Der Rapper 50 Cent war früher mal ein Gangster, so wie die Politikerin Claudia Roth früher Dramaturgin am Kindertheater war, Wolfgang Clement Journalist, Otto Schily Anwalt.
Das hat in allen vier Fällen nicht viel mit dem zu tun, womit die Leute jetzt ihr Geld verdienen - der Unterschied ist, daß Otto Schily ungern an frühere Tätigkeiten erinnert wird, während 50 Cent richtig gerne darauf angesprochen wird. Viele seiner jungen Bewunderer glauben ja, daß er noch heute mit der Pistole im New Yorker Stadtteil Queens muffig an der Ecke steht, als der Typ, vor dem uns unsere „Lonely Planet“-Bücher immer gewarnt haben.
Nicht aufregen, 50 Cent hätte im Moment gar keine Zeit, um den Kindern Crack zu verkaufen. Der Mann ist nämlich kochend heiß, showbusineßtechnisch gesehen, seit er auf dem zweiten Bildungsweg zum Rapper wurde und den Rat befolgte, der 2003 als Titel auf seiner ersten Platte stand: „Get Rich Or Die Tryin'“ - werde reich oder stirb bei dem Versuch.
Sturm auf das MTV-Studio
Man kann das als typisches Bush-Motto sehen, als Relikt aus der Reagan-Ära oder gleich als besonders sinistre Formulierung der ausgeleierten Metapher vom amerikanischen Traum. 50 Cent, bürgerlich Curtis Jackson, 28, hat von dem Album jedenfalls elf Millionen Stück verkauft. Die zweite Platte, „The Massacre“, eben erst erschienen, hat vor wenigen Tagen die Nummer eins der deutschen Charts erreicht, und als er letzten Dienstag live beim Fernsehsender MTV in Berlin war, wurde das Studio von mehreren hundert Nachmittagsschulschwänzern gewaltsam gestürmt.
Was er denn in seiner Freizeit so mache, fragt ein Mädchen ins Mikrophon, als bei MTV Publikumsfragestunde ist. Der gewaltige 50 Cent (vier Leibwächter), der neben seiner Mitsängerin Olivia (ein Leibwächter) auf dem Pop-Sofa knautscht und die ganze Zeit die Vorderzähne bleckt: „Hmm, ich sehe gern fern.“
Schöne Bilder
Das Schönste an den CDs von 50 Cent sind die Bilder. Man versteht ja meistens nicht viel von den Texten, außer daß da irgendwas mit Pistolen passiert und jemand bitte schön mit dem Hintern wackeln soll. Dafür kriegt man eine Art Foto-Comic: Fifty am Küchentisch, wie er das viele Geld zählt, neben sich ein lustiger Haufen Heroin, hinten die Konkubine, die etwas aus dem Kühlschrank holt, im Zweifelsfall wahrscheinlich Bier. Da hört man förmlich die Sitcom-Lacher vom Band.
Oder: Fifty als Flaschengeist, der aus der Crack-Pfeife dampft. Fifty, stark vergrößert, wie er mit glänzenden Muskeln einem Bergsee entsteigt. Zeichen einer überraschend beflügelten Künstlerphantasie. Das einzige naturalistische Bild zeigt 50 Cent mit Eminem, dem derzeit einzigen Rap-Gott neben ihm. Eminem hat ihm als großer Förderer vor zwei Jahren den ersten Plattenvertrag verschafft.
Videospiele mit Eminem
Andere Frage aus dem MTV-Studiopublikum: Was er und Eminem beim gemeinsamen Abhängen so machen. 50 Cent, zähnebleckend: „Wir spielen Videospiele. Neulich haben wir mein erstes eigenes Spiel getestet, es kommt im Herbst auf den Markt und heißt ,Bulletproof'.“
Hey, unsympathisch zu sein ist schließlich sein Metier! 50 Cent hat so wenig Liebenswürdiges an sich, daß er ein wunderbares Ziel abgibt für alle, die nie verstehen werden, warum eine so speziell kodierte Musik wie Hip-Hop ein solcher Welterfolg ist. Gewaltlust, Waffenfetischismus, ein vorsintflutliches Frauenbild. Obwohl sein neuer Hit „Candy Shop“, in dem es um das Lutschen besonders sperriger Süßigkeiten geht, nicht viel schlimmer ist als angetrunkener Bar-Small-talk.
