Der coolste Radiosender der Stadt ist schwer zu finden. RDU besteht nur noch aus einem ausgebauten Laster, außen Graffiti, innen mit Kunstrasen ausgekleidet. Der Funk-Truck versteckt sich hinter einem verwaisten Haus, es hat Risse in den Mauern, bald wird es abgerissen. Vor dem Geisterhaus mit Sendestation steigt Hera Hjartardottir aus einem verblichenen Honda. Blondhaar, Lederjacke, Lycrahose, Stupsnase, auf der Stirn ein schwarzer Strich.
Ein charmantes „Hallo“, dann zieht sie einen Eyeliner aus der Tasche, benutzt das Autofenster als Spiegel und pinselt da weiter, wo sie gerade vor einer Ampel aufgehört hatte. Sekunden später prangt auf der rechten Gesichtshälfte ihr Markenzeichen, ein federiges Tattoo aus keltischen Runen und Maori-Spiralen. „Es verkörpert meine beiden Länder; die Punkte stehen für bestimmte Menschen“, sagt sie. Ihre Trällerstimme ist glockenhell. „Manchmal verstecke ich Buchstaben darin oder ein kleines Horn.“ Die Maske steht, jetzt ist sie nur noch „Hera“. So wie Björk nur Björk ist.
Die eine ist Islands größter Star, die andere über zwei Ecken mit ihr verschwägert und im Land der Elfen ebenfalls berühmt: 2002 gewann Hera als beste Sängerin bei den Icelandic Music Awards. Eines ihrer Lieder war der Titelsong eines preisgekrönten isländischen Films, acht CDs hat sie in ihrer früheren Heimat herausgebracht, sie trat als Vorgruppe für Joe Cocker und Nick Cave auf. „Dort bin ich die Sängerin aus Neuseeland, hier die aus Island“ - ein Image, das sie pflegt.
Trümmerfrauenarbeit mit Jamsessions
Ihre zweite Heimat entdeckte sie mit 13 Jahren, als ihre Familie nach einem Sabbatical in Christchurch auf die Südinsel Neuseelands auswanderte. Der Teenager schrieb Gedichte, dann die ersten englischen Songs und klampfte mit 14 Jahren in Hafenbars vor russischen Seeleuten. „Meine Eltern verfuhren mehr Geld an Sprit, um mich hin und her zu kutschieren, als ich einnahm“, sagt sie. Die Gitarre hat Hera nicht mehr aus der Hand gelegt. Seitdem sie 16 Jahre alt ist, lebt sie von ihrer Musik.
Jetzt ist die Folk-Pop-Sängerin fast dreißig und widmet sich Neuseelands Nachwuchstalenten. Vor dem Abrisshaus wartet Jed Parsons, 20 Jahre alter Jazzschüler und Teil des neuen Duos Jed & Hera. Ein Promo-Radioauftritt, sie quetschen sich gemeinsam auf den Drehstuhl im RDU-Studio albern herum, verströmen Frische. Am letzten Wochenende war der Launch eines gemeinsamen Videos samt Konzert auf dem Anwesen von Parsons Eltern unter Lichterketten im Freien, inszeniert wie eine Open-Air-Märchenstunde - naiv und magisch, clever und professionell.
Hera trug ein Spitzenkleid, ihr Ehemann verteilte Flaschen besten Pinot Noirs an die Gäste. Er ist ebenfalls Isländer und baut Häuser. Dass die verwunschene Premiere auf dem Lande so viel Stil hatte, ist einem innovativen Konglomerat namens Fledge zu verdanken: ein Pool aus Künstlern, Filmern, Musikern und Avantgardisten, der als Event- und Produktionsfirma Christchurch seit Monaten wieder Leben einhaucht. Die Skandinavierin ist Managerin, PR-Gesicht und Mentorin. Es ist Trümmerfrauenarbeit, mit vielen Jamsessions.
„Chaos hat Potential freigesetzt“
Auf den Tag genau vor zwei Jahren, am 22. Februar 2011, zerstörte ein verheerendes Erdbeben in der Mittagszeit innerhalb von Minuten das gesamte Zentrum von Neuseelands zweitgrößter Stadt und tötete 182 Menschen. Tausende Nachbeben folgten. Eine Katastrophe, unter der Christchurch noch lange leiden wird - und sich dadurch gleichzeitig neu definiert. Es fehlen Wohnräume, Geschäfte und Arbeitsplätze, der Kulturbetrieb läuft nur langsam wieder an, etliche Menschen haben die desolate Region verlassen oder erholen sich nur langsam von Trauma und Stress.
Auf der anderen Seite zieht es Visionäre und Zupacker in die Stadt: Architekten, Städteplaner, Künstler und Umweltaktivisten sind leidenschaftlich im Wiederaufbau engagiert und sehen im Neubeginn vor allem Chancen. “Das Chaos hat unser Leben verändert und dabei so viel Potential freigesetzt“, sagt Hera. „All die Sänger, Dichter und Maler haben etwas, das sie ausdrücken und verarbeiten wollen.“ Der etablierte Kulturbetrieb existiert nicht mehr, alles hat Risse. Es herrscht Pionierstimmung. Volunteer-Organisationen wie Gap Filler, die Originelles zwischen den Ruinen veranstalten, geben den Ton an und ziehen auch international Aufmerksamkeit auf sich. Der „Lonely Planet“ erkor die antipodische Ruinen-City zu einer der weltweit spannendsten Städte dieses Jahres.
