09.11.2008 · Er ist eher smart als hart, und er hat den Rap erfunden, der swingt. Jetzt kehrt Q-Tip mit seinem Album „The Renaissance“ zurück - pünktlich zum Wahlsieg Barack Obamas. Und schafft es dabei, sogar Norah Jones cool werden zu lassen.
Von Christina HoffmannEigentlich müsste ein kollektiv geseufztes „finally!“ von Westen über den Ozean hierherziehen, so viel Grund zur Erleichterung haben die Amerikaner zurzeit. Endlich ist Barack Obama gewählt, Norah Jones cool und einer der leuchtendsten Pioniere des klugen Hip-Hops zurück. All diese Faktoren kreuzen sich im selbstbewussten Revival des längst vermissten, keinesfalls aber vergessenen Rappers Q-Tip, der selbst seinen neuen Präsidenten sprechen lässt: Ein paar Redefetzen von Barack Obama tauchen auf der neuen Platte auf. Sie ist am Wahltag erschienen und trägt den prophetischen Titel „The Renaissance“.
Weniger salbungsvoll klingt der Künstlername des mittlerweile 38-jährigen Musikers: Er heißt wie die berühmten Wattestäbchen. Schon Anfang der neunziger Jahre legte Q-Tip mit seiner Band A Tribe Called Quest einige der besten und innovativsten Platten des Hip-Hops vor, „The Low End Theory“ etwa oder zuvor „People’s Instinctive Travel and the Paths of Rhythm“.
Reizvoller Gegensatz zum Gangsta-Rap
Diese stilprägenden Alben erweitern Hip-Hop-Beats um Versatzstücke aus dem Jazz und Soul und führen so aufs Geschmeidigste das Sampling in die Musik ein. Die Geschichte der Black Music schwang im experimentierfreudigen Sound wie in den klugen und witzigen Texten mit. Native Tongues nannte sich diese Strömung im Hip-Hop, der zum Beispiel auch De La Soul angehörte. Die vertrackt-abstrakten Beats unter der ausgeklügelten Sprache bilden den reizvollsten Gegensatz zum Gangsta-Rap, dem verkaufsträchtigen Testosteronhengst des Hip-Hops. Zu den harten Jungs gehört Q-Tip vielleicht nicht, definitiv aber zu den smarten, die den in jeder Hinsicht swingenden Rap erfanden.
Vor zehn Jahren trennten sich A Tribe Called Quest. Und Q-Tip eröffnete 1999 mit „Amplified“ souverän seine Solokarriere; in den vergangenen neun Jahren jedoch veröffentlichte er dann kein eigenes Album mehr – eine Ewigkeit für den durchschnittlichen Veröffentlichungsturnus im Musikgeschäft. In der Zwischenzeit konvertierte Q-Tip zum Islam, und so heißt er jetzt Kamaal Ibn John Fareed statt Jonathan Davis. 2002 sollte die Platte „Kamaal The Abstract“ erscheinen, wurde jedoch ohne offizielle Begründung nie veröffentlicht.
Entsprechend hoch waren jetzt die Erwartungen, als Q-Tip sein neues Album für den 4. November ankündigte. Schon in den Anfangstakten des ersten Songs „Johnny Is Dead“ stellt er musikalisch klar, wo die Reise hinführt: Zurück in die späten Achtziger, zu den Wurzeln des Hip-Hops, an dessen Erbe sich seine direkten musikalischen Nachfahren wie Kanye West, Outkast oder The Roots bereichern. Zum geradlinigen Bass und zu diskreten Beats quellen ohne Eile die Silben aus Q-Tips Mund, ein schief gespieltes Klavier klimpert immer wieder mit, spielt knapp hinter den trockenen Beats, zielsicher angeschrägt an den Tönen vorbei.
Rückkehr zu sich selbst
„The Renaissance“ schenkt uns keinen neu erfundenen Q-Tip mit einem radikal anderen Sound; vielmehr bringt das Album das Wunderkind des experimentellen Hip-Hops zurück. Was sonst eine schlechte Nachricht, das ist hier die gute: Q-Tip hört sich an wie früher, zu den Hochzeiten von A Tribe Called Quest. Soulsamples lassen das Herz aufgehen, zeitloser Jazz steht neben simplem Hip-Hop-Beat, das Album hat Swing und so viel Funk, dass Prince neidisch werden könnte. Q-Tip arbeitet mit prominenten Kollegen wie Mark Ronson, der auch die Skandalröhre Amy Winehouse produziert, und veröffentlicht mit „Move“ ein Stück, das der 2006 verstorbene J Dilla produzierte; er lädt etablierte Gastmusiker wie Raphael Saadiq, D’Angelo oder Norah Jones ein. Bei allem Hang zum Eklektizismus bleibt „The Renaissance“ aber ein Album aus einem Guss, das immer dicht, nie jedoch schwer klingt.
