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Sängerin Hera Hjartardottir : Ein Sauberfräulein bei der Trümmerarbeit

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„Rattle my Bones“: Heras Album aus dem Jahr 2011 Bild: Herasings.com

In ihrer Heimat Island ist sie ein Star, in Neuseeland musikalische Geburtshelferin nach dem schweren Erdbeben des Jahres 2011. Ein Tag in Christchurch mit der Sängerin Hera Hjartardottir.

          Der coolste Radiosender der Stadt ist schwer zu finden. RDU besteht nur noch aus einem ausgebauten Laster, außen Graffiti, innen mit Kunstrasen ausgekleidet. Der Funk-Truck versteckt sich hinter einem verwaisten Haus, es hat Risse in den Mauern, bald wird es abgerissen. Vor dem Geisterhaus mit Sendestation steigt Hera Hjartardottir aus einem verblichenen Honda. Blondhaar, Lederjacke, Lycrahose, Stupsnase, auf der Stirn ein schwarzer Strich.

          Ein charmantes „Hallo“, dann zieht sie einen Eyeliner aus der Tasche, benutzt das Autofenster als Spiegel und pinselt da weiter, wo sie gerade vor einer Ampel aufgehört hatte. Sekunden später prangt auf der rechten Gesichtshälfte ihr Markenzeichen, ein federiges Tattoo aus keltischen Runen und Maori-Spiralen. „Es verkörpert meine beiden Länder; die Punkte stehen für bestimmte Menschen“, sagt sie. Ihre Trällerstimme ist glockenhell. „Manchmal verstecke ich Buchstaben darin oder ein kleines Horn.“ Die Maske steht, jetzt ist sie nur noch „Hera“. So wie Björk nur Björk ist.

          Die eine ist Islands größter Star, die andere über zwei Ecken mit ihr verschwägert und im Land der Elfen ebenfalls berühmt: 2002 gewann Hera als beste Sängerin bei den Icelandic Music Awards. Eines ihrer Lieder war der Titelsong eines preisgekrönten isländischen Films, acht CDs hat sie in ihrer früheren Heimat herausgebracht, sie trat als Vorgruppe für Joe Cocker und Nick Cave auf. „Dort bin ich die Sängerin aus Neuseeland, hier die aus Island“ - ein Image, das sie pflegt.

          Trümmerfrauenarbeit mit Jamsessions

          Ihre zweite Heimat entdeckte sie mit 13 Jahren, als ihre Familie nach einem Sabbatical in Christchurch auf die Südinsel Neuseelands auswanderte. Der Teenager schrieb Gedichte, dann die ersten englischen Songs und klampfte mit 14 Jahren in Hafenbars vor russischen Seeleuten. „Meine Eltern verfuhren mehr Geld an Sprit, um mich hin und her zu kutschieren, als ich einnahm“, sagt sie. Die Gitarre hat Hera nicht mehr aus der Hand gelegt. Seitdem sie 16 Jahre alt ist, lebt sie von ihrer Musik.

          Jetzt ist die Folk-Pop-Sängerin fast dreißig und widmet sich Neuseelands Nachwuchstalenten. Vor dem Abrisshaus wartet Jed Parsons, 20 Jahre alter Jazzschüler und Teil des neuen Duos Jed & Hera. Ein Promo-Radioauftritt, sie quetschen sich gemeinsam auf den Drehstuhl im RDU-Studio albern herum, verströmen Frische. Am letzten Wochenende war der Launch eines gemeinsamen Videos samt Konzert auf dem Anwesen von Parsons Eltern unter Lichterketten im Freien, inszeniert wie eine Open-Air-Märchenstunde - naiv und magisch, clever und professionell.

          Hera trug ein Spitzenkleid, ihr Ehemann verteilte Flaschen besten Pinot Noirs an die Gäste. Er ist ebenfalls Isländer und baut Häuser. Dass die verwunschene Premiere auf dem Lande so viel Stil hatte, ist einem innovativen Konglomerat namens Fledge zu verdanken: ein Pool aus Künstlern, Filmern, Musikern und Avantgardisten, der als Event- und Produktionsfirma Christchurch seit Monaten wieder Leben einhaucht. Die Skandinavierin ist Managerin, PR-Gesicht und Mentorin. Es ist Trümmerfrauenarbeit, mit vielen Jamsessions.

          „Chaos hat Potential freigesetzt“

          Auf den Tag genau vor zwei Jahren, am 22. Februar 2011, zerstörte ein verheerendes Erdbeben in der Mittagszeit innerhalb von Minuten das gesamte Zentrum von Neuseelands zweitgrößter Stadt und tötete 182 Menschen. Tausende Nachbeben folgten. Eine Katastrophe, unter der Christchurch noch lange leiden wird - und sich dadurch gleichzeitig neu definiert. Es fehlen Wohnräume, Geschäfte und Arbeitsplätze, der Kulturbetrieb läuft nur langsam wieder an, etliche Menschen haben die desolate Region verlassen oder erholen sich nur langsam von Trauma und Stress.

          Auf der anderen Seite zieht es Visionäre und Zupacker in die Stadt: Architekten, Städteplaner, Künstler und Umweltaktivisten sind leidenschaftlich im Wiederaufbau engagiert und sehen im Neubeginn vor allem Chancen. “Das Chaos hat unser Leben verändert und dabei so viel Potential freigesetzt“, sagt Hera. „All die Sänger, Dichter und Maler haben etwas, das sie ausdrücken und verarbeiten wollen.“ Der etablierte Kulturbetrieb existiert nicht mehr, alles hat Risse. Es herrscht Pionierstimmung. Volunteer-Organisationen wie Gap Filler, die Originelles zwischen den Ruinen veranstalten, geben den Ton an und ziehen auch international Aufmerksamkeit auf sich. Der „Lonely Planet“ erkor die antipodische Ruinen-City zu einer der weltweit spannendsten Städte dieses Jahres.

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