23.05.2005 · Sie heißen Kaiser Chiefs, Maximo Park oder Bloc Party und machen England wieder zur wichtigsten Popnation der Welt. In den letzten zwölf Monaten haben so viele aufregende Bands ihre ersten Platten veröffentlicht wie lange nicht.
Von Joachim HentschelNa gut, Zigaretten sind teuer, das Bier schmeckt komisch, und im Irak waren sie ganz vorne mit dabei. Trotzdem ist kein Land der Erde so sehr Pop wie Großbritannien. Am Kiosk begrüßen einen die lustig bunten Schokoriegel gleich reihenweise, nicht eine, sondern fünf verschiedene Boulevardzeitungen untersten Niveaus brüllen einem ihre Schlagzeilen in großen Buchstaben entgegen, selbst seriösere Romanbücher sehen hier aus wie billige Friseurliteratur. Und sogar die Popmusik ist in diesem Land entschieden poppiger als anderswo. Obwohl auch in Großbritannien die Musikumsätze schrumpfen, wenn auch nur ein Drittel so schnell wie im Rest der Welt.
"The Britpack - warum britische Musik 2005 die Welt erobern wird", stand im Februar auf dem Titel des Musikmagazins "Q", im Hintergrund der Union Jack. Warum genau britische Musik die Welt erobern wird, war dem Artikel nicht zu entnehmen - wahrscheinlich ist auch diese vollmundige Ankündigung mehr dem Selbstbewußtsein und Nationalstolz geschuldet, mit dem die Briten gesegnet sind. Doch sogar der "Guardian" schrieb kurz darauf, dies sei die aufregendste Popzeit in Großbritannien seit zehn Jahren.
Im Kielwasser von Franz Ferdinand
Und es stimmt. In den letzten zwölf Monaten haben so viele aufregende, kurzweilige Bands ihre ersten Platten veröffentlicht wie lange nicht. Die Kaiser Chiefs aus Leeds, die Futureheads aus Sunderland, Maximo Park aus Newcastle, Bloc Party, Razorlight und The Others aus London und so weiter. Daß Bloc Party einen schwarzen Sänger haben, ist schon der Gipfel des Exotentums. Ansonsten nur weiße Jungs und Gitarren. Amphetamintänze, angedeutete Kunstschularroganz, geschleuderte Gesänge, oft im Heimatstadtakzent.
Greift alles auf die frühen achtziger Jahre zurück, auf elegante britische und amerikanische Bands, die Punk ohne Lederjackenrotz und Spaßnihilismus wollten. Und wäre wohl alles nicht möglich gewesen ohne die Pioniere von der Glasgower Gruppe Franz Ferdinand, die 2004 die schläfrige Welt so überraschend von hinten erwischten, daß sie mittlerweile sogar in Deutschland eine goldene Schallplatte bekommen haben und ein schwerwiegendes Argument für Plattenfirmen sind, ähnliche Bands unter Vertrag zu nehmen.
Die zweite große Britpop-Welle
Bands, Bands, Bands, davon gibt es in England freilich immer genug, und bei aller Liebe: Die Klasse von Franz Ferdinand hat sonst niemand in der neuen Popliga. Manche behaupten sogar, die neue englische Musikbewegung sei von der Popwochenzeitung "New Musical Express" herbeigeschrieben, die natürlich eine größere Auflage hat, wenn die Leser Angst haben müssen, das nächste vierköpfige Bandwunder zu verpassen, wenn sie einmal eine Ausgabe nicht lesen.
Allerdings stoßen die jungen Bands beim Publikum auf so viel Liebe, daß man ihren Erfolg allein durch Marketing nicht erklären kann. Sie mobilisieren Massen, sich Konzertkarten zu kaufen und Buttons an ihre Jacketts zu stecken, und sie verkaufen eine Musik, die selbst in England, dem Vaterland aller Gitarrenbands, lange als unzeitgemäß galt. Sie haben so viel glamouröses Potential, daß sogar die Boulevardzeitungen über sie berichten. Und diese zweite große Britpop-Welle hat auch Deutschland und die deutschen Medien schon erreicht.
Sonst funktioniert das im Ausland nie
"Neulich hab' ich meine Mutter besucht, und sie gab mir eine Schachtel Halsbonbons", sagt Ricky Wilson, 27, Sänger der Kaiser Chiefs. "Ich hab' sie gefragt, was das soll, und sie meinte: ,Ich hab' doch im ,Daily Star' gelesen, daß du erkältet bist!'" Wilson hat das Erscheinungsbild eines Mittelklassemannes, der Glück hat, wenn er im Irish Pub einmal die Woche Zahnarztwitze erzählen darf. Jetzt ist er auf dem Weg, berühmt zu werden.
