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Rockband „SuperHeavy“ Die irrste Superhammermegaband aller Zeiten

06.09.2011 ·  Was kommt heraus, wenn musikalische Größen wie Mick Jagger, Dave Stewart, Joss Stone und Bob Marleys Sohn eine Band gründen? SuperHeavy: Müde Gesten, Sehnsucht nach Stille und ein genialer Moment.

Von Alexa Hennig von Lange
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Als im Mai dieses Jahres zum ersten Mal von Mick Jaggers neuem Band-Projekt die Rede war, reagierte die Welt eher verhalten bis abwartend auf die eigenartige Zusammensetzung von Dave Stewart (ehemalige Eurythmics-Hälfte), Joss Stone (Janis-Joplin-Verschnitt mit grellfarbigen Haar-Extensions), Damian Marley (jüngster Sohn von Bob Marley mit Reggae-Gen) und A. R. Rahman (indischer Komponist und zweifacher Oscar-Preisträger). Vielleicht war auch der Bandname Auslöser der diffus unguten Vorahnung – heutzutage eine Combo allen Ernstes SuperHeavy zu nennen lässt auf einen gewissen Rückzug in die altersbedingte, regressive Phase schließen.

Und obwohl sich hier fünf grandiose Musiker zusammengefunden haben, um gemeinsam Neues entstehen zu lassen, ist der Plan, noch nie da gewesene Weltmusikstücke zu produzieren, um den Pop zu revolutionieren, nicht direkt aufgegangen. Anfang Juli kam SuperHeavys erste Single „Miracle Worker“ heraus und schaffte es lediglich auf Platz 40. In den österreichischen Charts.

Von der wild zusammengeschnittenen Work-in-Progress-Session ausgehend, mit der die Band auf Youtube über den generellen Stand der Dinge informiert, könnte man denken: Kein Wunder, dass die Sache den Bach runtergegangen ist! Der Clip erweckt den Eindruck, als hätte sich für fünf Siebzehnjährige ein Lebenstraum erfüllt, weil sie beim Schülerband-Contest den ersten Platz belegt haben und nun zur Belohnung nach Herzenslust im Tonstudio sämtliche Instrumente ausprobieren dürfen, während dabei vom örtlichen Kleinstadtsender mit der Kamera die kreativsten Bilder eingefangen werden. Fehlt nur noch, dass eine sonore Männerstimme aus dem Off erklärt: „Die enthusiastischen Elftklässler des Johannes–Keppler-Gymnasiums konnten sich für einige Stunden mal wie die ganz Großen fühlen und ein groovy Demotape aufnehmen. Wir drücken feste die Daumen, dass ihnen noch viele peppige Ideen kommen!“

Offenkundiges Ziel der Supergroup war es ursprünglich, viele verschiedene Musikgenres geschickt miteinander zu kombinieren. Dabei wurde womöglich etwas übertrieben. Schon allein beim Hören des Song-Medleys, in dem die einzelnen Album-Tracks kurz vorgestellt werden, stellt sich leichter Schwindel ein. Ob sich der einstige Initiator Dave Stewart das in etwa so vorgestellt hat, als ihm seinerzeit in Jamaika, wo er inzwischen lebt, die Idee zur Supergroup gekommen ist? Es wirkt ein bisschen so, als würden sich die fünf Genies gegenseitig mit ihrer altbewährten Stimmakrobatik, den Reggae-Rhythmen und Gitarrenriffs übertönen wollen, was am Ende einen indischen Reggae-Elektro-Rock-Kreisch-Alarm ergibt. Weniger ist mehr, wäre hier mein laienhafter Rat.

Widerwilliger Gemütszustand der Bandmitglieder

Wenn diese erlesenen Musiker sich doch nur erlaubt hätten, ihrem Alter und ihrer Weisheit entsprechend entspannt zu bleiben, um aus der Stille zu schöpfen, anstatt über die eigenen Kräfte zu agieren. Pauschal könnte man natürlich der 24-jährigen Joss Stone die Schuld an diesem überambitionierten, wenig subtilen Durcheinander geben. Im Internet kursiert nämlich ein Mitschnitt von einem Janis-Joplin-Tribute-Konzert im Jahr 2006, bei dem der damals blutjunge Shootingstar das legendäre „Cry Baby“ intonieren sollte. Doch bevor Joss auf der Bühne überhaupt zu sehen war, schrie sie schon schrill ins Mikrofon, bis endlich Melissa Etheridge – Minuten später – mit ihrer Gitarre auf die Bühne trat, um ihre junge Kollegin auszulösen. Es mag der Jugend geschuldet sein, dass sich Lead-Sängerin Joss nicht so richtig traut, auch mal die sanften Töne anzuschlagen – obwohl sie das auf ihrem Debütalbum „Mind Body & Soul“ optimal hinbekommen hat.

