09.10.2005 · Robbie Williams hat vor versammelter Weltpresse in Berlin seine neue Platte vorgestellt - und ein paar andere Produkte gleich mit.
Von Johanna AdorjanVor kurzem hatte der englische Popstar Robbie Williams einen, wie er es nennt, „Batman Moment“: Er hatte Damenbesuch bei sich zu Hause in Los Angeles, wo er seit ein paar Jahren wohnt, und das nicht zuletzt deshalb, weil er in Amerika um einiges unbekannter ist als in Europa und dort zum Beispiel unbehelligt bei Starbucks seinen Caffe latte trinken kann. Was er eigentlich beruflich mache, fragte sein Besuch, offenbar tatsächlich ahnungslos. Er sei Sänger, sagte Robbie Williams. Dann bat er die Frau, vor dem Fernseher Platz zu nehmen und legte die DVD mit seinem Open-air-Auftritt in Knebsworth vom Sommer 2003 ein. 375.000 Menschen waren dort an drei Abenden gewesen, es ist das größte englische Open-air-Ereignis aller Zeiten. „Sie konnte es nicht fassen“, erzählte Williams einer englischen Zeitung, „es war großartig. Ich habe mich gefühlt wie Bruce Wayne, wenn der einer Frau verrät, daß er Batman ist.“
Zu Hause in Europa, wo am Freitag in Berlin der versammelten Weltpresse sein neues Album vorgestellt wurde, könnte ihm so eine Geschichte nicht passieren. Robbie Williams kennt hier jeder, und selbst wer ihn nicht kennt, kennt ihn doch, aus seinen Werbespots für Autos, Telefone und was nicht alles. Der Engländer Robbie Williams, 31, ist nicht nur ein Popstar, er ist vor allem einer der größten europäischen Werbeträger.
Geld, Geld und Geld
Die Präsentation seiner neuen Platte zum Beispiel war eigentlich eine Werbeveranstaltung für zwei Unternehmen aus der Kommunikationsbranche. Selten wurde so hemmungslos zelebriert, um was es der Musikbranche im Innersten geht, um Geld, Geld, Geld nämlich, also um Klingeltöne, Downloads und Handys mit neuen Funktionen, die kein Mensch braucht, das aber auf keinen Fall merken soll.
Auf der Pressekonferenz zu seiner neuen Platte "Intensive Care" zeigt sich der Popstar unterhaltsam und ergreift Partei für Model Kate Moss.
In einer riesigen Halle auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof hatte die Weltpresse einen Vormittag lang Gelegenheit, die neue Platte von Robbie Williams zu hören und dem Künstler anschließend auf einer Pressekonferenz Fragen zu stellen. Die Journalisten waren, wie später stolz verkündet wurde, aus dreißig Ländern angereist (viele davon schienen in Holland zu liegen), um an diesem Tag mittels Musik ein neuartiges Handymodell nähergebracht zu bekommen, eine Art Walkman-Telefon, für all diejenigen vermutlich, die bislang vergeblich versucht haben, mit ihren Ipods wichtige Telefonate zu führen. Einigen Vertretern der Weltpresse mag gar nicht bewußt gewesen sein, in was für eine Gefahr sie sich an diesem sonnigen Morgen in der deutschen Hauptstadt begeben würden - doch spätestens als sie die finsteren Ordner sahen, die mit Schäferhunden die Auffahrt zum Veranstaltungsort bewachten, wußten sie: Hier waren sie, vor was auch immer, in Sicherheit. Hatten sie dann noch die lange Schlange am Einlaß sowie eine feierliche Paßkontrolle hinter sich gebracht, durften sie an den Ort des Geschehens: Im riesigen, mit Tüchern und Lampen dekorierten Hangar 2 konnten sie Robbie Williams' neue Platte „Intensive Care“ hören - vorausgesetzt, sie konnten. Dafür nämlich mußten sie sich des neuen Handy-Musikabspiel-Geräts bedienen, für das Robbie Williams jetzt wirbt. Und das war keine leichte Aufgabe, denn, das muß an dieser Stelle deutlich gesagt werden, es ist ein schrecklich kompliziertes Modell mit tausend überflüssigen Funktionen und Knöpfchen und Rädchen so klein, daß vielleicht vierjährige Asiatinnen sie mühelos bedienen können, aber das ist ja auch eine Zielgruppe.
