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Rapperin Angel Haze Weichsein ist härter

 ·  Sie befreit sich von ihrem Ballast und gibt Beleidigungen einen neuen Sinn: Wie die Rapperin Angel Haze die Demütigungen des Hiphop zu ihrer Waffe macht.

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© KARSTEN MORAN/laif Angel Haze bei einem Konzert in New York

Selten, ganz selten gibt es das: Man findet Musik und ist so begeistert und voll davon, dass man sofort seine beste Freundin anruft: „Geh los und kauf dir das, das musst du sehen, hören, was auch immer, sofort!, denn wenn du das verstanden hast, dann haben wir uns echt wirklich verstanden!“ (Man wartet, sie guckt sich bei Vimeo.com das Musikvideo zu „New York“ an: Angel Haze rapt, ach was, sie schießt und ballert mit ihren Lines um sich: „I run New York“, sagt sie, als würde sie fragen, was es kostet, und genau so guckt sie. Unscharfe New-York-Bilder, schwarzweiß, komisch-perverse Gesichtsmasken, roh und bedrohlich. Aber: „I run New York“.)

“Und, wie findest du es? Ist diese Frau nicht unglaublich? Ein supertalentierter Gott ist das, ein Gott im Zeilenkrieg! Sie rapt das Vierfache von Doubletime, so kraftvoll und wütend und trotzdem komplett souverän, und weißt du, wie alt sie ist? Rate, wie alt sie ist! Sie ist 21 Jahre alt, EINUNDZWANZIG! Ist das zu glauben?“

Man muss dann ganz schnell auflegen und weitersuchen und -hören, um später noch mehr Leute anrufen zu können und ihnen zu berichten: von Angel Haze, die mit bürgerlichem Namen Raee’n Wahya heißt, von dieser jungen Frau, die als Kind dauernd umgezogen ist und unter anderem in Michigan in einer streng apostolischen Glaubensgemeinde aufwuchs, weil ihre Mutter, so sagt Angel Haze, so orientierungslos und fertig war, dass sie dort Halt suchte und somit akzeptierte, dass alles, was Spaß macht, eine Sünde ist. Musik zum Beispiel.

Von Coldplay zu Hiphop

„Meine Mutter sagte uns immer, dass wir ganz sicher in die Hölle kommen, wenn wir Popmusik hören.“ Ihr Vater starb, bevor sie zur Welt kam, die eigene Mutter beschreibt sie als unfähig, sie vor der Welt zu schützen, sie war also ziemlich alleine, und was blieb als Rückzugsmöglichkeit, als Schutzort, das war ihr Kopf.

Still und alleine sei sie gewesen, komisch habe man sie gefunden. Sie schrieb Gedichte, und das kann man ein Glück nennen, ein Glück für ihre Raptexte, die so komplett befreit und selbständig wirken. Befreit von einem Ballast, den man wahrscheinlich irgendwo in der Geschichte des Raps suchen muss, mit dem Angel Haze erst sehr spät in Berührung kam. Im Alter von 16 Jahren (das war 2005) erlaubte ihre Mutter Angel Haze dann nämlich irgendwie doch, Popmusik zu hören, aber sie hörte keinen Hiphop, sie interessierte sich für Bands wie Blink 182 und Coldplay.

Sich überschlagender Kampf-Rap

Und vielleicht hat ihr diese lange Abwesenheit von Rap jene Freiheit geschenkt, die heute ihre Texte so neu und leicht und besonders machen. Es ist ein bisschen langweilig und naheliegend, das aufzuzählen, was vor ihr auch andere schon weggelassen haben: das Blingbling, Prada-Louis-Vuitton-Luxus-Blabla, die Gettobeschreibungen und die gesamte Ikonographie, die sich dadurch erzeugt. Andererseits fällt mir, offengestanden, auch nicht mehr ein, warum die Abwesenheit dieses mitunter ermüdenden Gewichts aus Geschichte und Mythos bei ihr noch mal viel cooler wirkt. Man muss das vielleicht lesen (und hören!):

“And I give shit, I give, but it takes too much to be whole (. . .)
And I smile, maybe it’s a parody of all the tragedy inside us
We keep secrets like abortions,
Life stolen then frozen within our psyches lies on ice
Dancing with the demons, lips that rarely speak the truth
Acclimated by what we’ve been through / the mind is a terrible thing to waste
And at the same time it’s a terrible place to wait
I’m wasting away, starting to expire, I see fire when your teeth show
Pride often of ego, thrown off like parts between syllables
Hiccups that can’t be scared away, dreams not easy to decipher, conquer
But I still smile too but and inside I’m beating my knuckles to a bloody pulp“.

Geheimnisse für sich, in sich behalten, wie Abtreibungen, rapt sie, und dass es ebenso schrecklich sei, seine Seele, seinen Geist zu verbrauchen, wie dort warten zu müssen . . . oh Gott, was ist mit diesem traurigen Kind, dieser jungen Frau los, denkt man und will sie beschützen, aber das wäre ganz unangemessen, das macht sie schon selber. Mit ihrem atemlosen, sich überschlagenden Kampf-Rap, der sich auf ihren bislang erschienenen Mixtapes und ihrer nur im Internet veröffentlichten EP „Reservation“ mit einer unglaublichen Weichheit und Sehnsucht nach etwas Ganzem abwechselt: „You be boy and / I be girl and / It don’t stop / Until the break up“.

