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Richard Thompson Die Gitarre und das Mehr

27.06.2006 ·  Er ist das unbekannte Genie geblieben. Seine Plattenverkäufe stehen in groteskem Gegensatz zum Kritikerlob. Einen erheblichen Teil seiner CDs vertreibt er auf der eigenen Website. Acht Gründe, warum man Richard Thompson lieben muß.

Von Tilman Spreckelsen
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Jetzt bin ich tot, singt der Mann mit dem Barett, und auf einmal verkaufen sich meine Platten glänzend. Jetzt fließen die Tantiemen, jetzt interessiert sich mein Agent wieder für mich, und selbst die Kritiker wissen, wie man meinen Namen schreibt. Alles steht also bestens, nur der Zeitpunkt ist falsch. Wenn Richard Thompson bei seinen Konzerten „Now that I am dead“ singt, die Klage des zu Lebzeiten verkannten Künstlers, mag bei aller Ironie ein Gran Bitternis mitschwingen.

Denn eigentlich lieben ihn doch alle: die Kritiker, die seine Alben regelmäßig in den höchsten Tönen preisen, die Kollegen, die begeistert seine Lieder nachspielen und sich für einen Gastauftritt bei ihm zerreißen würden, schließlich die Fans, die noch der obskursten Platte hinterherjagen, auf der Richard Thompson bei irgendeinem Lied Gitarre spielt. Trotzdem ist er das unbekannte Genie geblieben, einer, dessen Plattenverkäufe in groteskem Gegensatz zum Kritikerlob stehen, der immer wieder in seiner Karriere Phasen erlebte, in denen er ganz ohne Plattenfirma dastand, und der heute einen erheblichen Teil seiner CDs auf der eigenen Website vertreibt.

Vielleicht ändert sich das mit der üppigen Werkschau, die das kleine britische Label Free Reed für Thompson veranstaltet hat: Fünf CDs und ein 170 Seiten starkes Begleitbuch beleuchten Thompsons Karriere von den späten sechziger Jahren bis heute in 85 Aufnahmen, allesamt Raritäten, die meisten in hervorragender Klangqualität. Wer sich ihnen aussetzt, erlebt ein großes Thompson-Treffen: Da sind der Pionier und der Traditionalist, der Brite und der Amerikaner, der Komponist und der Gitarrengott, der Sentimentale, der Partner, der Trauerkloß und der Entertainer.

1. Der Songschreiber

Gut vierzig reguläre Alben hat Thompson veröffentlicht, seit er Anfang der Siebziger seine Band Fairport Convention verließ. Coverversionen finden sich da so gut wie keine; dafür verfügt Thompson über einen Katalog von annähernd sechshundert Eigenkompositionen. Viele davon wurden häufig nachgespielt, manche bis zu zehnmal gecovert, von Künstlern wie Elvis Costello, REM oder June Tabor und vielen anderen. Auch Thompsons einzigen echten Hit hat ein anderer aufgenommen: Tim Finn machte das Sehnsuchtslied „Persuasion“ zur Nummer 1. In Neuseeland. Aber immerhin.

2. Der Veteran

Als Thompson 1967 sein erstes Konzert mit Fairport Convention spielte, war er achtzehn Jahre alt. Die Londoner Band spielte als Vorgruppe für Pink Floyd, Thompson jammte mit Jimi Hendrix und galt in der Szene bald als Kuriosum: Der dünne Junge mit den wirren Locken, hinter denen er sich gern versteckte, der vor übergroßer Schüchternheit das Publikum gar nicht ansehen mochte, der gelernte Glaskünstler (in der St. Columba's Church in Chester kann man ein farbiges Fenster sehen, das Thompson baute), der von der Arbeit mit geschundenen Fingern kam und trotzdem so auffallend geläufig Gitarre spielte, schließlich das Talent, das nach fünf rasch aufgenommenen Alben mit 21 die Band verließ.

