Home
http://www.faz.net/-gsd-u5ty
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ry Cooder Verwalter des Blues

15.03.2007 ·  Lehr- und Wanderjahre eines Besessenen: Ry Cooder ist seit vierzig Jahren der Slidegitarrist schlechthin. Weltberühmt wurde er erst mit dem kubanischen „Buena Vista Social Club“. Heute feiert er seinen sechzigsten Geburtstag.

Von Edo Reents
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Ry Cooder ist seit vierzig Jahren der Slidegitarrist schlechthin. Unter den drei amerikanischen Virtuosen, die auch in den Mainstream vorgedrungen sind, konnte er diese Stellung schon deswegen behaupten, weil die beiden anderen früh gestorben sind: Lowell George von „Little Feat“ war der Handfeste, Solide. Duane Allman von der „Allman Brothers Band“, der Genialste unter ihnen, eine Kerze, die von beiden Enden her abbrannte; die Funken, die er dabei hinterließ, wirbeln bis heute durchs kollektive Rockgedächtnis.

Ry Cooder war der Archivar, der das Erbe des Blues und Folk nicht nur verwaltete, sondern ihm auch ein höchst annehmbares Gesicht verpasste. Dies gelang ihm mit einem fast schon manischen Traditionsbewusstsein und einer eher bedächtigen, auf glutvolle Intensität zielenden Bottleneck-Technik, welche die Bluestöne zwar jederzeit erdig klingen, sie zuweilen sogar heftig aufjaulen ließ, sie aber in einem wie schwerelosen Gleiten auch transzendierte.

Wunderkind der Westküste

Zwei, drei Stationen in damals führenden amerikanischen Gruppen, unter anderen bei Taj Mahals „Rising Sons“, genügten, und Ry Cooder war, fast noch minderjährig, reif für Captain Beefheart. Dessen bis heute wegweisende Studioplatte „Safe As Milk“ (1966) bereicherte er mit einem Spiel, das ihn fast auf Anhieb als Wunderkind der amerikanischen Westküste dastehen ließ, wo er von nun an eine Schlüsselposition einnahm. Die Session-Dienste dieses von Kind an durch ein Missgeschick Einäugigen waren bei fast allen prominenten Rockmusikern so gefragt, dass eine Platte, auf der er in die Saiten griff, oft schon deswegen Legendenstatus bekam - bekanntestes Beispiel: die Platte „Sticky Fingers“ von den „Rolling Stones“, die nach einem Plagiatsstreit aber fast alle Cooder-Anteile vom Band löschten, so dass nur auf „Sister Morphine“ die gespenstisch-einprägsame Slidegitarre zu hören ist. Cooders Mandoline, auf welche die „Stones“ ebenfalls zurückgriffen (1969 bei „Love In Vain“ auf „Let It Bleed“), klang jedoch nicht weniger sensibel.

Diese Assistentenjahre kamen seinen Soloplatten seit 1970 zugute, auf denen er sich uneitel in den Dienst eines schon recht angestaubten Fremdmaterials stellte, das in seiner kraftvollen Bearbeitung in nie gesehenen Bluesfarben aufblühte. Die unter Aufsicht der besten Westcoast-Produzenten und -Arrangeure eingespielten Songs von Woody Guthrie (mit dessen Sohn Arlo spielte Cooder oft zusammen), Huddie Ledbetter, Blind Willie Johnson und Sleepy John Estes offenbarten eine Frische und Originalität, die diese fast schon vergessene Musik aus der Depressionszeit auch für Rockkreise interessant machte. Unter den ersten fünf durchweg hochwertigen Platten ist „Into The Purple Valley“ (1971) bis heute seine berühmteste: Cooder, der mit seiner gaumig-näseligen Stimme auch einen passablen Sänger abgab, spielte hier fast alle Instrumente selbst und verlieh selbst einem Popheuler wie „Money Honey“ von den „Drifters“ eine ungeheure Wucht und Dynamik.

Obwohl Ry Cooder immer viel Wert auf Authentizität legte, entfernte er sich damit denkbar weit von den Originalen, ohne deren Geist zu verraten. Es entbehrt nicht der Ironie, dass dieser entschiedene Feind geschmacklicher Vereinheitlichung mit seinen dann in Bereiche der Latino-, Hawaii- und ganz allgemein Weltmusik erheblich ausgeweiteten Vorlieben eben jener Homogenisierung mehr Vorschub geleistet hat als die meisten anderen Rockmusiker. Aus dem Lieferanten erstklassiger Filmmusik (Walter Hill, Wim Wenders) wurde in den neunziger Jahren der an nahezu jeder Form von Musik interessierte Steigbügelhalter, als der er mit dem kubanischen „Buena Vista Social Club“ weltberühmt wurde. Bevor seine neue Platte erscheint, auf der ihn alte Studiogefährten wieder zurück zu seinen ganz großen Anfängen begleiten, wird Ryland Peter „Ry“ Cooder an diesem Donnerstag erst einmal sechzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z., 15.03.2007, Nr. 63 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr