Hilfsbereitschaft kann man den Hamburgern nicht absprechen. Als sich der Gast aus England mit dem Namen der Konzerthalle abplagt, in die es ihn an diesem Abend verschlagen hat, als er die Zuhörer erst im „Kunst“ und dann im „Knud“ begrüßt, raten ihm Stimmen aus dem Publikum beharrlich, sich doch einfach umzudrehen - an der Wand hinter Richard Thompson prangt groß der Schriftzug „Knust“.
Früher wäre ihm das nicht passiert. Denn in den Anfängen seiner Karriere, als er siebzehnjährig in London die Folkrock-Band Fairport Convention mitgründete, spielte der schüchterne Gitarrist am liebsten mit dem Rücken zum Publikum, so heißt es, und daß er sich damals ans Mikrophon stellte, war die Folge eines verlorenen Losentscheids innerhalb der Band. Fast vierzig Jahre und geschätzte vierzig Platten später (die zahllosen Gastauftritte als Studiomusiker nicht mitgerechnet) steht Thompson nicht nur häufig, sondern ersichtlich auch gern auf der Bühne, vertraut mit einem Publikum, das gemeinsam mit ihm in die Jahre gekommen ist und jedes Lied vom ersten Riff an erkennt.
Kein Fremdkörper
An diesem Abend jedenfalls ist man unter sich im kargen „Knust“ - eine nüchterne Halle im ehemaligen Schlachthofgelände von St. Pauli, in der eine eiserne Galerie, ein Bühnenvorhang und die an die Wand projizierten Umrisse einer Blüte die einzigen sichtbaren Zugeständnisse an die neue Nutzung als Kulturstätte sind.
Thompson jedenfalls, der zwei Stunden lang unermüdlich auf seiner akustischen Gitarre die allerfeinsten Soli spielt und sich dafür öfter an Wasserflasche, Handtuch und Talkumpuder hält, ist in dieser Arbeitsatmosphäre kein Fremdkörper. Er spielt sich mit Verve durch ein fünfunddreißig Jahre umspannendes Repertoire eigener Songs, von „Genesis Hall“ aus dem Jahr 1970 bis zu den Liedern seines gerade erschienenen Albums „Front Parlour Ballads“, begleitet seinen Gesang mit der bekannt stupenden Gitarrentechnik, die mindestens zwei weitere Instrumente ersetzt, und ist bei bitteren Liebesklagen wie „Walking on a wire“, „Waltzing's for dreamers“ oder „When the spell is broken“ künstlerisch ebenso überzeugend wie bei den Metaphern auf gesellschaftliche Zustände (“Pharaoh“) oder der Taliban-Introspektive „Outside of the inside“.
Nicht zuviel versprochen
Und als wären die vielen Soli, die in ihrer Komplexität und Verspieltheit manchmal wirken wie eine öffentliche Probe, in der Thompson erkundet, was denn noch alles anzustellen wäre mit diesem Instrument, nicht genug an Risiko, geht er auch stimmlich an seine Grenzen (und manchmal darüber hinaus): Der Mann, der früher gern über seine „Halb-Oktaven-Stimme“ scherzte, erweitert dieses Spektrum entschieden nach oben, er dehnt, seufzt, klagt und zürnt, etwa in dem neuen Lied „My Soul, My Soul“, dessen Zeile „She'll never be satisfied“ an diesem Abend einigermaßen bösartig gezischt wird - die Liebesverlierer, von denen Thompson immer gern gesungen hat, wissen sich zu wehren oder wenigstens ihrer Wut Luft zu machen. Sentimentales war in Hamburg dagegen nicht zu hören, und wenn einer die Kunst beherrscht, etwas Gift noch in die einschmeichelndsten Melodien zu träufeln, dann dieser freundliche reife Herr in Barett und T-Shirt.
„Front Parlour Ballads“, das Album, das Thompson beinahe im Alleingang in der heimischen Garage aufgenommen hat, führt er an diesem Abend zwar manchmal im Munde, doch er singt nur vier Lieder daraus, darunter das bestrickende Liebeslied „Old Thames Side“ (und behält das noch bestrickendere „Cressida“ leider für sich). Dafür spielt er schließlich den Klassiker „Shoot out the lights“ mit der grimmigen Entschlossenheit und auch Lautstärke eines Musikers, der gewillt ist, dem Publikum den Gitarrengott zu geben, den es nun mal verlangt, und unter den Live-Aufnahmen eigener Konzerte, die Thompson auf seiner Website vertreibt, stünde auch diese Version nicht schlecht da.
Am Ende, nach einem großartigen Konzert mit insgesamt zweiundzwanzig Liedern, zwei Zugabeblöcken und beim mithin dritten Abgang von der Bühne, mag Thompson entziffert haben, wo er an diesem Abend gespielt hat. Daß er mit seiner ersten Ansage nicht zuviel versprochen hatte, war schon vorher klar.