Als die halb abgerissene Innenstadt Ende letzten Jahres als „Lux City“ in einer gigantischen, futuristischen Konstruktion aus Licht erstrahlte, war Fledge in das ambitionierte Projekt involviert. Die Stadtverwaltung erkannte das Potential der jungen Agentur und beauftragte Hera und ihr Team mit „Art Beat“: Einen ganzen Sommer lang organisierten sie über achtzig Musiker, von Anfängern bis Profis, die jedes Wochenende auf einer improvisierten Bühne in dem aus Frachtcontainern errichteten Restart-Einkaufsviertel auftreten und damit das Geschäft ankurbeln. „Ich bin jeden Morgen dabei, schleppe Kabel zur Bühne und kriege einen Sonnenbrand“, sagt Hera und lacht, kein bisschen Diva. „Es ist gut, Abstand zu mir selbst zu haben.“
Leicht abgehangenes Sauberfräulein-Image
Das Radio-Interview ist vorbei, Jed Parsons ist schon wieder verabschiedet, sie eilt zum nächsten Termin - diesmal mit einer bildhübschen Sängerin, die Fledge unter seine Fittiche genommen hat. Dafür hilft diese beim Organisieren. Am Sonntag findet ein großes Benefiz-Konzert statt, „Songs for Christchurch“. Nur wenige hundert Meter von der noch immer abgeriegelten „Roten Zone“ der demolierten Innenstadt entfernt sitzen die beiden Frauen mit aufgeklappten MacPro-Books beim kühlen Kirschbier im Straßencafé, gehen Budgets durch und telefonieren Verleihfirmen ab. Kunstrasen und Dixi-Klos müssen besorgt werden. Eine E-Mail plingt, Hera freut sich laut: Die Christchurch Art Gallery will, dass Fledge im Mai das zehnjährige Jubiläum ausrichtet. „Die Aufträge fliegen uns wie Torten ins Gesicht!“
Ohne Zynismus lässt sich behaupten, dass die Naturkatastrophe der selbsttitulierten „ewigen Ausländerin“ neuen beruflichen Wind gegeben hat. Und ein Zugehörigkeitsgefühl. „Ich habe so viel in diese Stadt investiert. Lieber arbeite ich 24 Stunden am Tag für etwas, an das ich glaube, und verdiene daran nichts, als vier Stunden für das, was nur Geld bringt.“ Es geht nicht nur um tieferen Sinn, sondern auch um musikalischen Gewinn - auf beiden Seiten.
Denn Neulinge wie Jed Parsons, dessen Band House of Mountain wesentlich kantiger klingt als Heras süßlicher Sound, geben ihrem leicht abgehangenen Sauberfräulein-Image mehr Grunge. Obwohl erfolgreich, gehörte sie nie richtig zum Rudel derer, die sich als „New Zealand Music“ definieren. „Es war neu für mich, plötzlich mit anderen zu improvisieren.“ Sie wiederum kennt den Markt, motiviert ihre Ziehkinder und öffnet Türen: „Es gibt keine festen Spielregeln mehr, jeder kann heute herausbringen, was er will, und zwar weltweit - also versuchen wir es.“ Bis auf die Philippinen reicht ihr Arm zurzeit.
„Es geht ums Machen“
Ein weiteres Café im Freien, diesmal am anderen Ende der Stadt. Noch mehr Laptops, eine Produktionsbesprechung mit ihrem Compagnon Ben Campbell. Er ist ebenfalls Musiker, tourte schon durch Deutschland, jetzt ist er das geschäftliche Gehirn der wachsenden Fledge-Familie. In weißem Hemd und mit Armani-Brille beschreibt er deren Erfolgskonzept: „Es geht ums Machen, nicht nur ums Ergebnis.“ So viel offen zelebrierte Aktivität ist unter chronisch entspannten Kiwis eher verdächtig - „aber wir haben viel zu viel Spaß dabei, um uns an Kritik zu stören.“
Campbell dreht Zigaretten und erzählt davon, wie er an jenem brutalen Dienstag im Februar 2011 im Aufnahmestudio war. „Durch die Glasscheibe sah ich meinen Toningenieur, wie in einer Waschmaschine. Freaky.“ Hera war zu dem Zeitpunkt zu Hause bei ihren beiden Sphinx-Katzen. Ihr Garten verwandelte sich in ein sprudelndes Schlammloch, die Straße platzte in zwei Hälften auf. Später nahm sie sich die Blumen, die vor einem verlassenen Kiosk im Eimer standen, und schenkte sie verstörten Passanten.
Erst kurz zuvor hatte sie den Vulkanausbruch in Island miterlebt, während sie ihr letztes Album aufnahm. „Rattle my Bones“ taufte sie es passenderweise. Nicht für eine Sekunde dachte sie in dem verstörenden Erdbeben-Inferno daran, in ihre alte Heimat zu fliehen. „All das, was passiert ist, hat mich hier nur tiefer verwurzelt. Es ist mein Zuhause. Nirgendwo anders habe ich je diesen Zusammenhalt gespürt.“ Die „community“ wartet bereits. In einer halben Stunde haben Jed und Hera einen Auftritt in einer der Bars, die seit kurzem wieder das Nachtleben der Bauarbeitermetropole veredeln. Die Sängerin zückt ihren Make-up-Spiegel: Das Gesichtstattoo sitzt, nichts ist verschmiert und der Tag noch lange nicht zu Ende.
Bild korrigiert
Fridtjof Küchemann (Red.)
- 24.02.2013, 14:39 Uhr
Falsche Hera...!
Stefan Strauss (sst_st_66)
- 24.02.2013, 13:42 Uhr
Bild
Sophie Sauberfrau (Elfenland)
- 24.02.2013, 12:57 Uhr