05.06.2003 · Tourneeauftakt in München: Die Stones trinken angeblich neuerdings Kamillentee statt Whiskey, aber nach wie vor verstehen sie es hervorragend, eine perfekte Show hinzulegen.
Von Jochen HieberVon der Mitte der knapp 1500 Quadratmeter großen Bühne aus und bis weit in die Mitte der Münchner Olympiahalle hinein hatten die Rolling Stones einen etwa sechzig Meter langen Laufsteg bauen lassen, an dessen Ende sich eine kleine Rundbühne befand. Ihr Durchmesser dürfte zehn Meter kaum überschritten haben. Den Laufsteg hatte Mick Jagger, wie immer und ganz selbstverständlich das Supermodel der Band, im Verlauf des Auftaktkonzerts zum Europateil der Welttournee ab und an für kleine Ausflüge in den Innenraum benutzt - anhimmelnd konnten die Zuschauer dabei zu ihm aufblicken. Aber dann, nach gut anderthalb Stunden eines so erwartbar professionellen wie erstaunlich gut gelaunten, ja heiteren Rockkonzerts, durchmaß er seinen Krönungsweg ganz.
In respektvollem Abstand folgten ihm, zusammen mit dem Dauergast-Bassisten Darryl Jones, die anderen Mitglieder der Band: Charlie Watts, die längst schlohweiße Schlagzeuglegende, der Gitarrist Ron Wood, mit nun sechsundfünfzig Jahren so etwas wie der Berufsjugendliche der Stones, und Keith Richards, der große Überlebende in der Geschichte der Rockmusik. Als aus dem dunklen Seitenzugang auch noch der Saxophonist Bobby Keys, Gastmusiker seit 1969, auf die kleine Rundbühne huschte und alle zusammen "Neighbors" anstimmten, jenen nicht um Sicherheitszäune, aber doch um humanen Abstand ersuchenden Song des Albums "Tattoo You" von 1981, da hatte das Konzert seinen magischen Augenblick: die Rolling Stones, mitten unter uns und unnahbar zugleich.
Keine Exzesse mehr?
Selbst wohlmeinende Kritiker hatten sich zu Beginn der jüngsten Welttour anläßlich des vierzigjährigen Bandjubiläums im vergangenen Frühherbst gefragt, ob man die Band für soviel Mut zu soviel kommerzieller wie künstlerischer Strapaze noch bewundern oder nun endlich doch bemitleiden sollte. Die Münchner Zeitungen, gleichviel, ob seriös oder Boulevard, hatten demgemäß auch die diätetischen und fitneßprophylaktischen Maßnahmen in den Mittelpunkt ihrer Vorberichte gerückt - statt Whiskey fließe Kamillentee in den Hotel-Suiten der Musiker, hieß es, und statt skandalträchtigem Treiben herrsche auf dem Flur der strenge Geist der Physiotherapie.
Wenn dem so war: Es hat sich gelohnt. Mick Jagger stellte sich auf den Punkt in Topform vor, erstrahlte in faltenarmer Alterslosigkeit und bewältigte seinen gut zweistündigen, rhythmisierten Dauerlauf über die Großbühne ohne erkennbaren Konditions- und Intonationsverlust. "Heute abend werden wir richtig Spaß haben", verhieß er zu Beginn in einem angelernten Deutsch, dem man seine gelassene Ferne von allen hiesigen Ermüdungsdebatten um die Spaßgesellschaft durchaus anmerkte.
Schlechtester Vokalist unter der Sonne
Bezeichnend für das Programm war eine Ansage, die eher wie eine Entschuldigung wirkte. "Das ist neuer Song", sagte Jagger, bevor die Band mit "Don't Stop" loslegte, in der Tat einem Titel aus dem Vorjahr. Ton und Atmosphäre aber gaben mit "Street Fighting Man" (1968) und "It's Only Rock 'n' Roll" (1974) zwei Auftaktlieder vor, die einst zeitdiagnostische Botschaften von Rebellion und Rückzug transportierten, inzwischen aber klassisch, damit reine Ohrwürmer geworden sind. Auch dramaturgisch war die neue Show perfekt.
