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Popband „The xx“ Die Leere und die Luftigkeit

26.01.2010 ·  Wenn Jugendliche sich an der Schwelle zur Kunst zum Pop bekennen, dann ist die Sache ernst: „The xx“ sind die Band der Stunde. Für die Leichtigkeit ihrer Songs gibt es im Augenblick keinen Vergleich, auch wenn sie klingen wie schon mal gehört.

Von Tobias Rüther
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The xx aus London sind die Band der Stunde. Sie tauchten auf fast allen Bestenlisten des letzten Jahres auf, das Aufsehen um die vier jungen Popmusiker war so groß, dass sie mittlerweile nur noch zu dritt sind: die Keyboarderin und Gitarristin Baria Qureshi hat die Band schon im November wieder verlassen, überfordert und entkräftet, heißt es.

Was aber, wenn diese Stunde abgelaufen ist? Werden eines Tages junge Menschen, die nach einer Form suchen für das unruhige Gefühl, sich über sich selbst und die Welt unbedingt Auskunft geben zu müssen, vielleicht zu einer Platte von The xx greifen, die es an diesem fernen Tag vielleicht schon längst nicht mehr gibt, und werden diese jungen Menschen denken: Genau das hier ist meine Form, ich müsste sie nur noch ein wenig dehnen und strecken oder schrumpfen und raffen, dann könnte sie mir passen? Aber das, was dabei entstünde, wäre das anders, eigen, neu und vor allem: von Dauer?

Es sieht schon sehr danach aus. Das Debütalbum von The xx war im August erschienen, hatte keinen Namen, war streng und schwarz mit einem weißen Kreuz, und die Musik darauf klang so, als hätten diese jungen Menschen, die nach einer Form für das unruhige Gefühl in sich suchten, zu Platten von The Cure und Roy Orbison und Scott Walker und Joy Division gegriffen und gedacht: Genau das hier sind unsere Formen, wir müssen sie nur noch ein wenigen dehnen und strecken, schrumpfen und raffen, dann könnten sie zu uns passen und zu der Stunde, die uns geschlagen hat.

Wenn Kunst, dann Pop

Vielleicht haben The xx auch zu ganz anderen Platten gegriffen. Wie dem auch sei, was dann entstand, war so anders, eigen und neu, so souveräne Kunst von neunzehnjährigen Oberschülern, dass man sagen muss: The xx werden von Dauer sein, auch wenn sie klingen wie schon mal gehört. Sie tragen einen Ton weiter, in konzentrierterer Form allerdings, den andere vor ihnen angeschlagen haben in diesem ungefähr hunderttausendjährigen Prozess der ständigen Überformungen, der sich Popmusik nennt. Roy Orbison hat ihn angeschlagen, als er von der Nacht in seiner Seele sang und Scott Walker von der in seinem Kopf, The Cure schlugen ihn an, als sie ihre Kindermelodien nebelgrau tünchten, und Joy Division, als sie sangen, dass uns nicht mal die Liebe aus dem Weltfest des Todes retten wird.

Mag sein, dass Romy Madley Croft, Oliver Sim und Jamie Smith auch auf anderen Wegen auf das gestoßen sind, was sie - im alljährlichen Chaos und Überbietungswettkampf neuer Bands - so hervorstechen lässt. Ihre Musik ist von derart strengem Ernst, protestantisch instrumentiert bis an die Grenze zur Humorlosigkeit, und die Nähe des Ganzen zur bildenden Kunst derart deutlich, dass man auch glauben könnte, es sei erst eine existentielle Entscheidung zur Kunst gefallen - und dann die, dass es sich bei dieser Kunst um Popmusik handeln soll.

The xx haben aus ihrer Kammermusik fast alle Instrumente seziert, bis nur noch eine Gitarre und ein Bass blieben, der männliche und weibliche Gesang und ein Gerät, aus dem manchmal, aber nur manchmal, Rhythmen kommen, und dann wieder atmosphärische Geräusche. Für die Leere und Luftigkeit ihrer Songs gibt es im Augenblick keinen Vergleich.