Auch die gefeierte Sängerin Sandy Denny strebte eine Solokarriere an, und heute ist Fairport Convention meilenweit von der damaligen Bedeutung entfernt. Nick Drake, mit dem sich Thompson den Produzenten Joe Boyd teilte und für den er Gitarre spielte, starb bald, auch Sandy Denny, die Szene zerstreute sich, auch wenn Thompson bis heute gern mit den Ex-Kollegen Simon Nicol und Dave Mattacks Platten aufnimmt. Und wenn sich einmal jährlich im August die aktuellen Mitglieder von Fairport Convention im britischen Cropredy mit den ehemaligen zu einem Wochenendfestival treffen, ist das immer schön. Und ziemlich traurig.

3. Der Trauerkloß

In Thompsons Fairport-Zeit jedenfalls wurzelt der Ruf, der ihn bis heute völlig zu Recht begleitet: daß seine Lieder eine Weltsicht offenbarten, die düsterer kaum denkbar sei. „Gegen Thompson“, schreibt sein Biograph Patrick Humphries, „klingt Leonard Cohen wie Barry Manilow.“ Und was soll man sonst über einen Mann sagen, der einem Neugeborenen ein Wiegenlied singt, wie schrecklich es da draußen außerhalb des Kinderzimmers zugehe, und übrigens seien auch die Eltern nicht allererste Sahne? Der Liebesbeziehungen hin und her wendet, bis noch der letzte Rest an Illusion und Harmonie zum Teufel geht?

Zu den Besonderheiten in der künstlerischen Biographie Thompsons gehört, daß seine Lieder in den siebziger und frühen achtziger Jahren von seiner damaligen musikalischen Partnerin und Ehefrau Linda gesungen wurden. Denn so ungerecht es sein mag, die letzte Platte des Paares, „Shoot out the lights“ von 1982, immer nur unter dem Aspekt der gleichzeitigen Trennung zu sehen, wo doch die Lieder erheblich früher geschrieben wurden - es berührt eigentümlich, diese Ansammlung von großartigen, bitteren Klagen um einen Liebesverlust zu hören, der nicht wiedergutzumachen ist. Möglicherweise waren die Lieder einfach weiter als ihr Autor.

4. Der Amerikaner

Nach der Scheidung zog Thompson zu seiner neuen Liebe nach Amerika, und auch seine Platten der achtziger Jahre werden von manchen Fans unter den Generalverdacht der amerikanischen Korrumpierung gestellt: Thompsons Plattenfirma habe ihn stadiontauglich machen wollen, vermuten sie, und ihm deshalb den Produzenten Mitchell Froom an die Seite gestellt. Der wiederum habe für neue, glatte Begleitmusiker gesorgt, das Ergebnis sei dann auch entsprechend. Und manche atmeten auf, als Thompson zur Jahrtausendwende nacheinander Produzent wie Plattenfirma los wurde. All das unterschlägt nicht nur, daß Thompsons voriger Produzent Boyd, der auch die eminent britischen Fairport Convention unter seinen Fittichen hatte, Amerikaner war. Sondern auch, daß Thompson in dieser Zeit einige seiner allergrößten Lieder aufnahm: „Jenny my love“, die hoffnungslose Erinnerung an eine zehn Jahre zuvor beendete Beziehung, „Can't win“, das die Front der Erwachsenen gegenüber dem neugierigen Kind schildert, schließlich das Sommerstück „Beeswing“, das einen amour fou durch das südliche England der späten sechziger Jahre schildert.

5. Der Engländer

Kein Zufall: Thompson kam in Notting Hill zur Welt, und es hat den Anschein, als kehrte er in seinen Liedern um so häufiger dorthin zurück, je länger er nun schon in Kalifornien lebt. Als 1999 das Album „Mock Tudor“ erschien, war das Ergebnis wie das Eintauchen in die Welt der Londoner Vorstädte. „Walking the long miles home“ heißt ein Lied, das den Morgen nach einer Party beschreibt, andere besingen Gurus, Dealer und Verlierer, spielen auf Gebäude und Viertel an und beschreiben den verhängnisvollen Sog der Hauptstadt. Der erste Rückblick in Sentiment und Zorn aber ist die Platte nicht: Schon „Daring Adventures“ enthält mit „Al Bowlley's in heaven“ das Lied eines Veteranen, der sich an die Swingpaläste seiner großen Zeit erinnert, als er ein Held war, die Mädchen hübsch und einem in Uniform die Stadt zu Füßen lag. Und Thompson wäre nicht Thompson, zöge die Gegenwart, verglichen mit diesen goldenen Zeiten, nicht den kürzeren.

