Der alte Mann im blauen Blumenhemd sitzt im Eingang zum Kreuzigungshof mitten in der Nürnberger Altstadt. Vor sich ein Schild mit „Gott segne Dich“, unterm Kinn die Geige, auf der er seine eintönigen Polkas spielt, und für den schnellen Wechsel ist in den Korpus des Instruments noch eine Trompete eingebaut. Dass er außerhalb des offiziellen Programms beim 32. Nürnberger Bardentreffen mitmischt, wer wollte es ihm verbieten? Er ein Barde, warum denn nicht? Das Festival ist groß und inhaltlich in alle Richtungen offen, acht Bühnen und insgesamt gut siebzig Auftritte, alles draußen, alles umsonst, ein Wochenende lang, und es dürfte kaum möglich sein, die teilnehmenden Künstler hinsichtlich ihrer Musik oder ihrer Haltung begrifflich klar konturiert unter einen Hut zu bringen.
Barden also: Wer bei diesem Treffen auf ein bisschen ossianischen Nebelglanz gehofft hatte, auf Verdunkelungsstrategien und Rollenspiel, wurde nicht selten wüst enttäuscht. Wer ein Anliegen hatte, eine Botschaft verbreiten wollte, teilte sie auch mit, im Zweifel auch mal ein bißchen deutlicher. Zwischen zwei großen Fahnen, die für kostenlose Girokonten warben, stemmten sich die beiden Allgäuerinnen, die sich aus einleuchtenden Gründen „Vivid Curls“ nennen, gegen den Klimawandel, fragen, wann wir „endlich aufwachen“ und finden, dass jetzt „alle was tun“ müssen. Da widerspricht ihnen keiner. Die eine spielt Gitarre und singt, die andere singt auch, manchmal klingt das wie „Talking 'bout a Revolution“, manchmal wie die „Indigo Girls“, und dann gehen wir lieber weiter.
Ikone auf der Nebenbühne
Immerhin hatte das Festival in diesem Jahr hohe Erwartungen geweckt: Welchen Reichtum mag ein Bardentreffen bieten, das es sich leistet, eine Folkrock-Ikone wie Richard Thompson auf einer Nebenbühne (auf der Insel Schütt) zu präsentieren!
Doch mit dem Reichtum war es zunächst leider doch nicht so weit her. Es traten auf: der angestrengt hintersinnige Poet, dem Mundwinkel und Stimme vor lauter Schmunzeln schon ganz zusammengezogen sind; die Weltmusiker im Walzertakt; die einsamen Männer mit Gitarre und zwei bis drei Blaupausen für die Lieder einer zwanzigjährigen Karriere. Aber auch, abseits der offiziellen Bühnen, die Nachwuchs- oder Seniorentalente, die ihre Karriere noch vor oder längst hinter sich haben, die tapfer apokryphen Punk spielen und dankbar die paar Zuhörer mustern, die stehenbleiben.
Barden dieser Stadt, Ohren auf!
Die Bühnen sind überdacht, der Rest ist es nicht, und aus dem grauen Himmel regnet es mal mehr, mal weniger, aber einigermaßen konstant. Richard Thompson darf fünf Viertelstunden lang singen, am Ende bekommt er Zeichen vom Bühnenrand und schaut immer wieder auf die Uhr - ist noch eine Zugabe drin? Immerhin reicht es für sechzehn Lieder aus vierzig Jahren, weil Thompsons Karriere länger zurückreicht als das Bardentreffen: „Genesis Hall“ ist dabei, der melancholische Kommentar zum Kampf zwischen Hausbesetzern und der Polizeigewalt, „Down Where the Drunkards Roll“ von 1972, und Thompson nutzt die elegische Struktur dieser wüsten Trinkerballade, um mit einem Gitarrensolo die Melodie filigran zu umschmeicheln.
Mit den Jahren, so scheint es, begreift Thompson den ungeheueren Fundus an Kompositionen, den er mittlerweile angehäuft hat, als Material, an dem er seine Spieltechnik ebenso erprobt wie das mittlerweile doch sehr erweiterte stimmliche Vermögen. Und zollt der Text des Liedes den hoffnungslosen Trinkern seit je Respekt, ist Thompson nun auch in der Lage, diesen auch im Vortrag zum Ausdruck zu bringen - wenn er Silben dehnt und dezent betont, wenn er sich bei anderen Stücken ins Falsett wagt oder das kluge Sehnsuchtslied „Persuasion“ mit einer exakt kalkulierten Inbrunst singt, die das Ganze davor bewahrt, in den schieren Kitsch zu driften.
„Dad's Gonna Kill Me“ von seiner neuen Platte „Sweet Warrior“ spielt er auch, ein großartiges Antikriegslied aus der Perspektive eines in Bagdad stationierten Soldaten. Einen Moment lang wünscht man sich da die Barden der Stadt ins Publikum auf die Insel Schütt, aber vielleicht ist es doch gut so, wie es eben ist. Als Thompson dann die Bühne räumen muss, spielt drüben auf der anderen Seite der alte Mann weiter seine Polkas. Er jedenfalls wird auch im nächsten Jahr mit von der Partie sein.