Eine einzige riesige Demütigung
Die neue Platte war auf diesen Handys gespeichert und über Kopfhörer anzuhören. Zwölf neue Songs, alle von Robbie Williams zusammen mit Stephen Duffy geschrieben, dem Sänger der Band The Lilac Time, der von Kennern der englischen Musikszene verehrt wird wie nur wenige andere. Während unten im Saal englisches Frühstück gereicht wurde, was den gesamten Raum bis in den letzten Winkel mit dem Geruch von Eierspeise und Speck erfüllte, waren oben Journalisten damit beschäftigt, sich mit den Funktionen des neuen Handys vertraut zu machen. Lautstärke regeln: oben rechts. Nächster Song: Knopf in der Mitte nach rechts bewegen, aber Achtung, mit Gefühl, sonst springt er einen weiter. Zufallsreihenfolge ausstellen: leider nicht möglich.
Die ganze Veranstaltung war für alle Beteiligten eine einzige riesige Demütigung. Für die Ordner draußen mit ihren Hunden - denn wen bewachten sie eigentlich, und wovor? (Bitte passen Sie auf, daß Robbie Williams keinen holländischen Journalisten anfällt?) Für die Journalisten, die zu dieser Veranstaltung genötigt wurden, wenn sie über die neue Platte eines der größten Popsängers unserer Zeit berichten wollten: Die Plattenfirma hält sie offenbar alle für Verbrecher, die Vorabkassetten ins Netz stellen würden, und verschickt die neue Platte deshalb vor der Veröffentlichung gar nicht. Daß die Journalisten, erwachsene Menschen, darunter bestimmt auch ein paar gute ihres Fachs, außerdem gezwungen waren, sich die neue Platte über Mobiltelefone anzuhören, war auch nicht schön. Und Robbie Williams? Ist der neue Crazy Frog. Die ganze Glaubwürdigkeit, die er sich mit seinem neuen Co-Komponisten eingekauft hat, hat er schneller verspielt, als sich eine Handyvorwahl tippen läßt. Oh, und nur der Vollständigkeit halber: In den Presseunterlagen wird auch stolz eine neue Partnerschaft zwischen Robbie Williams und einem großen Kreditunternehmen verkündet.
Interessiert sich irgend jemand für die Musik?
Robbie Williams nämlich eher nicht so sehr, der neuen Platte nach zu urteilen. Er macht jetzt Musik wie früher die Dire Straits. Ehrlichen Geradeaus-Rock wie er schon in den achtziger Jahren fürchterlich war. Und wenn es mal ganz verwegen wird, dann klingt es, als hätten Stock, Aitken, Waterman die Dire Straits produziert. Er habe ein Album machen wollen, das in zwanzig Jahren die Menschen so rühren werde, wie ihn heute die Hits aus seiner Schulzeit rühren, hat Robbie Williams gesagt - vielleicht nicht zuletzt, um sich einer aktuellen Beurteilung zu entziehen. Die neue Platte hat jedenfalls nichts von dem Zauber, der seine Musik bisher ausgemacht hat: Es gibt keine Harmoniewechsel, hinter denen sich neue Welten auftun, keine Chöre, die Engel rühren würden, keine Hymnen, die das Leben größer machen als es ist, und wenn auch nur für drei Minuten vierzig.
