06.07.2010 · Ringo Starr bezauberte gerade dadurch seine Fans, dass er als Schlagzeuger der Beatles auf das Genie-Rollenspiel von Lennon und McCartney verzichtete. Er gab den Durchschnittsmusiker - und wird als lässiger Country-Swinger noch immer unterschätzt.
Von Edo ReentsRingo Starr ist vermutlich der Einzige, der als Angehöriger des Rock-Adels immer ein wenig unter dem Verdacht stand, unterpriviligiert zu sein. Während die drei anderen Beatles ihre zuweilen streberhaften Ambitionen auslebten, hielt er sich mit distanziertem Spiel im Hintergrund und den Ball in jeder Hinsicht flach.
Das mochte auch damit zusammenhängen, dass das Schlagzeug damals ein Instrument war, auf das es nicht annähernd so ankam wie auf vorzeigbare Sänger. Für einen Virtuosen hätte man damals, in der scheppernden Frühphase, auch überhaupt keine Verwendung gehabt. Aber irgend jemand musste trotzdem trommeln.
Dies war genau die richtige Situation für jemanden, der sowieso nicht viel vom Leben erwartete. Von dem kränkelnden Sohn eines Liverpooler Dockarbeiters, der als Letzter und Ältester zur Band gestoßen, dann aber nicht nur in deren Filmen der Witzigste, Sarkastischste war, ging immer etwas Unschuldiges aus, das zuweilen mit Unbedarftheit verwechselt wurde.
Tatsächlich war es aber die Einsicht in die Vordergründig- und Kurzlebigkeit von Unterhaltungsmusik, die ihn daran hinderte, hier bedingungslos mitzumachen. Dass zu seinen Gunsten 1962, als die erste Single „Love Me Do“ schon auf dem Markt war, der arme Pete Best den Platz an der Sonne räumen musste, bedeutet aber doch, dass Ringo Starr der richtige Mann war - teilnahmslos und extrem trocken.
Es gibt und gab schon damals in der Rockmusik bedeutendere Schlagzeuger - Keith Moon, Ginger Baker oder John Hiseman. Trotzdem ist die Entwicklung dieses Musikers bemerkenswert, der seit „Rubber Soul“(1965) kraftvolle, originelle Akzente setzte und dank seiner lässigen Schlagtechnik und spezieller Fellbespannung seinen einzigartigen Pudding-Sound schuf.
Glanz im Schattendasein
Ringo Starr hat sich auch selbst nie für einen Musiker gehalten, der es an Genialität mit Lennon/McCartney hätte aufnehmen können. Aber durch eine Beatles-Mitgliedschaft wird man eben automatisch bedeutend. Dies ist womöglich auch der Grund dafür, warum er wenig Wert auf eine geregelte Solokarriere legte und bis heute gereizt reagiert, sobald die Vergangenheit zur Sprache kommt: „Wenn ich irgendwo reinkomme, werde ich sofort darauf angesprochen. Es ist immer der gleiche Mist.“ Während die anderen ihre Projekte zum Teil verbissen verfolgten, ließ er eigentlich nur dann von sich hören, wenn gerade ein Meisterproduzent und möglichst viele prominente Sessionmusiker in der Nähe waren.
Dies war besonders im Frühsommer 1973 der Fall, als Ringo Starr unter der Aufsicht Richard Perrys in Los Angeles so ziemlich alles versammelte, was Rang und Namen hatte. So kam „Ringo“ zustande, ein zeittypisch grandios überladenes, unglaublich fettes und durchaus vielseitiges Monster, mit dem Ringo Starr immerhin den Anspruch auf eine gewisse Ebenbürtigkeit erheben konnte und das sogar eine Beatles-Wiedervereinigung denkbar erscheinen ließ. „Photograph“, das Starr mit George Harrison geschrieben hatte, ging um die Welt und war wohl der gültige Ausdruck für ein Temperament, das sich bei einem gemächlich wiegenden, country-nahen Rhythmus am wohlsten fühlt, über den sich eine Stimme von Phlegma und Wärme legt. Sein Mississippi ist der Mersey River.
Unterwegs auf Solopfaden
So zeichnet sich Ringo Starrs Musik hauptsächlich durch Gelassenheit aus. Das hört man schon auf seinen ersten beiden, hoffnungslos unterschätzten Platten „Sentimental Journey“ (1970) und „Beaucoups Of Blues“ (1971). Man weiß nicht, was man hier mehr bewundern soll - den sanften Big-Band-Swing oder die fast unverschämten Country & Western-Imitate, die er vorträgt, als gäbe er sich einem beliebigen Zeitvertreib hin. Aus der Nonchalance, mit der er bis heute von sich hören lässt, entsteht ein Reiz, zu dem die alte Beatles-Magie das Ihre natürlich beiträgt.
Ringo Starr, der als Richard Starkey geboren wurde und mehrmals am Rande des Todes stand, ist auf seine älteren Tage weise geworden. Sein bisher vorletztes Album „Liverpool 8“ ist ein Muster an biographischer Verknappung. Dabei gibt es aus seinem Leben, das an diesem Dienstag schon siebzig Jahre währt, hoffentlich auch in Zukunft noch viel zu berichten.