06.07.2010 · Die Waldbühne glüht und sein bloßes Erscheinen sorgt schon für Entgrenzung unter den Zuschauern. Prince, Star der achtziger Jahre, macht in Berlin infernalischen Krach der Extraklasse und bewahrt dabei noch kühlen Kopf.
Von Rose-Maria GroppEs ist schierer Rock ’n’ Roll, womit er anfängt. Prince braucht aber gar nicht mehr einzuheizen, die Waldbühne glüht schon. Erstens hat vorher seine wunderbare kahle schwarze Sängerin im Amphitheater schon auf Vorschuss Begeisterung eingefordert, und zweitens sorgt sein bloßes Erscheinen, selbst in noch völliger Helligkeit, für sofortige Entgrenzung.
Geschätzte fünfzehntausend suchten und fanden vorgestern Abend ihre Jugend; das gefühlte Durchschnittsalter betrug dreiundvierzig: Es sind diejenigen, die 1984 Teenager waren, als Prince sein Album „Purple Rain“ veröffentlichte.
Was also gab er ihnen jetzt zuerst? Eine Mixtur aus „Delirious“ und „Let’s go Crazy“. Wenn Prince auch nur tänzelt, evoziert er die achtziger Jahre. Er selbst fällt jedoch keinen Augenblick dorthin zurück. Wie zum Beweis dafür funktioniert das riesige Oval oberhalb der Bühne, das ständig in Großaufnahme auch die hintersten Ränge ins Geschehen mit einbezieht. Während die Arena zu einem einzigen, in Dauerschwingung versetzten Körper verschmilzt, behält der Mann vorne die Kontrolle. Volksnähe war noch nie die Sache dieses unberechenbaren Künstlers, auch wenn er nun Leute aus dem Publikum auf die Bühne ließ, Vortänzer für ihresgleichen im weiten Rund; sie werden dann aber auch wieder von den Ordnern sorgfältig abgeräumt.
„Louder!“, ruft er den Technikern zu
Prince demonstriert an diesem Abend, dass er eine Klasse für sich ist; er singt und er spielt seine Instrumente zum Niederknien und mit atemraubender Verve. Er steht schlicht auf dem Gipfel seiner Fähigkeiten. Als er in den Achtzigern auftauchte, stieß er mit seinem idiosynkratischen Stil in ein Vakuum: Die damals Jungen hatten eben noch nie etwas so Wildes erlebt wie diesen anarchischen kleinen Mann mit seinen unerhörten Auftritten. Dass er dabei kühl kalkulierend auch jede Menge Mainstream produzierte, machte nichts – und macht heute weniger denn je, wenn Prince Hits wie „Little Red Corvette“ oder „Kiss“ vorträgt.
Machte er dabei früher seine unbotmäßige Exaltiertheit zum Programm, so vertraut er jetzt auf seine musikalische Potenz und auf die seiner Band und seiner Background-Sängerinnen. Bei sich hat er auch die Schlagzeugerin Sheila E., die schon zu seiner Erfolgscombo The Revolution gehört hatte. Mit ihr zusammen macht er kleine clowneske Einlagen, lieferte sich ein paar furiose Duos.
Wenn Prince „Crimson and Clover“ spielt, dieses gut vierzig Jahre alte, tolle Lied von Tommy James and the Shondells, ist das auch ein programmatisches Bekenntnis. Er kann so damit umgehen, dass aus seiner Gitarre der Geist von Jimi Hendrix aufsteigt – und er dennoch unverwechselbar bleibt in seinem Spiel, das er hinübergleiten lässt in „Peach“, seinen eigenen frühen Song. „Louder!“, ruft er den Technikern zu und macht infernalischen Lärm der Extraklasse mit seiner Gitarre. Was bleibt? Sollte jemals jemand der Ansicht gewesen sein, das Ende der Gitarrensoli sei längst gekommen, dann muss er nur hören, wie Prince jetzt spielt. Der ist aber auch souverän genug, seinem Publikum den süffigen Disco-Funk zu servieren, auf den es abonniert ist.
Wem hier das Herz nicht schmilzt, der hat keines
Einiges hat sich Prince wohl abgeschminkt, auch seine Obsession mit der Farbe Lila fehlte in Berlin. Er trat in einem weißen Kaftan-Anzug an, bedruckt mit einem stilisierten Abbild seiner selbst – dieser Mann wird stets so gewesen sein, wie er sein will, geformt nach seinem eigenen Bilde. Die Maskerade des hyperaktiven Sexkobolds hat er völlig abgestreift; sein Gesicht, man muss es so sagen, hat Züge der Vergeistigung angenommen und das bestimmt nicht nur, weil er angeblich seit Jahren den Zeugen Jehovas angehört. Es ist auch diese hohe Konzentration des genialischen Musikers. Ohne Pathos heißt das: Der Mann ist in Würde gealtert.
Nach zwei Stunden und einem zuckersüßen souligen Vorspann kamen jene langen seligen Minuten des auch nach einem Vierteljahrhundert noch tropenheißen „Purple Rain“. Wem bei dieser dunklen Romanze das Herz nicht schmilzt, der hat keines; so einfach ist das. Zur Abkühlung haut Prince danach seinen minutenlang quietschenden und pfeifenden Anhängern noch einmal die Disco um die Ohren; danach gehen sie unwillig, aber doch leichter heim. Am Ende stand er da, wie er sich selbst zum Symbol geschmiedet hat in fast dreißig Jahren: als graziler Fetisch, der seine Gitarre mit hochgerecktem Arm über seinem Kopf hält. Es tut gut, nie zu seiner Gemeinde gehört zu haben. Denn nur so gelingt die Erfahrung, dass Prince ein wunderbarer Künstler ist. Dieser Mann in seinem dreiundfünfzigsten Jahr ist noch lange nicht fertig.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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