Home
http://www.faz.net/-gsd-x0oa
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Portishead ist zurück Technik als Fortschritt

03.04.2008 ·  Lange nichts gehört vom Trip-Hop: Die Band Portishead erweckt in München ein fast schon totes Genre zu blühendstem, klingendem Leben - und es ist immer noch faszinierend, was Beth Gibbons mit ihrer betörenden Stimme bewirken kann.

Von Alexander Müller
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)

Es gibt etliche Konzerte, bei denen zu hoffen ist, dass die aufspielende Band sich möglichst rasch von der Präsentation des neuen Materials verabschiedet und zu den alten Hits zurückkehrt. Geht etwa jemand zu einem Auftritt der Rolling Stones, um den Wischiwaschi-Rock der aktuellen Alben zu hören? An diesem Abend in der ausverkauften Münchner Tonhalle ist das anders. Sicher sehnt die Menge sinistre, erhabene Klassiker wie „Sour Times“ oder „Glory Box“ herbei, doch ist sie vor allem gespannt auf die Stücke von „Third“, dem dritten Studioalbum von Portishead, das noch gar nicht in den Läden steht und auf das die Fans länger als zehn Jahre warten mussten.

Nur eine herzergreifende, intime Zusammenarbeit von Sängerin Beth Gibbons mit Rustin Man namens „Out Of Season“ und eine vernachlässigenswerte Hommage an Serge Gainsbourg drangen als künstlerische Lebenszeichen in der musikalischen Dürreperiode an die Öffentlichkeit. Jetzt allerdings kann man über die Homepage des Trios aus Bristol, wie es sich seit Radioheads Marketingcoup für die Platte „In Rainbows“ gehört, die kommende Platte bestellen, als kostspieliges Boxset, mit exklusivem Artwork, inklusive Doppel-Vinyls und eines USB-Sticks im „P“-Design, der neben dem Album im digitalen Format zusätzlich fünf Videos enthält.

Vorab zirkulierendes Video

Es ist natürlich riskant, eine Live-Performance, zugleich Auftakt der Deutschland-Tour, zu besuchen, deren Programm einem nahezu unbekannt ist. Doch immerhin war jedem vor der Veröffentlichung klar, dass sich die neben Massive Attack und Tricky einzig nennenswerten Vertreter einer im Grunde kaum mehr existierenden Musikrichtung namens Trip-Hop, die zuletzt auf Burials Album „Untrue“ immerhin eine heilsame Frischzellenkur erhielt, nicht allzu weit von ihren Ursprüngen entfernen würden - trotzdem weit genug, um ohne Zweifel einige Liebhaber knisternder Downtempo-Electronica vor den Kopf zu stoßen.

Ein vorab im Internet zirkulierendes Video zur ersten Single-Auskoppelung „Machine Gun“ ließ außerdem wenig Gutes erahnen. Denn darin rattert erwartungsgemäß das elektronisch verfremdete Schlagwerk lautmalerisch wie ein Maschinengewehr, und nur Beth Gibbons' süß klagende Stimme fügt dem progressiven Gewummer eine nachvollziehbare Melodie hinzu. Textlich bleibt es währenddessen bei desillusionierenden Erkenntnissen.

Deutlich aggressiver

Tendenziell bewegen sich die gegenwärtigen Kompositionen von Geoff Barrow und Gitarrist Adrian Utley, der zwischenzeitlich an einigen Film-Soundtracks mitwirkte, weg von den zeitlupenhaften Hip-Hop-Beats der frühen Jahre, hin zu kühlen, schroffen und kalkulierten Industrial-Eskapaden. Von Utley war zu lesen, die Band habe sich von Altvorderen wie Can inspirieren lassen oder gar von der amerikanischen Gruppe Sunn O))), die einen tief brummenden sogenannten Drone Doom fabriziert. Diese Einflüsse, zu denen auch die britischen Avantgardisten von Throbbing Gristle gezählt werden müssten, hallen in den neuen Arrangements wie „Threads“, „Magic Doors“ oder „Nylon Smile“ wider. Sie sind deutlich aggressiver, mit langen repetitiven Instrumentalpassagen, verzerrten Gitarren und ausgefuchsten perkussiven Elementen.

Im Laufe des Konzerts bremsen die bekannten Stücke der Erfolgsalben „Dummy“ und „Portishead“ diese unerwartete, dramatische Dynamik beinahe; allein Beth Gibbons' betörende Stimme hält alles beisammen, und es ist immer noch faszinierend, was sie damit bewirken kann. Tritt sie ans Mikrofon, hinter ihr drei Projektionen von Videos und Live-Einspielungen, richten sich gebannt Augen und Ohren auf sie; ihr Gesang geht direkt unter die Haut und dort sanft durch Mark und Bein, voller Zärtlichkeit und Verzweiflung. Sie wirkt augenscheinlich glücklich, endlich wieder auf der Bühne zu stehen, konzentriert und gelassen; wenn sie nicht eine ihrer tieftraurigen Litaneien anstimmt, sondern die Instrumentalisten das Szepter in die Hand nehmen, wendet sie sich vom Publikum ab, als wollte sie die Aufmerksamkeit von sich ganz auf das nächste innovative Klanggewitter lenken.

Kurz vor der Zugabe folgt mit „Cowboys“ einer der besten Songs des Vorgängerwerks, der sich mühelos an die härtere Gangart der Band anpasst. Als letzte Kostprobe von „Third“ mündet „We Carry On“, das im vergangenen Jahr noch unter dem Namen „Peaches“ firmierte, mit einem hypnotischen Rhythmus und garstigen Gitarrenriffs schließlich in ein elektrisierendes Finale: „The taste of life I can't describe / It's choking on my mind.“ So hört sich also der Fortschritt an. Portishead werden auch in diesem Jahrzehnt den hohen Erwartungen gerecht, ohne ihnen schlicht zu entsprechen.

Weiteres Konzert: 6. April Köln (Palladium)

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eislauffieber

Von Dirk Schümer

Die Niederländer wünschen sich weiterhin eisigen Frost. Nur dann kann der „Elfstedentocht“ stattfinden: eine mythische Zweihundert-Kilometer-Tour über zugefrorene Seen und Kanäle. Mehr 2