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Popmusik Von hier aus um die ganze Welt

07.03.2006 ·  Eine der großen Liebesgeschichten der Popmusik: Im März 1986 erschien die Mixkassette „c86“. Mit ihr begann vor genau zwanzig Jahren der Siegeszug des Independent-Pop.

Von Tobias Rüther
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Mit Mixkassetten beginnen Liebesgeschichten. Das war früher jedenfalls so, heute brennt man seine Geständnisse dem Liebsten digital ins Herz: auf CD. Aber damals, in den analogen achtziger und auch noch in den neunziger Jahren, waren es Kassetten - anderthalb Stunden arrangierte Autobiographie auf Band.

Auch Musikmagazine haben versucht, ihre Leser so zu erobern. Mittlerweile kommt keines mehr ohne einen Sampler aus, der kostenlos ins Heft geklebt wird. Das ist aufwendig, bindet aber, wie ja auch die Mixkassetten binden sollten: Bis heute rezitiert zum Beispiel Jochen Distelmeyer von der Band Blumfeld auf Konzerten, was der Kölschrocker Jürgen Zeltinger auf eine hauchdünne Flexi-Disc gesprochen hatte, die 1979 dem „Musik Express“ beilag: „Hier sprischt Zeltinger, euer Schäff: Wir haben für eusch wieder mal die schönsten Melodien auf Platte jebannt.“ Es war eine Sternstunde für Leser. Der Leser Distelmeyer hat sie jedenfalls nicht vergessen.

Auch der „New Musical Express“ aus England steckte Musik in seine Hefte: Und dazu benutzte der „NME“ eben Kassetten. Die erste hieß „c81“, was „Cassette 81“ abkürzte: Pop aus dem Jahr 1981 also, Scritti Politti, die Deutsch Amerikanische Freundschaft und The Raincoats, vier Frauen aus London, die Lieblingsband von Kurt Cobain.

Alles geht auf sie zurück

Fünf Jahre nach „c81“, im März 1986, brachte der „NME“ dann wieder eine Kassette heraus. Mit ihr begann eine der großen Liebesgeschichten der Popmusik. Sie dauert bis heute an, weil ihr wieder und wieder Bands und Hörer verfallen sind, und zuletzt sogar der Markt: Mit „c86“, der „Cassette 86“ also, schlug die Geburtsstunde des sogenannten Independent-Pop. Was gestern Britpop genannt wurde - also Oasis, Blur und Pulp - und was wir heute an Gitarrenmusik hören, ob Coldplay oder Wir sind Helden, ob Bloc Party oder Blumfeld, geht auf diese eine Kassette zurück, die vor genau zwanzig Jahren dem „NME“ beilag.

Seither hat sich die Popbranche sehr verändert. Damals waren die Bands von der „c86“-Kassette allesamt bei unabhängigen Plattenfirmen unter Vertrag. Wenn sie überhaupt einen Vertrag hatten. „Indie-Pop“ war nichts, mit dem man Geld verdienen konnte, weil nur wenige ihn hörten. Die „c86“-Bands - sie hießen Primal Scream oder The Wedding Present, The Soup Dragons oder The Pastels - waren Liebhabereien für eingeweihte Fans, die fotokopierte Heftchen lasen, sogenannte „Fanzines“, und die ihr Selbstverständnis gerade daraus speisten, daß die breite Masse ihre Lieblingsbands nicht kannte. Und nicht kapierte: „Indie-Pop“ war nämlich zuallererst eine Haltung, elitär und gegen den Markt. Den man verachtete. Bei „Indie“ ging es um Selbstverwirklichung. Wer sich schnöde an die Industrie verkaufte oder sogar einen Hit hatte, fiel durch.

Ein lukratives Genre

Das ist heute anders. Weil die Industrie nicht zuletzt vom Welterfolg von Kurt Cobains Nirvana und den Engländern Oasis gelernt hat und Gruppen, die nach Indie-Pop und irgendwie anders oder „schräg“ klingen, unter Vertrag nimmt - und zwar ohne ihren Willen zu brechen. Indie-Pop wandelte sich so seit der „c86“-Kompilation von einer Wirtschaftsform zu einem lukrativen Genre.

Und dieses Genre folgte von Beginn an der Formel, alles zu tun und zu lassen - außer Rock. Rock war das industrielle Grundböse, war korrupte, schlechte Musik. Auch Kurt Cobain haßte Rock und dessen Machismo, dessen Posen und ledernackige Männerphantasien. „Corporate rock still sucks!“ - so quittierte er die Anfrage von U2, mit Nirvana auf Tournee zu gehen. Wenn Cobain bei Konzerten von Nirvana in Frauenkleidern auf die Bühne ging, dann war das ebenso feministischer Protest wie eine Reverenz an die Raincoats von der „c81“-Kassette des „NME“, die „Riot Girls“ waren, bevor man diesen Begriff überhaupt kannte.

