22.09.2009 · Wo früher idiosynkratische Empfehlungen oder kämpferische Verrisse zum guten Ton gehörten, herrscht heute eine Mischung aus Beliebigkeit und Nostalgie: Wie die Popmusikmagazine in der Krise ihre Stärken vergessen.
Von Christina HoffmannDie Beileidsbekundungen hielten sich in Grenzen, als Anfang des Jahres die Zeitschrift eingestellt wurde, die sich einst Deutschlands auflagenstärkstes Musikmagazin nennen durfte: das „WOM-Magazin“. Das Umsonst-Heftchen eines CD-Geschäfts war nie die Speerspitze des Popdiskurses, und so ist es umso trauriger, dass es am Ende doch noch schaffte, was ihm vorher nie gelungen war: Es setzte einen Trend. Das Krisenjahr 2009 hat die Musikmagazine voll erwischt: In Amerika stellten so angesehene Blätter wie „Blender“, „Jazztimes“ und zuletzt das von Quincy Jones gegründete Hiphop-Magazin „Vibe“ ihr Erscheinen ein.
Auch auf dem deutschen Markt gibt es gerade nicht sehr viel Grund zu feiern; die Axel-Springer-Titel „Metal Hammer“, „Musikexpress“ und „Rolling Stone“ tun's trotzdem: Zum 25., 40. und 15. Geburtstag erscheinen jetzt Sonderhefte. Wie die meisten Musikmagazine erleben die drei Zeitschriften gerade durchwachsene Zeiten: Kürzlich verkündete Springer den Umzug der drei Redaktionen aus der Münchner Leonrodstraße nach Berlin bis zum Ende des Jahres und eine Bindung an die Welt-Gruppe.
Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, wird Herausgeber der drei Magazine - eine Position, die es so bisher nicht gab. Zwar haben die drei Zeitschriften laut der IVW-Auflagenstatistik des zweiten Quartals alle zugelegt: Im Vergleich zum Vorjahr steigerte sich die Zahl der verkauften Hefte von „Rolling Stone“ um zwei Prozent auf 54.968, von „Musikexpress“ um 2,5 Prozent auf 51.783 und von „Metal Hammer“ um 3,6 Prozent auf 43.654. Aber das ist nicht mehr als ein Hauch von Auftrieb: Vor gut zehn Jahren verkauften „Rolling Stone“ und „Musikexpress“ noch mehr als doppelt so viel.
Überall Affen
Anders das Gratisblatt „Intro“: Mit 117.000 Exemplaren ist das Magazin nun Deutschlands meistgelesene Musikzeitschrift - und hat gleichzeitig massiven Anzeigenschwund. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Werbung halbiert. Ähnlich ergeht es der „Spex“: 1980 als reines Musikmagazin gegründet, nennt sie sich mittlerweile „Magazin für Popkultur“ und zielt auf eine kulturinteressierte Leserschaft zwischen zwanzig und fünfzig Jahren. Sie verkauft sich zwar besser denn je, unter der Leitung von Chefredakteur Max Dax stieg die Auflage von 15.797 auf 19.002, allerdings erscheint das Heft seit 2007 nur noch sechs statt elf Mal im Jahr. Auch der „Spex“ fehlen Anzeigenkunden.
Was Zahlen aber nur andeuten können, ist der Verlust, der dem wirtschaftlichen zugrunde liegt - jener an Relevanz. Die stilprägende Wirkung, die zumindest als selbstbewusste Behauptung immer die Existenzberechtigung jener Magazine war, deren Leser nicht umsonst gerne als „Jünger“ bezeichnet wurden, nimmt ihnen kaum noch jemand ab. Wo früher idiosynkratische Empfehlungen oder kämpferische Verrisse zum guten Ton gehörten, herrscht heute eine Mischung aus Beliebigkeit und Nostalgie: Alle großen Magazine veröffentlichten in ihren aktuellen Septemberausgaben jeweils einen langen, freundlichen Text über die Arctic Monkeys. Und auch all die Minikritiken, die wie eh und je in 15 Zeilen die neuesten Promoplatten behandeln, führen zwangsläufig zu Überschneidungen.
Dieser Häppchenjournalismus, der früher als Einkaufsliste durchaus eine gewisse Verbindlichkeit hatte, funktioniert im Internet längst wesentlich besser und schneller, inklusive Hörbeispiel und Video-Link. Und wer nicht selber weiß, was er von dem neusten Hype halten soll, dem sagen es im Zweifelsfall seine Freunde auf Myspace, Facebook oder die Datenbank von Last.fm. Gegen den Informationsvorsprung des Internets und die damit einhergehende Unübersichtlichkeit zu punkten, indem man auf eine Kernkompetenz wie Urteilskraft setzt, scheint den Magazinen nicht in den Sinn zu kommen.
