05.01.2006 · Wie die beiden deutschen Staaten lernten, die Musik zu fürchten: Ein ungewohnter gemeinsamer Blick auf West und Ost bringt erstaunlichen Erkenntnisgewinn. „Rock!“, eine wunderbare Ausstellung in Leipzig.
Von Andreas PlatthausDeutschland in Herbststimmung - das muß ein Schreckbild für die DDR-Führung gewesen sein. Jeweils im Oktober, wenn die Nächte länger wurden und die Tage für Volkspolizei und Stasi ungemütlicher, erinnerte sich die Jugend an Musik, die ideologisch unerwünscht war. Am 31. Oktober 1965 fand in Leipzig die „Beatdemo“ statt, die größte ungenehmigte Kundgebung in der DDR zwischen dem 17. Juni 1953 und den Montagsdemonstrationen von 1989. Mehr als dreihundert Halbwüchsige protestierten gegen das kurz vorher ausgesprochene Verbot mehrerer DDR-Rockgruppen, darunter auch die Lokalgrößen „The Butlers“. Es gab 267 Verhaftungen, etliche der jungen Delinquenten wurden zur Bewährung einige Wochen in den Kohletagebau geschickt.
Sechs Jahre zuvor war die Sache bitterer ausgegangen, wenn sie auch kleiner begonnen hatte. Eine Dresdner Gruppe von achtzig Jugendlichen, so hält eine Stasi-Analyse vom Oktober 1959 fest, „zog, nachdem sie einen Vortrag über Jazzmusik gestört hatte, demonstrativ durch die Straßen der Innenstadt, wobei solche Losungen wie ,Wir brauchen keinen Lipsi und keinen Ado Koll - wir brauchen Elvis Presley mit seinem Rock and Roll' u. a. gegrölt wurden“.
Hochdekoriert, aber ungeliebt
Immerhin, die Jugendlichen sangen noch. Nur leider nicht das, was von der SED gewünscht wurde. Zum genaueren Verständnis des Protestes sei angemerkt, daß Jazz Ende der fünfziger Jahre von höchster Ost-Berliner Warte geduldet wurde, Rock 'n' Roll aber nicht. Ado Koll leitete damals ein staatliches Unterhaltungsorchester.
Und „Lipsi“ war der Name eines im Frühjahr von Rene Dubianski entwickelten, südamerikanisch inspirierten Paartanzes im Sechsvierteltakt, der bei einer Erfurter Musikkonferenz als Sieger einer Ausschreibung hervorging, mittels deren die Bezirkskulturkabinette der DDR neue Tänze gesucht hatten, die man der auch im Osten um sich greifenden Rock-Begeisterung entgegensetzen konnte. Das Leipziger Tanzlehrerehepaar Seifert erhielt für seine Choreographie zum „Lipsi“ am 7. Oktober 1959 sogar den Kunstpreis der Deutschen Demokratischen Republik. Aber die Rock-Liebhaber wollten partout nicht danach tanzen.
Bis zu viereinhalb Jahren Haft
Das hätte man bei der Stasi vielleicht noch toleriert. Aber auch die Zeile „Wir brauchen keinen Ulbricht und keinen Grotewohl“ reimte sich (wenn auch weniger gut) auf „Wir brauchen Elvis Presley mit seinem Rock and Roll“. Und die Proteste beschränkten sich nicht auf Dresden. Im selben Monat gingen, wie „Die Welt“ damals aus ungenannter Quelle erfuhr und am 3. November 1959 berichtete, auch in den Leipziger Stadtteilen Wahren und Gohlis etwa vierzig Jugendliche auf die Straße und verdammten im gleichen Wortlaut wie die Dresdner den immerhin nach ihrer Stadt benannten „Lipsi“ und Ado Koll und priesen Elvis Presley.
Auch die Regierung bekam wieder ihr Fett weg, diesmal allerdings mit der Parole: „Walter Ulbricht - pfui, pfui, pfui! Elvis Presley - yes, yes, yes!“ Kein Wunder, daß Ulbricht eine oft dokumentierte Abscheu vor dem „Yeah, yeah, yeah“ empfand. Solche Parolen ins Gesicht von friedlichen Bürgern - das bedeutete den Beginn einer totalen juristischen Mobilmachung. Fünfzehn Leipziger Demonstranten wurden in Schnellverfahren zu Haftstrafen zwischen sechs Monaten und viereinhalb Jahren verurteilt.
