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Rezension: Sachbuch Die Dame ist für's Feuer

02.11.1999 ·  Lapplöschleute unerwünscht: Eine Biographie adoriert Patti Smith / Von Rose-Maria Gropp

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Ihr, dem kränklichen, knochigen knäbischen Mädchen aus der Arbeiterklasse, geboren am 30. Dezember 1946 in der Southside von Chicago, mag eine Kunstlehrerin an der Highschool ein wundersames Selbst gewiesen haben. "Sie zeigte mir", so erinnert sich Patti Smith später in einem Interview, "die Modiglianis, und sie sagte, ich sähe aus wie ein El Greco oder ein Picasso der blauen Periode oder wie ein Modigliani." Zu einem Modigliani stilisiert, ist sie auf einem Foto von Lynn Goldsmith - fast torsiert der lange weiße Hals, die Augen verschattet und schwarz - auf dem Umschlag der zweisprachigen Ausgabe ihrer Textsammlung "Babel" bereits 1978 in Deutschland erschienen. Ins Gedächtnis aller, die damals Ohren hatten, Rockmusik zu hören und die Rhythmik rasender Sprechgesänge, ist ihr Bildnis von Robert Mapplethorpe eingegangen, im Jahr 1975 für das Cover ihrer ersten Langspielplatte "Horses" fotografiert: kühlen Hauptes, distanzierten Blicks, gekleidet in weißem Hemd mit geöffnetem Kragen und dunkler Hose - ein zeitenthobener Beau, eine Schönheit, die allen Konventionen entsagt. Nie war Patti Smith die Frau zum Liebhaben. Die Dame war für's Feuer und voll Feuer, sie war der Punk, ehe der Punk harmlose Mode war, sie war entfesselte Provokation, ehe dies schicke Attitüde wurde, und sie war intellektuelle Herausforderung im Gewand des Rock'n'Roll, ehe sich dessen domestizierte Poeten ungefährlich darin übten. Die Amerikanerin stand ein für eine bemerkenswerte Reihe abendländischer Unbotmäßigkeiten, die inzwischen längst nonchalanter Kanon sind. Mit wahlverwandtschaftlicher Radikalität eignete sie sich die aufsässigen Untergeher an und zelebrierte ihre Erinnerung in den Konzerten und Einspielungen mit ihrer legendären "Patti Smith Group": Arthur Rimbaud und Jean Genet heißen sie allen voran. Mimikry übte sie an ihnen, ihr anderes Geschlecht außer acht lassend - "Rock'n'Roll Nigger" heißt einer ihrer wildesten und bewegendsten Gesänge: Nigger sie selbst und alle, die sie in die unfrommen Gebete ihrer atemlosen Suche einschloss, an deren Ende für sie, die Religiöse ohne Konfession, der Eine immer steht, Gott.

Also wurde sie "Hohepriesterin des Rock'n'Roll" geheißen, zur Leitwölfin erklärt, wo die Wölfe Kerouac und Borroughs hießen, Bob Dylan, Jim Morrison oder Jackson Pollock, Jean-Luc Godard oder ganz simpel "The Rolling Stones". Immerhin - alle, die gegenwärtig schamlose Auslassungen zeitgenössischer Literaten aus Amerika oder Frankreich mit dem Enthusiasmus der Nachgeborenen als Niegehörtes begrüßen, hätten schrankenlose Sprachmacht bei dieser Frau finden können. Und die Tugend der Genauigkeit ohne Geschwätzigkeit. So schrieb sie schon Anfang der siebziger Jahre über Edie Sedgewick (1943 bis 1971), den vielleicht tragischsten der "Superstars" aus Warhols "Factory", in deren Dunstkreis auch die junge Patti Smith gehörte, als Auftakt eines Nachrufs in gebundener Sprache: "ich weiß nicht, wie sie das anstellte, fiebrig / bebte sie am ganzen körper, sie brauchte / stundenlang für ihr make-up. / aber sie schaffte es, sogar mit den falschen / wimpern dran. sie bestellte gin mit dreifach / limone, danach eine limousine, und jeder / wußte, sie war die wahre heldin von / blonde on blonde." Glamour und Partialisierung, ein paar Zeilen nur genügten ihr.

All das und viel mehr weiß gewiss Nick Johnston, Biograph von Patti Smiths gänzlich unvollendeter Schaffens- und Lebenszeit. Doch begriffen zu haben scheint er so wenig. Man könnte seinem Buch die altmodische Formel ad usum delphini voranstellen: Kenntnisreich und beflissen berichtet Johnston, was er gelesen, gehört und empfunden hat, breitet bewandert und deutungsfreudig viel Musikgeschichtliches aus, ohne einen einzigen Schritt vom Weg in historische Einordnungen zu tun. Und er, Jahrgang 1970, adoriert ohne jede Indiskretion, ganz braver Sohn, seine Muttergottheit, deren Huld ihm über die Wirklichkeit einer Vita voller Selbstzerstörung, Aggressivität und radikaler Brüche zu gehen scheint. Patti Smith mag gut beraten gewesen sein, an diesem Buch selbst nicht mitzuwirken. Sie ist wahrhaftig keine abgeschlossene Existenz. Die gewissermaßen jugendfreie frohe Botschaft einer fertig gereiften Persönlichkeit kann nicht ihre Wahrheit sein, nicht als Musikerin und Schriftstellerin, nicht als Mutter und nicht als Frau, die die Tode ihr liebster Menschen zu bewältigen hat. Und die sich nach Jahren des Rückzugs in die Privatheit wieder selbst aussetzt, nun fast dreiundfünfzig Jahre alt.

Denn fort und fort glüht diese Dame, deren Aura der Musikhistoriker Wolfgang Scherer in seiner Abhandlung "Babbellogik" als "Rock'n'Roll-Madonna" am schönsten beschrieben hat. Dafür kann das Gedicht stehen, mit dem sie ihr Buch "Babel" schloss. Wenn nicht mehr, so ist dies ein sanft lauerndes Schlaflied: "i know / all / your secret dreams / i know where / you are / goodnight / sleep tight / sweet streams / sweet beams / god light / you from / afar". Aber Patti Smith wacht.

Nick Johnstone: "Patti Smith". Die Biographie. Aus dem Amerikanischen von Michael Schiffmann. Palmyra Verlag, Heidelberg 1999. 340 S., Abb., geb, 49,80 DM.

Patti Smith

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.1999, Nr. 255 / Seite L27
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