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Popmusik : Totgesagte singen länger

„Police” in alter Vitalität: 13. Februar 2008 Bild: AP

All die berühmten Bands der Popmusik treten wieder auf. Beinahe ist es schon obszön. Statt Jugendkultur zu zelebrieren spielen jetzt Erwachsene für Erwachsene. Das Publikum will kein neues Material, es will ein Wiedersehen mit einem Verbund vermeintlich unbekümmerter Junggesellen.

          Der 10. April 1970 ist der Tag, an dem die Popmusik ihre Unschuld verlor. Damals machte Paul McCartney öffentlich, was sich schon lange abgezeichnet hatte, aber dennoch für viele als ein Schock kam: das Ende der Beatles. Es war, obwohl es dabei keine persönlichen Verluste zu beklagen gab, ein trauriges Datum für die Popgeschichte, nicht weniger einschneidend als all die prominenten Todesfälle.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Fast vier Jahrzehnte später scheint der Tod in der Popmusik besiegt: Bands, die sich aufgelöst hatten, erstehen gemeinsam wieder auf, finden zusammen, auch wenn sie noch so zerstritten waren oder noch so oft verkündet hatten, eine Wiedervereinigung komme für sie nicht in Frage. Selbst das Ableben eines wichtigen Bandmitglieds ist kein Hindernis. Sänger, die erklärt hatten, nie wieder auftreten, ja überhaupt keine Musik mehr machen zu wollen, kehren aus der Versenkung zurück und machen Platten.

          Selbst Tote erstehen wieder auf

          Eingeleitet wurde diese Entwicklung von einer Beatles-Platte in den neunziger Jahren, als man John Lennon für das Lied "Free as a Bird" aus dem Jenseits zuschaltete und, mit kräftiger Unterstüzung der Firma EMI, den Anschein zu erwecken versuchte, die vier seien nun wieder glücklich vereint. George Harrisons Witz, man werde nicht wieder zusammenkommen, solange John Lennon tot sei, wurde von einer gewaltigen Wiederaufbereitungsmaschine, die Künstler und deren Werk gleichermaßen erfasst, widerlegt.

          Police-Gitarrist Andy Summers
          Police-Gitarrist Andy Summers : Bild: AP

          Und so leben wir heute wieder im Zeitalter von Cream, den Doors, den Eagles, den Stooges, Simon & Garfunkel, Cat Stevens, The Who, Police, Genesis und Queen. Sogar eine Band, die der Versuchung zur Rückkehr am hartnäckigsten und vermutlich auch aus guten Gründen widerstand, Led Zeppelin, gab vergangenes Jahr in London wieder ein Konzert. Es ist wieder der April 1970.

          Ist nicht auch die Wiedervereinigung der Bands ein Verrat?

          Einige unter diesen Bands leben gewissermaßen im Zustand dauernder Wiedervereinigung, bringen viel altes und wenig neues Material heraus und gehen alle paar Jahre auf Tournee. Daran hat man sich dermaßen gewöhnt, dass man kaum noch merkt, wie absurd das eigentlich ist.

          Es wirkt ja geradezu obszön, wenn auf Konzertplakaten oder Plattenhüllen einfach wieder der vertraute, aber auch schon ziemlich angestaubte Name prangt, so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass diese oder jene Gruppe wieder unterwegs ist oder im Studio war - als ob Jim Morrison, Keith Moon, John Bonham und Freddie Mercury nie gestorben wären. Dabei stellt sich unter dem reinen Pietätsaspekt ein paradoxer Effekt ein: Erschien einst die Auflösung als Verrat, so gilt das für die Wiedervereinigung nicht weniger: die Doors oder Queen ohne ihren Sänger? Was würden die Toten dazu sagen, die zu Lebzeiten von ihrer Unersetzlichkeit überzeugt sein durften und nach ihrem Ableben erst recht für einzigartig erklärt worden waren?

          Kein neues Material? Kein Nachteil!

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