Auch in Deutschland haben die Kaiser Chiefs eine ausverkaufte Deutschlandtour hinter sich, obwohl ihre Platte hier eben erst erschienen ist. Freilich, kleinere Konzertklubs füllt man hierzulande leicht mit Leuten aus der Brit-Community, die sich nach lustig bunten Popkultur-Zuständen sehnen, hübsch imitierte Akzente aus dem Schüleraustausch mitbringen und die englischen CDs im Internet bestellen. Doch jüngere britische Pop-Phänomene hatte man zuletzt daran erkannt, daß sie im Ausland nie so ganz funktionierten, da waren Franz Ferdinand eine Ausnahme. Sogar Robbie Williams wird in den Vereinigten Staaten aus der Ramschkiste verhökert.
Wie leicht man eins aufs Maul bekommt
Man muß sich schon ein wenig für die hermetische Welt interessieren, dafür, was hinter den Kebabläden in Ost-London passiert, um zu verstehen, wovon in den Texten die Rede ist. Wie man dort von Männern im Trainingsanzug vom Taxi weggeboxt und von Frauen, die nach Pommes-frites-Fett stinken, um Geld für Kondome angeschnorrt wird, davon singen die Kaiser Chiefs in ihrem hymnischen Hit "I Predict a Riot". Ein verheißungsvolles Lied über den herannahenden Aufstand unzufriedener Ex-Labour-Wähler - könnte man glauben. Doch in Wahrheit geht es dann doch nur wieder darum, wie leicht man vor dem Pub eins aufs Maul bekommt, weil es in Großbritannien diese vermaledeite frühe Sperrstunde gibt.
Versierte Britpopper denken da zwangsläufig an die frühen achtziger Jahre, als die Bands geschlossen gegen die Thatcher-Reformen standen und ähnliche Lieder sangen, die allerdings tatsächlich agitatorisch gemeint waren. Als die Single "Ghost Town" der Gruppe Specials 1981 auf Platz eins der Charts kam, ein Stück über die Wut der Bürger in ausgestorbenen Städten, krachte es auch im wahren Leben auf den Straßen.
Die nächste gloriose Pop-Phase kam Mitte der Neunziger kurz vor dem politischen Machtwechsel. Der Oppositionsvorsitzende Tony Blair war geschickt genug, die Aura der Stars, die sich im dumpfen Überschwang mit der Union-Jack-Flagge fotografieren ließen, für seine "Cool Britannia"-Kampagne zu nutzen. Die einzige Wiederwahlhilfe, die Blair dieses Jahr aus dem Popkreis bekam, war eine sechsseitige Strecke in der Zeitschrift "Word". Da durfte er über seine Vergangenheit als Musiker reden und bekannte sich zu seiner Liebe zu Siebziger-Rock.
Noch sind sie uneins, wofür sie stehen
Mal wieder ein bißchen Regierungseigentum zu Klump hauen, um irgendeine Wende voranzutreiben - vielleicht ist dieser diffuse Wunsch vieler jungen Briten mit verantwortlich für die neue Musikverdichtung, die so pünktlich zum Niedergang Blairs kommt. Auf irgend etwas, wofür oder wogegen sie stehen, haben sich die neuen Bands allerdings noch nicht geeinigt. Im Moment ist die Bewegung rein musikalisch, einfach Pop, und mehr nicht. Der Londoner Hip-Hop, zur Zeit inhaltlich radikal wie nie zuvor, gilt dagegen als Special interest.
Doch die Sache mit dem Nationalstolz, die macht in England auch vor Popmusik nicht halt. "Bis vor ein paar Jahren sah man auf allen Zeitschriftentiteln nur amerikanische Bands", sagt Ricky Wilson von den Kaiser Chiefs, "Leute aus New York oder Detroit, Garagenmusiker. Das meiste davon war Mist, aber trotzdem galt es als uncool, aus England zu sein. Die Bands, die jetzt groß rauskommen, waren damals übers ganze Land verstreut und sagten sich: Wir müssen ganz besonders gut sein, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Jetzt ist Großbritannien wieder cool."
Hautsache die Popgeschichte geht weiter
Dabei haben die Kaiser Chiefs selbst noch vor drei Jahren - unter dem Namen Parva - opportunistischen New Yorker Garagenrock gespielt. Heute, nach einer Generalüberholung, sind sie auf der CD "Rule Britannia!" dabei, die der aktuellen Ausgabe des "Q"-Magazins beiliegt, dem Heft, das Anfang des Jahres die Welteroberung angekündigt hatte. Ob der Siegeszug gelingen wird? Wohl kaum, obwohl einige der jungen Bands in Amerika ein bißchen Erfolg haben. Aber darum geht es den Bands vielleicht auch gar nicht. Hauptsache, die große englische Poperzählung, das Märchen, das mit den Beatles begann, wird weitergeschrieben
Im "Topshop" in der Oxford-Street, dem größten Bekleidungsgeschäft der Welt, in dem junge Londoner ihre Kleidung kaufen, bekommen sie die neue Haltung gratis dazu: Die britischen Punk-Buttons sind neuerdings beim Kauf schon fest angenietet.