Neun echte Kugeln
Penible Experten bestätigen außerdem, daß 50 Cent eigentlich gar nicht richtig rappen kann - der Singsang mit der hängenden Unterlippe kommt von einem Vorfall im April 2000, als Fifty von einem Rivalen neun Kugeln verpaßt bekam. Eine ging in den Kiefer, und allein der Anblick dieser durchlöcherten, verheilten Kinnlade in jedem Video stärkt seinen Ruf bei den Fans als Supermann. Neun echte Kugeln hat sonst keiner überlebt. Es ist ja bekannt, daß Hip-Hop-Künstler die weißen Vorstellungen von schwarzem Getto-Leben gern erfüllen, weil der größte Teil ihrer Plattenkäufer aus der weißen Vorstadtmittelklasse kommt.
Der MTV-Anlasser-Test. Fifty muß Motorengeräusche den richtigen Autos zuordnen, erkennt alle. Sängerin Olivia kann das nicht: „Ich kenne mich gut mit Kleidung aus, er mit Autos.“ - „So muß das auch sein!“ jubelt die Moderatorin Anastasia. Einen annähernd so sexistischen Satz sagt übrigens keiner der amerikanischen Gäste.
Und, lebst du noch?
Wenn man ein Interview mit 50 Cent macht, fragen hinterher viele: „Und, lebst du noch?“ So ein großer, böser Mann, vor dem keiner ernsthaft Angst hat, aber alle tun so. Und 50 Cent plaudert besonders nett, weil er weiß, daß auf der nächsten Platte jedes Schnauben und Bizeps-Fletschen im Vergleich um so schauriger sein wird. Als Kind, erzählt 50 Cent, habe er immer einen kleinen Plastiksoldaten in der Hosentasche mitgenommen - dem sagte er: „Stell dich nicht so an!“, wenn er auf dem Schulweg an furchteinflößenden Hunden vorbeimußte. Als er mit zwölf in den Drogenhandel einstieg, kam gerade die Gruppe Niggaz With Attitude heraus, die ersten Gangster-Rapper, die weltweit Aufsehen erregten und die drei Jahre vor den großen Rassenunruhen in Los Angeles Texte über Polizeirepressalien machten. Gruppenmitglied Ice Cube sagte damals: „Wir sind wie Reporter.“
Sind Gangster das noch heute? „Nur zum Teil“, sagt 50 Cent. „Für die Leute, die sich nicht in dem Milieu bewegen, über das ich erzähle, sind die Geschichten vielleicht neu. Wer dort wohnt, kennt das und fühlt sich wohl dabei, man ist ja dort zu Hause. Journalisten müssen objektiv sein, weil sie Verantwortung tragen, aber ein Rapper fällt natürlich künstlerische Entscheidungen. Ich kenne Leute, die aus meiner Gegend kommen, aber viel softere Musik machen. Man muß ja auch die Ohren offenhalten. Im Rap ändert sich alles so schnell, weil Rap so nah an den Kids dran ist, und die haben nun mal eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne.“
Lebensecht bei den „Simpsons“
Weil auch die Fans mit dem kürzesten Kurzzeitgedächtnis etwas Schönes kriegen sollen, hat 50 Cent gerade seine Rolle in einer „Simpsons“-Folge synchrongesprochen, und man kann vermuten, daß die Zeichentrickinkarnation vielleicht lebensechter wirkt als die Plattenhüllenikonographie, die Airbrush-Muskeln an 50 Cents nacktem Superheldenkörper.
Es war zwar nur ein Gag, aber im Video zu seinem ersten Hit „In Da Club“ wurde er tatsächlich wie eine Actionfigur zusammengebastelt, in Weißkitteln beaufsichtigt von seinen Schöpfern Eminem und Dr. Dre, dem Produzentenstar, der 1989 schon bei Niggaz With Attitude dabei war und das Gangsterstereotyp miterfunden hat. In Schnappschußästhetik, auf schlecht ausgeleuchteten Fotos. Von Anfang an ging es um Glaubwürdigkeit oder zumindest darum, sich beim Aufschneiden nicht erwischen zu lassen.
Keiner hat stärkere Bilder
50 Cent ist schlau. Selbst wenn ihm die ironische Distanz, die man aus seinem Umgang mit den alten Traditionen herauslesen kann, selbst nicht bewußt ist, hat doch kein anderer Schurke stärkere Bilder, kein anderer Rap lullt so angenehm ein. Und 50 Cent kennt seine jungen Fans gut genug, um zu wissen, daß sie ihm nur die Übertreibung abnehmen. Daß die künstlerische Entscheidung, sich in ein Riesenspielzeug zu verwandeln, die einzige Möglichkeit ist, um heute als echter Gangster durchzugehen. Als virtueller Super-Pimp, denn in Wirklichkeit ist er ja gar keiner mehr.
In einer seiner lustigsten Textzeilen rappt er, daß er es langsam leid sei, den Leuten immer und immer wieder sagen zu müssen, daß er sie gewaltig in den Arsch treten werde. Ach, soll er doch einfach nur die plastikweißen Zähne blecken. Dann werden die Leute verstehen.