6. Der Gitarrengott

Bei alldem gibt es immer noch die Gitarre. Und wenn es eine Konstante in Thompsons Schaffen gibt, dann das stupende Vermögen, mit frei wuchernden Soli seine Lieder live in einer Weise neu zu interpretieren, daß einem der Atem stockt. Zu hören war das schon bei frühen Konzerten, auf Platte dokumentierte das erstmals die Sammlung „(Guitar, vocal)“ von 1976 mit den Liveversionen der Hymnen „Night comes in“ und „Calvary cross“. Thompson entblättert seine eigenen Kompositionen, wie es Dylan mit viel weniger Geschick versucht, er formt sie neu und versteht es dabei, die übrigen Musiker nicht nur mitzunehmen, sondern auch zu eigenen Höchstleistungen anzuspornen, und wer heute seine Soloauftritte besucht, wird sich von der Vorstellung einlullen lassen, der Mann auf der Bühne spiele mehrere Instrumente gleichzeitig, so vollendet sind dort Begleitung und Solo ineinander verwoben. Daß die Werkschau von Free Reed diesem Teil seines Schaffens eine eigene CD (“Epic live workouts“) gewidmet hat, ist nur gerecht.

7. Der Entertainer

Sein Publikum honoriert das. Vor allem, weil er mit den Jahren immer versierter geworden ist, seine Zuhörer nicht nur zu beeindrucken, sondern auch zu unterhalten versteht. Kein Wunder, immerhin scheint er ständig irgendwo zu touren. Auf der Live-CD „Small town romance“ ist ein Dialog von einem frühen Solo-Konzert zu hören: „Any requests?“ fragt Thompson in den Saal. „Everything you've ever played!“ fordert ein Zuhörer. Dieses Projekt beschäftigt ihn bis heute.

8. Der Klassiker

All dies dokumentiert die Retrospektive auf CD. Und obwohl sie das Ergebnis langer Archivrecherchen ist, bleiben ein paar Wünsche offen, etwa der nach dem schönen, aber ziemlich apokryphen Lied „Don't tell secrets“, das Thompson gelegentlich live spielte, aber nie regulär aufgenommen hat. Daß er dabei auf keinen Stil festgelegt ist, zeigt die Box jedenfalls sehr schön, und das nicht zuletzt bei den Stücken, die von anderen herrühren: Selbst das zu Tode genudelte Stimmungslied „Loch Lomond“ klingt hier in einer flotten Akkordeon-Saxophon-Gitarre-Version auf einmal höchst hörenswert. Und in einem bleibt sich Thompson leider treu: Er arbeitet offenbar bevorzugt mit Leuten, die ihm die verkorkstesten Coverbilder für seine Alben verpassen.

Angesichts dieser Lebensleistung ist das so gut zu verschmerzen wie die Erkenntnis, daß es mit dem Stadionfüllen wohl nun nichts mehr wird. Neulich jedenfalls, als der verdiente Thompson zusammen mit anderen Popmusikern bei der Queen zu Gast war, mochte er sich nicht nach all den Claptons und Pages als Gitarrist vorstellen. Auf die traditionelle Frage, was er denn so mache, antwortete er deshalb: „Ich bin Sänger und schreibe meine eigenen Lieder.“ „Das muß nett für Sie sein“, antwortete die Queen huldvoll. Und da, sagt Thompson, hat sie recht.

„RT - The life and music of Richard Thompson“. 5 CDs mit 176seitigem Booklet. Free Reed FRQCD 55.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.06.2006, Nr. 25 / Seite 30
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