Anrührende Innigkeit

Vor Jahren haben die Cowboy Junkies, eine ziemlich begabte, ziemlich leise Countryband aus Kanada, Konzerte abgebrochen, wenn im Publikum zu laut geredet wurde. Unsymphatisch eigentlich, es schmeckt nach Prätention, Keith Jarrett macht so etwas ja auch, wenn er sich beim Klavierspielen gestört fühlt von den Leuten, die für den Auftritt bezahlt haben. The xx aber lassen gar nichts anderes zu als Innigkeit, angehaltenen Atem, Starre, allenfalls Mitsummen.

Ihre beiden Konzerte in Berlin am vergangenen Freitag waren ausverkauft, zwei hintereinander mussten angesetzt werden, um dem Andrang überhaupt gerecht zu werden, und auch das hat nicht gereicht. Wer es nicht hineingeschafft hat, der kann jetzt trotzdem noch (bis Montag, man muss schnell sein), der Band von Angesicht zu Angesicht dabei zusehen, wie sie sich in das vertiefen, was sie spielen: „xx: A Sculpture of the Album“ heißt die Installation des Multimediakünstlers Saam Farahmand in den Berliner Kunsträumen von HBC an der Karl-Liebknecht-Straße, die mit simpelsten Mitteln, aber in anrührender Intimität die elf Lieder des Albums inszenieren.

Elementare Motive

Drei schwarzlackierte Säulen, in die ein Bildschirm und ein Lautsprecher eingelassen sind, bilden einen Kreis, fast wie die Monolithen auf dem Mond in Stanley Kubricks „2001“. Saam Farahmand, preisgekrönter Musikvideofilmer, hat die drei von The xx in statischer Einstellung gefilmt, man tritt ihnen auf Augenhöhe gegenüber und darf sie so ausgiebig betrachten, wie es auf einem Konzert nie möglich wäre, und erst recht nicht in einem Gespräch: Oliver Sim, der Bassist und Sänger, sieht aus wie eine Mischung aus dem Rapper Eminem und der Popdiva Marc Almond, wie ein sweet and tender hooligan, würden die Smiths singen. Jamie Smith hat sich so intensiv über seine Konsole gebeugt, dass man ihm unter seinen schwarz verwuselten Haaren kaum einmal ins Gesicht sehen kann, während er hier und da mal einen Rhythmus einstreut. Romy Madley Croft schließlich, die andere Sängerin und Gitarristin, ist ein Rätselwesen, wie es die frühe Christina Ricci im Film war, sonderbare Geheimnisträgerin.

Die Installation hilft, noch klarer zu verstehen, warum The xx bleiben werden: Sie strahlen bei der Arbeit eine beängstigende Geistesgegenwart und Reife aus, sie mögen ja neunzehn sein, aber sie wissen, was sie tun. Ihre einfachen Melodien rühren an den elementarsten Motiven. Ich will dir vertrauen. Ich versteh mich nicht. Bleib. Geh. Jetzt ist es richtig. Jetzt nicht.

Lautere Poesie

In verteilten Rollen spielen The xx Lied für Lied vom Debütalbum, die verwehte Nachthymne „Stars“, die leise Zuversicht von „Islands“, und wenn man sehen will, wie Oliver Sim und Romy Madley Croft beim Hit „Chrystalized“ Seite an Seite, aber eben nicht gemeinsam singen und ihre Textzeilen sich entzweien, bis sie wieder zusammenfinden im flehenden „Go slow, go slow“, dann muss man schnell nach links und rechts schauen, in die Gesichter autonomer Wesen, die sich mit geschlossenen Augen reptilienhaft langsam bewegen. Auf ihren Einsatz warten, unhörbar die Zeilen des anderen mitsprechen, hin und wieder zum anderen hinübersehen, die Hälse ihrer Instrumente dämpfen, damit nichts mitschwingt und die Melodie des anderen stören könnte. Das ist nichts als Poesie, und das Labor dieser Installation präpariert es heraus.

Die Band selbst war auch da, leibhaftig, umlagert von Journalisten und Kunstmenschen, vorher gab es ein Fotoshooting und ein Interview, danach sollten sie zu ihren zwei Konzerten aufbrechen. Oliver Sim stand Rücken an Rücken mit seinem Monolithen, und manchmal, so kam es mir jedenfalls vor, tanzte er zu seiner eigenen Musik.

„xx: A Sculpture of the Album“ ist noch bis zum morgigen Montag bei HBC, Karl-Liebknecht-Straße 9, Berlin, zu sehen.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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