Um Jagger kleine Erholungspausen zu ermöglichen, durften mal Ron Wood und mal Bobby Keys solistisch glänzen. Unvermeidlich und inzwischen auch schon wieder Kult sind die Sangeseinlagen von Keith Richards, der sich ganz ungewöhnlich frohgemut gab, sich nach "You Don't Have to Mean It" indes wie gehabt als schlechtester Vokalist unter der Sonne vorstellte. Und zu all dem rückte die Videowand die in der Halle ohnedies nicht weit entfernten Stones in jene Übergröße, ohne die sie ihre Fans wohl gar nicht mehr ertrügen.
Keine Lust zu Altern, warum auch
Mit ihrer Musik hat diese Gruppe schon immer Außermusikalisches angestoßen und bewirkt, die Identifikation mit ihr basierte allemal auf einem so zeitweiligen wie jeweils emphatischen Lebensgefühl. An die Stelle von Gesellschaftskritik und sexueller Revolte, den Topoi der sechziger und frühen siebziger Jahre, aber sind längst die Lust an der langen Dauer und damit die Unlust am allmählichen Altern getreten.
Insofern war der freiwillige Rückzug des Urbassisten Bill Wyman, Jahrgang 1936, vor zehn Jahren ein nicht geringer Gewinn - wieder einmal hatte die Band an einer fragwürdigen Stelle ihrer eigenen Geschichte Glück. Jagger, Richards, Watts und Wood, alle in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren, stehen jetzt in einem Alter, das heutzutage keines mehr ist, wenn man nur auf sich achtet. Sie verkörpern die Wandlung des abgewrackten Junkies ohne Zukunft in den leistungsorientierten Jogger auf dem Weg zu sich selbst. Kein Wunder, daß zu ihren Konzerten Leute zwischen zwanzig und fast siebzig Jahren strömen.
Kleiner Skandal am Rande
"Wir möchten", annoncierte Jagger unter frenetischem Beifall aufs neue in deutsch, "heute abend ein paar Songs aus ,Let It Bleed' spielen." Nun war gerade dieses Album von 1969, das zusammen mit dem drei Jahre später veröffentlichten "Exile on Main Street" zu ihren Meisterwerken zählt, mit seinen Heroinhymnen, Vulgärversen und Apokalypseakkorden ein weiland absichtsvoller Ausbund des dreckigen Rock'n'Roll. "Honky Tonk Women", "Love in Vain", "Monkey Man" und "Midnight Rambler" haben die Stones daraus in ihr neues Programm übernommen - und siehe da, die Integration ins musikalische wie performative Fitneßkonzept geht glänzend auf, weil sich die Band und ihre Fans über ihre Leichen im Keller ebenso augenzwinkernd einig sind wie über ihre Luftschlösser der Jugendlichkeit. Und daß es keine bessere Zugabe als "(I Can't Get No) Satisfaction" aus dem Jahr 1965 gibt, steht ohnedies außer jedem Zweifel.
Beim Münchner Auftakt zu den gut drei Dutzend Europakonzerten bis Mitte September blieb der kleine Skandal, welcher der sauberen Tour droht, unerwähnt: Am 8. August sollen in Hannover als Vorgruppe der Stones die "Böhsen Onkelz" auftreten, jene Frankfurter Band, die einst mit antisemitischen Versen unrühmlich Furore machte, sich unter dem nicht geringen Einfluß von Daniel Cohn-Bendit, damals ehrenamtlicher Stadtrat für mulitkulturelle Angelegenheiten, aber in einen vorzeigbaren Rehabilitationsfall wandelten. "Nazis open for Stones", titelte die "New York Post" gleichwohl. Der Skandal, der droht, ist jedenfalls ein Sturm im Wasserglas.