Gut, die neue Single „Tripping“, mit ihren Reggae-Einflüssen und dem waghalsigen Falsett-Refrain, ist sehr schön. Und ungefähr zwei andere Stücke sind es auch. Aber der Rest klingt wie Musik zu einem Film, in dem Hugh Grant mitspielt. Und zwar würde der einen Mann spielen, der zu einer „Zwanzig Jahre Schulabschluß“-Party geht, wo all die Hits von damals gespielt werden, nur leider hätte die Filmproduktionsfirma nicht die Rechte an den Original-Songs gekriegt. Die Songs klingen wie Billigversionen von „Money for nothing“ oder „Walk of Life“ von den Dire Straits, sie klingen nach Pat Benatars „Love is a Battlefield“ und sogar nach „Time of our Life“ aus „Dirty Dancing“.
Williams gibt wieder den Popstar
Auf Dauer sind auch seine Texte einfach nur larmoyant: Und wieder gibt Robbie Williams den Popstar, der unter seinem Ruhm leidet, den Mann, der von so vielen geliebt wird und der nicht lieben kann, niemanden, und schon gar keine Frau, den einsamen, reichen, unglückseligen Liebling der Götter. Eben erst war zu lesen, daß Robbie Williams nicht von Antidepressiva loskommt - genau so klingt seine Platte: psychopharmazeutisch neutralisiert. Die Platte eines Menschen, der vergessen hat, warum er unglücklich ist, dem das Unglücklichsein zur Pose gefroren ist und der gemerkt hat, daß man, wenn man sein Leiden ausstellt, es mit Grinsen und spitzbübischem Charme serviert, sehr viel Geld verdienen kann.
Wie er schon reinkommt bei der Pressekonferenz, die Bühne betritt mit den Worten: „Wow. Ich muß wahnsinnig berühmt sein, so viele Leute hier.“ Es gerät ihm eine Spur zu gelangweilt. Als koste es ihn eine irrsinnige Mühe, dabei ein Gähnen zu unterdrücken. Muß ja auch öde sein - soviel Applaus für die immer gleichen Witze und Posen. Das Publikum liebt ihn als Charmeur, also bekommt es den Charmeur: „Oh, sieh dich an, wie niedlich, wer bist du, hast du heute abend schon was vor, komm doch in meinem Hotel vorbei“, sagt er zu ungefähr jeder Hosteß im Saal und legt dabei jedesmal den Zeigefinger meisterhaft unschuldig an die Unterlippe. Die Pose des Rabauken inszeniert er so: Als ihm eine Journalistin eine lange Frage stellt, kratzt er sich scheinbar selbstvergessen unter dem Hosenbund. Dann schrickt er auf: „Tut mir leid, ich habe vollkommen vergessen, daß der Raum voller Leute ist.“ Pause. „Aber es war das Hemd. Ich habe nicht mit meinem Penis gespielt.“ Pause. „Das tue ich später.“ Es ist wie Woody Allens Stammeln und Jerry Lewis' Grimassieren - ein großartiger Entertainer, der sich auf frühen Erfolgen ausruht.
„Als ich in der Schule war, war das Handy noch nicht erfunden“
Irgendwann, es hat sogar relativ lange gedauert, wird er nach seiner Kooperation mit dem Mobilfunkbetreiber gefragt. „Man könnte fast meinen, Ihre Frage sei bestellt“, versucht er die Peinlichkeit des Themas abzufedern und faselt dann irgendwas von Ehre und wie stolz er darauf sei, daß sein Management ihn in die erste Reihe gestellt habe, eine neue Technologie zu promoten. Eine weitere Frage in diese Richtung pariert er mit einem Witz. Ob er sich als Junge habe vorstellen können, daß Musik später über Handys abzuspielen sei. Dankbare Vorlage. Williams wiederholt die Frage, dehnt jedes Wort und schneidet dabei Gesichter, die in einer Regieanweisung mit „gespielter Unglauben“ gut beschrieben wären. Dann seine Antwort: „Als ich in der Schule war, war das Handy noch nicht erfunden.“ Erleichtertes Gelächter im Raum.
Als er sich verabschiedet, als Robbie Williams an den vielen Firmenlogos vorbei von der Bühne geht, hat die Presse noch Gelegenheit, Abgesandten seiner verschiedenen Werbepartner Fragen zu stellen. Was für eine schale Show.