„Ich bin besser“

Das sind die beiden Pole bei Angel Haze: der einfache, komplett unironische Kinderwunsch, die Kinderangst ja eigentlich, welche man vom Anfang bis zum Ende behält, und dann, auf der anderen Seite: der Kampf mit der Welt, das unbedingte Nach-oben-kommen-und-da-Bleiben, die stetige Selbstbeschwörung, das darwinistische, superamerikanische Angel-Haze-Mantra: „If you want it, baby, make your way / And you can go far / Keep running it’s your race, it’s your race“.

„Reservation“ heißt ihre EP, und zwar, so sagt sie in den wenigen Interviews, die bislang mit ihr erschienen sind, weil sie hier, auf der Welt, an dem Platz, welchen sie sich ausgesucht hat, reserviert hat. Dieser Stuhl ist besetzt, heißt das. Ich bin besser als alle anderen, sogar als Nicki Minaj, die Rapperin, welche derzeit offiziell als die beste gilt und die Angel Haze, in der Schule sitzend, bewunderte, wo sie sich versprach, sie zu übertrumpfen. „Keep faith, stay strong, stay positive and fuck anyone that says oppisite“, wird sie in einem Interview zitiert, und mit dieser Selbstermächtigungsformel wird exakt das Gefühl transportiert, welches den sogenannten Battle-Rap belebt: das, Verzeihung, Ich-ficke-euch-alle-Gefühl - wer auch immer damit gemeint ist.

Widerlich und frauenfeindlich?

Rapper, männliche, wie weibliche, haben dabei ganz unterschiedliche Gegner: andere Rapper (meistens), Ex-Freunde und -Freundinnen, Lehrer, Leute mit mehr Geld, das Jugendamt, das Sozialamt, die öffentlichen Verkehrsmittel, Vorgesetzte, die Stadt, die Welt. Alle, die sie, die rappenden Einzelmenschen, niedergedrückt und gedemütigt haben, werden gefickt. So sagt man das. Interessant, denn Sex macht man ja eigentlich mit Menschen, die man mag. In diesem Zusammenhang ist aber nicht Sex gemeint, sondern die Unterwerfung durch Penetration. Das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge.

Von dieser Metaphorik leiten sich bekanntlich ganz viele andere Wörter ab, die im Rap verwendet werden: die bitches zum Beispiel, von denen man gerne annimmt, sie seien schwach und unterworfen, die hoes, die motherfucker. Das ist, so könnte man zunächst meinen, unglaublich widerlich und irre frauenfeindlich (schwulenfeindlich auch, aber das passt jetzt hier nicht mehr hin).

Vom Morden und Bellen

Angel Haze verwendet diese Wörter auch, immer wieder, aber sie gibt ihnen einen neuen Sinn. Sie nimmt sich das Sprachset und verwendet es als Waffe gegen ihren Gegner, der, so legen ihre Texte nahe, alle sind, die sie nicht nach oben lassen wollen, und sowieso: die ganze Schlechtigkeit der Welt, und die bedeutet bei Angel Haze auch und besonders: die Demütigungen, welche ihr von Männern zugefügt wurden. In einem Track rapt sie über den Beat von Eminems „Cleanin’ out my closet“:

“One night he came home and I was asleep in my bed
He climbed on top of me and forced himself between my legs
He told me
,Hey ray, I see you like them popsicle sticks
So put your mouth on my dick and suck and swallow the spit’“.

Weiter beschreibt sie, wie sie den Mann, welcher sie vergewaltigte, hätte quälen wollen. Sie rächt sich, Track für Track, und dann wird sie wieder weich und wünscht sich eine andere, bessere Welt.

Beides, das Weiche, Sehnsuchtsvolle genauso wie das splatterhafte Morden, Bellen und Quälen, sind Wesenszüge oder Handlungsweisen, die typischerweise Frauen beziehungsweise Männern zugeordnet werden. Und vielleicht ist die vollkommen absichtslose Vermischung beider Zuschreibungen ein Grund für das neue Gefühl, welches man bekommt, wenn man Angel Haze zuhört. Dass beides geht, nebeneinander, trotz, nein wegen des Widerspruchs.

Andere Rapperinnen wie MC Lyte, Foxy Brown oder Lil’ Kim waren absichtlich hart und kaum glaubwürdig weich. Eben weil man damals als Frau erst mal ganz hart tun musste, um zu zeigen, dass das geht, weil man sich erst mal benehmen musste, wie von Männern gesagt wird, dass sie sich benehmen. Bei Angel Haze wirkt es mehr, als sei ihr dieser Widerspruch einfach eingepflanzt worden, sozusagen auf ein weiches, kluges Herz draufgepflanzt, gewachsen und peng. Und deswegen glaubt man ihr, was sie sagt, und das ist dann, was man in der Rap-Sprache, äh ja, „real“ nennt.

In einigen Texten über sie wird ihre Bisexualität betont, weil es gerade allgemein modern wird, dass auch Rapper homosexuell sein dürfen, und sie dazu so gut passt, wenngleich lesbische Liebe im Rap eigentlich immer eher als erotisch und nicht so sehr als verachtenswert galt. Sie selbst scheint das als Gegenstand zum Darüber-Nachdenken nicht so sehr zu interessieren. Es ist halt so, und das ist überhaupt das Tolle an ihr, das: Es-ist-so, und das alles, diese ganzen Dinge über Angel Haze, würde man dann jetzt gleich sofort seiner Freundin und noch anderen erzählen.

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Jahrgang 1985. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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