21.12.2006 · Der ehemalige „Soft Boys“-Sänger Robyn Hitchcock ist immer noch ein Geheimtip. Sein neues Werk gibt einen guten Einblick in seinen verrückten Privatkosmos.
Von Eric PfeilWenn ein Musiker seit den späten siebziger Jahren etwa fünfundzwanzig Alben veröffentlicht hat und trotzdem immer noch neu vorgestellt werden muß, ist wohl etwas falsch gelaufen. Zumindest in Europa ist der Brite Robyn Hitchcock immer noch weitestgehend unbekannt - in den Vereinigten Staaten wird der ehemalige Sänger der „Soft Boys“ seit den Achtzigern als Kult-Phänomen gefeiert; Bands wie „R.E.M.“ oder „Pavement“ hätten ohne Hitchcock vermutlich nie zu musizieren angefangen, und der Regisseur Jonathan Demme („Das Schweigen der Lämmer“) drehte 1998 gar einen Konzertfilm über den Ausnahmemusiker.
Wollte man den mittlerweile dreiundfünfzigjährigen, in Cambridge aufgewachsenen Musiker erklären, könnte man es vielleicht so sagen: Es gibt eine Menge origineller Singer/Songwriter mit einem Händchen für „catchy“ Poptunes - und es gibt Robyn Hitchcock.
Geranien aus dem Telefon
Da, wo andere von Liebesleid und persönlichen Krisen berichten, handeln seine Songs bevorzugt von krauchenden Insekten, Menschen mit Glühbirnenköpfen, Wasserleichen, Männern, die sich selbst erfunden haben, oder Teufelserscheinungen im morgendlichen Rührei. In einem seiner bekannteren Songs sinniert Hitchcock über einen launigen Nachmittag mit seiner Frau und seiner toten Frau; eine seiner schönsten Balladen besingt das immer wieder an verschiedenen Orten der Welt wie ein Geisterschiff auftauchendes „Glass Hotel“, in dem Geranien aus Telefonen wachsen.
Es sind zweifellos derlei Exzentrizitäten, die Hitchcocks Erfolg immer im Weg standen - denn seine Lieder sind zumeist clevere Popsongs, die mal an die „Go-Betweens“, mal an Lloyd Cole oder Nick Lowe erinnern, ihre Wurzeln aber noch deutlicher in den Sechzigern haben. Es sind aber auch genau diese Seltsamkeit und der Sinn fürs Abseitige, die Hitchcock zu solch einem lohnenswerten Forschungsobjekt machen, in dessen weit verstreutem Werk man sich verlieren kann.
Der Schock der Existenz
Wie kein zweiter Songschreiber seiner Generation hat er eine völlig eigene Welt geschaffen, einen wuselnden Mikrokosmos, der bei allem Eigensinn doch immer das Leben mit all seiner Irrationalität im Auge hat. Hinter Hitchcocks Surrealismus lauern stets beklemmende existentielle Wahrheiten, denn bei allem Hang zum Bizarren singt Hitchcock letztlich vor allem über Sex und Tod - und das wie kein zweiter: „If I can't have it when I'm older, I'm gonna have it, when I'm young“ oder „It's the privilege of youth and beauty to fade“ sind typische Hitchcock-Zeilen zwischen Weisheit und non sequitur.
Das Thema all seiner Songs sei letztlich der „shock of existence“, hat Hitchcock einmal gesagt, und die genannten Zeilen, beide aus späten Stücken, zeigen nachdrücklich, wie groß der Schock für ihn nach wie vor sein muß. In ihren besten Momenten klingen Hitchcock-Songs wie musikgewordene Dalí- oder De-Chirico-Gemälde; Zeit und Raum scheinen in seinen Texten ausgehebelt, es regiert die Logik des Traums; Schönheit und Schrecken können jederzeit in aller Urgewalt in das Geschehen hineinbrechen.
Unser Planet ist ein seltsamer Ort
Und doch haben seine besten Lieder - vor allem die späten - etwas ungemein Weises, Berührendes. Manchmal geht es etwas zu sehr mit ihm durch. Doch selbst, wenn er seinen Irrsinn allzusehr von der Leine läßt, hört er sich immer noch an, als handele es sich bei Cleese und Lennon um denselben John. Kurz: Wenn man diesen Planeten für einen seltsamen Ort hält, ist man bei Robyn Hitchcock in guten Händen.
Nun hat Hitchcock ein neues Album aufgenommen, das endlich auch hierzulande wieder eine reguläre Veröffentlichung erfährt. Obwohl Hitchcock nie eine wirklich schlechte Platte gemacht hat, knüpft er mit „Olé! Tarantula“ an seine besten Platten aus den Achtzigern an. Gleich der Opener „Adventure Rocket Ship“, der Hitchcocks drei Haupteinflüsse Lennon, Dylan und Syd Barrett in Comic-Strip-Manier aufeinanderkrachen läßt, verdreht einem mehr den Kopf als jeder andere Gitarren-Popsong der letzten Zeit: Pharaone, Mumien und Astronautenskelette fliegen da zu einer jubilierenden Melodie durchs Weltall.
Jodeln in der Wüste
Der Titelsong der Platte wiederum, ein hysterischer Wüstenjodeler, zu dem sich der Parade-Brite in Tuscon, Arizona inspirieren ließ, ist ein typisches Beispiel für Hitchcocks idiosynkratische Tier-Songs, die häufig (und auch hier) von etwas ganz anderem handeln: „All life is sinful, the Catholics say / Use it up quick and then you throw it away.“
Dann ist da „Belltown Ramble“, eine typische Abstrusität, ein dahintänzelnder Folksong, der von usbekischen Kriegsherren, pinkfarbenen, rotierenden Elefanten, Krokodilen und den sieben Formen des Appetits handelt. Am Ende des kurzen, für Hitchcocks Verhältnisse stellenweise recht zupackend rockenden Albums geht es aber dann doch wieder um den Tod, jenes Thema, das den Ausnahmelyriker zu faszinieren scheint.
Meditationen über den Daseinsirrsinn
„N. Y. Doll“ ist eine wunderschöne Ode an den legendären „New York Dolls“-Bassisten Arthur „Killer“ Kane, dem Hitchcock hier ein würdiges Denkmal setzt und dessen Leben gleichzeitig zum Anlaß zu neuen Meditationen über den Daseinsirrsinn dient: „But in the library of your memory / People live in their books / till the pages close.“ „Olé! Tarantula“ zeigt Robyn Hitchcock in guter Form und ist ein guter Ausgangspunkt, um sich durch den unüberschaubaren Backkatalog dieses genialischen Songwriters zu arbeiten. Eine Beschäftigung fürs Leben.