die durchaus bahnbrechende Hallnummer „Believe“ (1998), zu gewöhnlich; ihre Kleidung, zumal die jenseits ihrer vierzig, zu gewagt (weil oft durchsichtig). Dennoch ist die musikalische wie optische Wandlungskunst, die sie seit mehr als fünfzig Jahren beweist – sie fing ja als Minderjährige im Dunstkreis Phil Spectors an –, wahrscheinlich beispiellos.

          Chers eigentliche Bedeutung liegt aber in etwas anderem: in ihrem Selbstbewusstsein und in ihrer Fähigkeit, sich von der Kritik nicht verunsichern zu lassen, sondern sie eher mit dem Schlagen von Haken zu kontern, die nie hasenfüßig wirken. Auch deshalb kann sie von sich behaupten, die einzige Künstlerin auf der Welt zu sein, die in jedem Karriere-Jahrzehnt oben in den Hitparaden stand. Denn da gehört sie schließlich auch hin. Mögen sich die Leute auch in Zukunft das Maul über Chers Hang zu kosmetischer Nachhilfe zerreißen – gerade in ihrem Schönheitsbedürfnis ist sie Mensch, Frau und Natur.

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