Neuerdings Nudeln
Stattdessen stecken die Herausgeber all ihre Energie in kaufmännischen Aktionismus. Die Einbußen bei „Spex“ beispielsweise führt Dax auf drei Faktoren zurück: Das im Januar 2007 eingeführte Tabakwerbeverbot, die aktuelle Wirtschaftskrise und die Dauerkrise der Musikindustrie. Letztere verbindet mit Musikmagazinen schon immer eine gegenseitige Abhängigkeit: Zeitschriften brauchen Anzeigen, um profitabel zu arbeiten, die Tonträgerindustrie ist auf Berichterstattung angewiesen, um ihre Musiker bekanntzumachen. Im Juli dieses Jahres versuchte die „Spex“ dieses Dogma ironisch zu umschiffen: Sie ging eine Kooperation mit einem branchenfremden Investor ein, die für viel Presserummel sorgte.
Das Logo der Edel-Nudelfirma De Cecco wird ein Jahr lang im Impressum abgedruckt, im Gegenzug bekam die Redaktion eine Tonne Pasta geliefert. Vor allem auf Zusatzgeschäfte jeglicher Art setzen die angeschlagenen Musikredaktionen: Sie veranstalten Konzerte und Festivals, über die dann im eigenen Heft berichtet wird (Die sind alle klasse!); verkaufen DVDs und Bücher, die sie im Heft rezensieren (Die sind alle klasse!) und verkaufen T-Shirts (Die sind auch alle klasse!).
Alte Männer für alte Männer
Inhaltlich aber scheinen die Hefte darauf zu vertrauen, dass auch ihre Leser dem Zeitgeist nicht entkommen, den sie einmal stilistisch geprägt haben. Beim „Rolling Stone“ setzt man konsequent darauf, den Leser nicht allzu sehr mit neumodischen Klängen zu überfordern. Stattdessen bringt man ein Special über die hundert besten Beatles-Songs und zeigt mit Bildern von Eric Clapton, Sting, Bruce Springsteen, was man ist: ein Magazin mit alten Männern für alte Männer. So steht schon mal über Musikrezensionen: „Weiter hinten sorgen epische Folk-Hymnen für die Ruhe nach, Sie wissen schon.“ Aber auch die einst fast zwanghaft avantgardistische „Spex“ wirkt mit Jochen Distelmeyer auf dem Cover eher retrospektiv. Und sogar „de:bug“, das Magazin für elektronische Lebensaspekte, dokumentiert mit einem Text über den 20. Geburtstag des Labels Warp, wie viel Geschichte es schon mit sich herumträgt.
Womöglich ist es strategisch gar nicht so falsch, als Kontrapunkt zur Schnelllebigkeit des Internets in den Geschichtsdiskurs zu flüchten. Ein jüngeres Publikum gewinnt man so wohl kaum. Im besten Fall altert man gemeinsam mit den Stammlesern; im schlimmsten vergrault man auch sie, wenn man etwa wie „de:bug“ hartnäckig an der eigenen Abschaffung arbeitet und immer wieder der Gegenwartskultur die Relevanz abspricht. Statt sich selbst totzureden, sollten die Magazine lieber all die Gemischtwaren aus dem Sortiment schmeißen, mit denen man den konservativen Musikgeschmack bedienen will, den man seinen jeweiligen Lesern unterstellt.
Höchstens ein Requiem
Herrlich, wofür dann alles Platz wäre: für Thesen, die nicht schon im Internet oder der Tageszeitung standen; für Zusammenhänge, die nicht schon offensichtlich waren. Man könnte über die Methoden und Produktionsbedingungen von Musikern berichten, statt Kunst, auch in der Musik, nur auf ein Lifestyle-Tool zu reduzieren. Wieso über den Schwurbel-Pop des Genres New Weird American nicht mal einen Schwurbel-Text schreiben? Gerade der Popjournalismus, auch wenn man ihn wörtlich versteht, sollte auf die Kraft der Sprache vertrauen, die Melodie und den Fluss und den Rhythmus einer Platte auf einer gedruckten Seite einfangen und Texte drucken, die in ihrer Zerrissenheit über sich selbst hinausweisen und so ihren Gegenstand umkreisen. Zumindest „Spex“ und „de:bug“ versuchen sich am theoretischen Diskurs - an Literarizität aber mangelt es allen deutschen Musikzeitschriften.
Musikjournalismus kann mehr sein als ein medialer Atavismus, ja, er muss es ganz unbedingt, will er bestehen. Wie sollen Anzeigenkunden Vertrauen haben, wenn die Macher selbst in eine Mischung aus angstvoller Erstarrung und hektischer Torschlusspanik verfallen? Während es Dr. Hook in seinem Hit aus dem Jahr 1972 noch als ultimative Nobilitierung einstufte, „On the Cover of the Rolling Stone“ zu sein, singt heute schon lange keine Band mehr über Musikmagazine. Zum Glück. Anlass bestünde allenfalls für ein Requiem.