Ganz auf der Höhe der Zeit ist Q-Tip in seinen Texten, zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Raphael Saadiq bei „Fight/Love“. In dem Lied rappt der große Geschichtenerzähler des amerikanischen Hip-Hops über ein junges Paar. Sie kämpft zu Hause um ihre Beziehung, er kämpft im Irak: „You get to travel the world / It’s cheaper than college / And you get guns / And you get knowledge / Looking for your soul / And WMD’s / You can’t find nothing / Cause it’s empty“.
Die Befreiung von Norah Jones
Q-Tips Sozialkritik ist tanzbar, weil er eben nicht in den Sozialpädagogen-Slang verfällt. Trotzdem mangelt es „The Renaissance“ nicht an Sendungsbewusstsein. Manchmal übertreibt es der Rapper auch damit und verfällt in plumpe Anbiederei: „The people at the label say they want something to repeat / But all my people really want something for the streets“, rappt er in „Dance on Glass“.
Dann doch lieber gerade heraus wie „Life Is Better“. In der gemeinsamen Liebeserklärung an den Hip-Hop mit Norah Jones zollt Q-Tip all seinen liebsten Rappern Tribut: Biz Markie, LL Cool J, Leaders of the New School, Snoop Dogg, Eazy-E, Bone Thugs-N-Harmony, Brand Nubian und Pimp C – jenen Künstlern, die das Leben von Q-Tip schöner machen. Nebenbei sollte dieses Stück Norah Jones endgültig aus der Rolle der gefälligen Folktante befreien, der sie mit interessanten Zusammenarbeiten zu entfliehen sucht.
Aufbruch in Amerika
„The Renaissance“ knüpft elegant genau dort an, wo Q-Tip vor neun Jahren stand: auf der selbstgemauerten Schwelle zu einem neuen, einem vielfach funkelnden, intelligenten Hip-Hop. Die Platte überrascht vielleicht nicht so sehr wie damals die musikalischen Offenbarungen von A Tribe Called Quest; schließlich zaubert Q-Tip immer noch mit den bewährten Tricks, Effekten und Spielereien. Dennoch ragt das Album aus den Hip-Hop-Veröffentlichungen dieses Jahres heraus.
Stilvoll, wortgewandt und heiß ersehnt, verkörpert es die amerikanische Aufbruchsstimmung nach dem 4. November 2008. „The Renaissance“ liefert den Soundtrack zum neuen Präsidenten. George W. Bush dagegen war nie Pop. Nicht einmal die Country-Musik stand ihm wohlgesonnen gegenüber. Die Vorstellung, Schnipsel seiner Reden könnten in Hip-Hop-Texten auftauchen, ohne ihn zu diffamieren: völlig absurd. Ein Barack Obama hingegen ist selbst dem Hip-Hop gewachsen. Und der ist ja nicht gerade dafür bekannt, seine Themen mit Samthandschuhen anzufassen.
Dass Q-Tips neues Album am Wahltag erscheint, dass er selbst den neuen Präsidenten sampelt, das bietet dem Rapper auch ausreichend Anlass, in Interviews vollmundig eine neue American Renaissance heraufzubeschwören – mit einem einnehmenden Überschwang, wie ihn hauptberufliche Mythenproduzenten, also Politiker, Rapper oder Journalisten, an den Tag legen.
Dass Titel und Termin seiner jüngsten Veröffentlichung schon lange vor den tektonischen Verschiebungen, die der 4. November 2008 mit sich gebracht hat, feststanden, legt der Musiker als schicksalhafte Fügung aus. Was auch immer es war – das schwarze Hip-Hop-Märchen funktioniert einfach gut.
Travels
Hans Oomen (MDNL)
- 09.11.2008, 14:08 Uhr
Super
Cornelis Clement (Cornelisbln)
- 09.11.2008, 21:22 Uhr