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Porträt PeterLicht Mehr davon, alter Schlawiner

Er läßt sich in Musikvideos von Bürostühlen doubeln und tritt bei Konzerten hinter einem Bettlaken auf. Vom Poprummel will er nichts wissen und zieht ihn mit seinem brillanten dritten Album dennoch auf sich: PeterLicht.

© Motor Music Vergrößern Schattensänger: PeterLicht

Eine Prise Narzißmus kann einem Popstar nicht schaden. Verschwitzt auf der Bühne stehen, sich vor Tausenden enthäuten, Parolen ausgeben, die mitgeträllert werden, und nur noch sonnenbebrillt flanieren - der Hang zur Selbstinszenierung ist in diesem Geschäft von Vorteil. Und so sind es nicht selten die lauthals „Ich“ schreienden Egozentriker, von denen eine Band lebt.

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Und nun kommt einer und will von dem ganzen Rummel partout nichts wissen. Schreibt unter lustigem Namen zuckersüße Melodien, manchmal kluge, manchmal anrührende, immer launige deutsche Texte mit Mitsingqualitäten. Läßt sich in Musikvideos von Bürostühlen doubeln und tritt bei Konzerten hinter einem Bettlaken auf. Macht sich da jemand mit dem demonstrativen Rückzug ins Private interessant? Dabei war die Warnlampe von Anfang an eingeschaltet: Peterlicht, so nennen die Hamburger ihr Blaulicht.

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Publikumsscheu bis zur Kinnspitze

Neulich bei Harald Schmidt war der große Unbekannte des deutschen Pop als Musikgast angekündigt - es kursieren nur ein paar verhuschte Aufnahmen im Internet, auf denen PeterLicht, der sich schickerweise zusammenschreibt, schemenhaft und verblaßt zu erkennen ist. Auch bei Schmidt wußte man nicht, ob man den ewig schüchternen Kölner überhaupt zu Gesicht bekommen würde, der jüngst sein brillantes drittes Album „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ veröffentlicht und damit seine Sonderstellung im Diskurs-Pop-Kosmos behauptet hat.

Dann trat er auf, mit seinem Grabgesang auf den Kapitalismus, „den alten Schlawiner“, und die Studiokamera respektierte brav seinen Wunsch nach Anonymität: Genau bis zur Unterkante des Kinns sah man einen schlaksigen, dunkelgekleideten Allerweltskörper, der Wandergitarre spielt und offenbar singt. Auch in der Totalen ließ die Kamera ihn im Halbdunkel stehen. Ein hübscher Kontrast zum Studioassistenten, der als „scharfer Sven“ zuvor splitternackt seine Runden auf einem Fahrrad gedreht hat.

Meide die Popkultur

Lichts Verweigerung des biographischen Exhibitionismus ist keine Marketing-Masche. Er finde es grausam, über einen Künstler zuviel zu wissen, hat er kürzlich bekundet. Von Beginn an hat er sich als Person in den Schatten seiner nur vordergründig seichten Lieder gestellt. Angefangen hatte der kleine Triumph mit „Sonnendeck“, einem schnörkellosen Nonsense-gute-Laune-Song des ersten Albums „14 Lieder“ von 2001.

Doch schon damals warnte er politisierend „Meide die Popkultur“ und verabschiedete die der Deutungshoheit verlustig gegangenen „lieben 68er“ in den Vorruhestand. PeterLicht vermag es, über „Bisnispipeul“ und den federleichten „Safarinachmittag“ (auf seinem zweiten Album „Stratosphärenlieder“) zu singen, ohne daß man wegen der Mixtur die Stirn runzelt. Das aktuelle Album erfüllt die hohen Erwartungen: Klangtüfteleien mit poetischen, längst nicht so verkopften Texten wie bei den üblichen Verdächtigen „Tococtronic“, „Blumfeld“ oder den „Sternen“. Die Kunstfigur schrieb ihr erstes Buch „Wir werden siegen!“ und debütiert mit einem gleichnamigen Theaterstück an den Münchner Kammerspielen. Mehr davon, alter Schlawiner.

Quelle: F.A.Z., 02.06.2006, Nr. 127 / Seite 42

 
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