„Transatlantische Veitstanzmusik“
Beides, Stasi-Analyse und „Welt“-Artikel zu den im Gegensatz zur „Beatdemo“ weitgehend unbekannten lokalen Rock-Demonstrationen von 1959, findet man im überreichen Material einer wunderbaren Ausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Thema ist die Rockmusik in beiden deutschen Staaten, und der ungewohnte gemeinsame Blick auf West und Ost bringt erstaunlichen Erkenntnisgewinn.
Die Schau beginnt noch erwartbar: mit der westdeutschen Begeisterung für Rock 'n' Roll im Schwellenjahr 1958, als Elvis in Deutschland seinen Militärdienst ableistete (und von einem sechzehnjährigen hiesigen Fan, der mit ihm enge Freundschaft schloß, um seinen Armeeparka bestohlen wurde - die gemeinsamen Fotos und das Beutestück sind beide in der Ausstellung) und Bill Haley mit seinen „Comets“ dafür sorgte, daß das Mobiliar in deutschen Konzerthallen erneuert werden mußte. Als Taktgeber für die unartikulierten Aufschreie der erregten Menschenmassen identifizierte die Ost-Berliner „Junge Welt“ am 19. November 1958 „transatlantische Veitstanzmusik“ und entlarvte die „Heulboje Elvis Presley“ als „Geschütz im kalten Krieg“.
Das DDR-Regime in der Dauerdefensive
Doch schon der von Gerhard Klein 1959 gedrehte Defa-Spielfilm „Berlin - Ecke Schönhauser“ ließ Ekkehard Schall als Rocker auftreten und dessen Kumpane zu westlichen Rhythmen auf der Straße tanzen. Die staatliche Förderung des „Lipsi“ war also mehr als nötig. Was die Ausstellung indes grandios nachvollzieht, sind die immer wieder spürbaren Liberalisierungsbemühungen des DDR-Regimes, das gegenüber den Königen der Bongotrommler und sonstiger populärer West-Musik dauernd in die Defensive geriet.
Es wollte einfach nicht jenes gutdeutsche Ideal entstehen, das der Rat von Leipzig beschwor, als er gegenüber den „Butlers“ am 21. Oktober 1965 den Entzug der Auftrittsgenehmigung begründete: „Während Tausende junge Menschen unserer Stadt in der Volkskunstbewegung Freude, Erholung, Bildung und ästhetische Befriedigung suchen und finden, müssen wir feststellen, daß Ihre Gitarrengruppe der sozialistischen Laienbewegung Schaden zufügt.“ Zugleich aber befriedigten sich die Musikliebhaber in der DDR mit „(I Can't Get No) Satisfaction“ aus Westsendern. Diesem System war wirklich nicht zu helfen.
Die Argumente sind die gleichen
Aber auch der Westen hatte seine Zensurfälle: so das allgemeine Rockfestivalverbot in Bayern für das Jahr 1972 wegen Drogenmißbrauchs und angeblich linksradikaler Tendenzen. Von den kaum geringeren massiv geäußerten Vorurteilen gegenüber den neuen Musikstilen ganz zu schweigen. Solche Bedenken und Widerstände dokumentiert die Schau über Beat, Punk, Neue Deutsche Welle bis zum „Rock von Rechts“. Es hat etwas Unheimliches, wenn man vor den ausgestellten indizierten Platten von Skinheads-Bands steht und sich klarmacht, daß SED oder konservative West-Politiker sich gegenüber dem Rock 'n' Roll aus den gleichen Gründen im Recht glaubten, wie wir es heute gegenüber rechtsradikaler Musik tun: Die Gesellschaft wird bedroht.
Eins muß auch noch erwähnt werden: die herrliche Kakophonie. Von überall her klingt Musik: „The Who“, Nina Hagen, Jimi Hendrix, Klaus Renft, „BAP“, „Pankow“, die „Beatles“. Man könnte ihnen stundenlang zuhören - den Klängen einer Ausstellung.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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