Mick Jagger, David A. Stewart!? Hätten die britischen Herren den ewig barfüßigen Hüpfer im Hippie-Blumenkleid nicht zurückpfeifen können, anstatt zwischen den Studiogeräten verzweifelt zu versuchen mitzumischen, während sich die Sängerin rücklings über das Mischpult wirft und begeistert kreischt: „What the fuck is going on?“ Wohl nicht. Denn ihr Aufschrei wird sogleich von durchgeknallten, arhythmischen Elektrobeats und Damians Reggae-Rap aufgegriffen und zur anschließend gemeinsam gebrüllten Liedzeile „I need your crazy energy“ übergeleitet. Wer bitte hat sich diese Sportschuh-Werbeclip-Lyrics ausgedacht? Soll das jugendlich rüberkommen? Das wirkt noch anbiedernder als Bon Jovis Pubertätspoesie zu „Its My Life“.

Der Grund ist also klar, warum Mick Jagger und Dave Stewart im Studiomitschnitt nur widerwillig ihre Wrap-around-Sonnenbrillen absetzen: um nicht hundertprozentig identifizierbar zu sein. Oder um den traurigen Blick zu verschleiern. Die hängenden Mundwinkel vom Rolling-Stones-Sänger allerdings sprechen Bände, die der Eurythmics-Gitarrist durch das Daumenzeichen – er macht tatsächlich DAS Daumenzeichen! – wieder aufzuheben versucht. Dumm nur, dass die ebenfalls dokumentierte Fotosession im Hollywood-Studio direkt auf den widerwilligen Gemütszustand der Bandmitglieder schließen lässt.

Als habe der Zahn der Zeit die Band längst dahingerafft

Den Männern scheint schlagartig klar geworden zu sein, auf was für einen Höllentrip sie sich hier eigentlich eingelassen haben: auf die Wiederholung der Wiederholung. Die begrenzte Bandbreite lässiger Rockstarposen hat sich bereits vor dreißig Jahren erschöpft. Mick Jagger gibt sich gar keine Mühe mehr und lässt seine Hand müde in der Hosentasche stecken. Was haben sich diese sonderbegabten Musiker nur dabei gedacht?

Leider gibt es kaum die Möglichkeit, der Frage systematisch auf den Grund zu gehen. Das Video zu „Miracle Worker“ – der ersten Single-Auskopplung – ist im Netz nicht verfügbar, da „es Musik enthalten könnte, für die die GEMA die erforderlichen Musikrechte nicht eingeräumt hat“. Wenigstens kann man sich aber winzige Teaser-Schnipsel von ein paar Sekunden Länge ansehen, auf denen der Refrain zu hören ist; und beim vierten Schnipselgucken wird schlagartig klar, dass das eigentlich ein Superhit hätte werden müssen. So wie seinerzeit „A La La La La Long“ von Inner Circle. Es ist seltsam, dass unsere regennassen Straßen nicht längst denen Rio de Janeiros zu Zeiten des Karnevals gleichen. „Miracle Worker“ ist ein erstklassiger Ohrwurm, der irgendwie doch regelrechten Charme besitzt. Und ringt man sich durch, den Youtube-Clip „SuperHeavy – In the Studio“, egal wie schaurig er einem zu Beginn erscheint, bis kurz vor Schluss anzusehen (5:32), wird der echte Soul-Rocker-Fan überrascht bemerken, dass die Supergroup wohl doch irgendwann Ruhe und Weisheit beim Komponieren hat walten lassen.

In den letzten siebzig Sekunden singen sie mit einem Mal so unvorstellbar anrührend vom friedvollen Rückblick auf die Liebe und das Leben. Zur Untermalung gibt es kaum noch bewegte Bilder, sondern hintereinandergeschnittene Schwarz-Weiß-Schnappschüsse aus scheinbar längst vergangenen SuperHeavy-Studiotagen. So, als habe der Zahn der Zeit die Band längst dahingerafft. Und nun macht der Aufbau des gesamten Clips auch wieder Sinn: zuerst jugendlich, überambitioniert, in der Mitte müde, ausgelaugt und erschöpft, am Ende träumerisch, melancholisch und voller Hingabe. Damians wehmütige Reggae-Stimme umflort so schön die Stille. Vermutlich haben sich die fünf tatsächlich nur für diesen einen zündenden Augenblick zusammengetan. Für einen eigentlichen Superhit und ein wirklich bemerkenswertes, herzzerreißendes, schwebendes Soul-Rock-Reggae-Stück, das indische Sanftheit, Gänsehautfeeling und unser aller Leben – von der Kindheit bis zum Abschied – in sich trägt.

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