Revolte zurück in die Kindheit

Für die androgynen Gitarren-Bands der Generation um „c86“ hat man viele Namen gefunden: „Wimp-Pop“ zum Beispiel, Pop von Weicheiern also. Oder „Anorak-Pop“, weil sich die ungeküßten Bandmitglieder und Fans unter Kapuzen vor dem schlechten Wetter und den Zwängen des erwachsenen Berufslebens versteckten. Von einer „Revolte zurück in die Kindheit“ hat deshalb der englische Journalist Simon Reynolds gesprochen. Dazu paßte auch das Etikett „Twee“, was aus der englischen Babysprache kam, soviel wie „niedlich“ heißt und naiven Pop mit süßlichen Melodien umschrieb.

Bei der „c86“-Kassette traf das Etikett „Twee“ am besten auf Primal Scream zu, die in den neunziger Jahren sehr bekannt wurden, als sie Gitarrenpop und Clubmusik in Liedern wie „Higher than the Sun“ oder „Movin' on up“ versöhnten. Im März 1986 aber eröffneten Primal Scream die „c86“-Kassette mit einem zarten Lied namens „Velocity Girl“: Anderthalb Minuten säuselt es vor sich hin, die Gitarren erinnern an die Byrds und die Topffrisuren der Band noch viel mehr. Und Bobby Gillespie, der Sänger, haucht unter seinem Pony hinweg windelweichen Weltschmerz ins Mikro: „My so called friends have left me / And I don't care at all / Leave me alone.“ Es war großartig.

Verloren zwischen Wolkenkratzern

Gillespie hatte kurz zuvor noch Schlagzeug in einer anderen Band gespielt, die nicht zum „c86“-Kreis gehörte, ihn aber sehr beeinflußt hatte: The Jesus and Mary Chain erfanden die bittersüßen Melodien und das Feedback von Velvet Underground neu, diesmal aus dem Geist des Punk: „Just like Honey“ hieß eines dieser Bravourstücke, auf dem Bobby Gillespie noch äußerst sparsam trommelt, 1985 war das. Und mit diesem „Just like Honey“ endet fast zwanzig Jahre später der Film „Lost in Translation“: Bill Murray flüstert Scarlett Johansson noch etwas ins Ohr, dann verliert er sich zwischen den Wolkenkratzern Tokios und den Gitarrenwänden von The Jesus and Mary Chain.

Der Soundtrack dieses oscargekrönten Films von Sofia Coppola ist vielleicht der beste Beweis für den nachhaltigen Erfolg des „c86“-Sounds. Tatsächlich begann die Arbeit am Drehbuch mit einer Mixkassette: „Ich kann nur schreiben, wenn ich Musik höre“, hat Sofia Coppola einmal erzählt. „Für ,Lost in Translation' machte mir mein Freund Brian ein Tape namens ,Tokio Dreampop'. Da waren unter anderem auch The Jesus and Mary Chain drauf.“ Und so veredelt „Just like Honey“ zuletzt eine der schönsten Szenen ihres Films.

Lang lang lang lang

Aber nicht nur in Hollywood und Tokio, auch in Ostwestfalen-Lippe und in der DDR hinterließ die „c86“-Kassette ihre Spuren: In Potsdam fanden Ende der achtziger Jahre „Die Anoraks“ zusammen und schrammelten sich auf ihren Gitarren die „Anarchie“ herbei. In Bad Salzuflen gründeten etwa zur gleichen Zeit ein paar Freunde das Plattenlabel Fast Weltweit. Bernd Begemann war darunter, heute einer der notorischsten Interpreten deutschsprachiger Popmusik, und Frank Spilker, der Sänger von Die Sterne, die auf Fast Weltweit groß wurden und später dann zu einer der erfolgreichsten Bands der „Hamburger Schule“. Und dann waren da noch Die Bienenjäger, jene legendäre Band, in der Jochen Distelmeyer sang, bevor er Blumfeld gründete: Lieder wie „Das Herz ist ein einsamer Jäger“, Zeilen wie „Lang lang lang lang lag ich wach / Und habe lang lang lang / Daran gedacht was ich habe / Und was du suchst / Was ich sagen werde / Und ob du mir dann weh tun wirst.“

Distelmeyers Bienenjäger und die anderen Bands auf „Fast Weltweit“ knüpften an den Naivlings-Pop an, wie ihn Primal Scream spielten, und an die feine englische Art von Bands wie Aztec Camera oder Orange Juice aus Glasgow, dessen Sänger Edwyn Collins mit „A Girl Like You“ 1995 einen Welthit hatte. Obendrein aber taten sie in Bad Salzuflen genau das, was junge Menschen in England seit den späten siebziger Jahren überall getan hatten, seit der Zeit, als Margaret Thatcher die Macht übernahm: Sie gründeten ihre eigenen Plattenfirmen. „Indie“ zu sein, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, das war links. Und Lieder unter zwei Minuten zu spielen, während im Radio der endlose Schmalzrock von U2 und Marillion lief, erst recht.

Kältester Haß

Anderswo bestreikten also die Bergleute ihre Gruben, in den britischen Vororten und Innenstädten aber gründeten junge Leute Plattenfirmen, um die eisernen Verwertungsketten des Thatcherismus abzuschütteln. Die berühmtesten Labels waren Factory aus Manchester, wo Joy Division und New Order erschienen, und Rough Trade, die Heimat von The Smiths. Sie muß man heute wohl die einflußreichste englische Band der achtziger Jahre nennen: Ihr literarischer und vor allem homoerotischer Gitarrenpop, der kältesten Haß auf das Königshaus, Thatcher und alle Fleischesser dieser Welt einschloß, prägte den Sound von „c86“ tief.

Auf Rough Trade erschien Ende 1986 auch die LP-Version der Gratiskassette. Die meisten anderen Plattenfirmen aber, die Lieder zum „c86“-Sampler beigesteuert hatten, waren gemessen an Rough Trade winzig und hielten nur kurz. Sie hießen The Subway Organisation oder Riot Bible Records. Nur eines kam durch und übertraf alle anderen: Creation war das Label von Primal Scream und später dann von anderen großartigen Bands wie etwa My Bloody Valentine - die übrigens auch zu den Lieblingen von Sofia Coppola gehören und deren Chef Kevin Shields den Soundtrack für „Lost in Translation“ verantwortet hat. Den eigentlichen Coup aber landete Creation erst sieben Jahre später: 1993 nahm der Labelchef Alan McGee eine Band namens Oasis unter Vertrag. Und verdiente sehr viel Geld mit ihr. Sehr, sehr viel.

Der reinste Bandsalat

Der „New Musical Express“ aber wohl auch. Weil das Magazin den Hype um Britpop inszenierte. Weil es die Titelkämpfe um die Krone zwischen den Proleten von Oasis und den Oberschülern von Blur anheizte, wenn nicht sogar erfand. Auch die „c86“-Kassette war ein medialer Geniestreich des „NME“ gewesen, weil es die einheitliche Szene gar nicht gab, die sie zu versammeln schien: Natürlich, die meisten Bands spielten Gitarre und schmachteten dazu wie Primal Scream, aber es gab auch Funk zu hören und Avantgardistisches, es gab maskulines Dampfgeschrammel von den Wedding Present, und großen Schrott gab es natürlich auch. Insgesamt waren es 22 verschiedene Lieder. Diese Kassette war der reinste Bandsalat.

Aber es wirkte wie eine konzertierte Aktion, weil der „NME“ über die Shows seiner „c86“-Bands berichtete, die eine Woche lang im berühmten Londoner Institute of Contemporary Arts stattfanden (das ICA wird übrigens in diesem Sommer in einer Ausstellung an „c86“ erinnern, die englische Popband Saint Etienne dreht gerade eine Dokumentation). Etiketten sind obendrein für Journalisten äußerst handlich, um Popmusik und ihre Verästelungen zu beschreiben. Die Geschichte von „c86“ und der heutigen Gitarrenmusik beginnt also eigentlich mit einem Mißverständnis. Doch gerade im Probenraum sind es ja Fehler, die einem Lied auf die Sprünge helfen.

Haß auf Rock und Industrie

Nur zwei Dinge verband die Bands von „c86“ wirklich: Der Haß auf Rock und die Industrie, die ihn unter die Leute brachte. Es ist die Ironie dieser Erfolgsgeschichte, daß heute dieselbe Industrie den Sound von „c86“ unter dieselben Massen bringt: vor ein paar Jahren mit den Cranberries, heute mit Coldplay. Als Anfang der neunziger Jahre Identitätskrisen und abgehalfterte Kleidung unter allen Jugendlichen, nicht mehr nur unter den Heftchenlesern in Anoraks, modisch wurden, da orchestrierten Bands mit angeknackstem Selbstbewußtsein und empfindlichen Melodien diesen Weltschmerz eben am besten.

Man muß nur die amerikanischen Jugendserien „Beverly Hills 90 210“ und „The OC“ vergleichen: Beide haben kalifornische Adressen im Titel, beide waren oder sind rasend erfolgreich, aber die Hauptfiguren sind wie Tag und Nacht: hier Debütantinnen, da Aussteiger. Der Freundschaftskult, den Serien wie „The OC“ und auch schon ihr Vorläufer „Dawson's Creek“ bebildern, paßt zu den Bands ihrer Soundtracks: Es gibt keine ausufernden Gitarrensoli mehr. Alle halten zusammen. Es ist das reinste Bandenwesen am Werk: Fünf Freunde und das Geheimnis meines Weltschmerzes. Und danach klingen auch Coldplay. Sie spielen heute das, was man früher „Adult-oriented Rock“ nannte: Musik für Menschen, die eigentlich erwachsen werden wollen, aber noch von den Spielplätzen und Probenräumen ihrer Kindheit träumen. In den letzten zwanzig Jahren ist die Popmusik immer jünger geworden. Auch davon handelt die Liebesgeschichte der Mixkassette „c86“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.03.2006, Nr. 9 / Seite 28
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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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