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Pop Übergrößen sind Mangelware

30.08.2007 ·  Sex ist viel mehr als ein makelloser Körper: Die „Gossip“-Sängerin Beth Ditto hat ein neues Rollenmodell der Popmusik wiederentdeckt - die selbstbewusste Frontfrau, deren dreckige Soulstimme die körperlichen Nachteile vergessen macht.

Von Richard Kämmerlings
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Size matters: Vor dem Frankfurter Club Cooky's steht ein riesiger Tourbus einschließlich Anhänger, mit dem man ein ganzes Symphonieorchester zum Gastspiel fahren könnte. Was da wohl drin ist? Instrumente? Wohl kaum, denn „Gossip“ kommen für ihren trockenen Diskopunk-Sound mit drei, eigentlich nur zwei Geräten aus: Schlagzeug und Gitarre, die gelegentlich durch einen Bass ersetzt wird. Garderobe? Beth Ditto, die kleine, korpulente Sängerin, fragt schon nach den ersten Stücken ins Publikum, ob jemand in Frankfurt einen Laden für Schwangerschaftsmoden kenne. Da müsse sie dringend hin, shoppen und dann einen „riot“ veranstalten.

Beth Ditto scheinen mit Ausnahme des Fahrzeugs die Übergrößen ausgegangen zu sein; auch der Club ist an diesem Abend viel zu klein für die offiziell, vom britischen Magazin „New Musical Express“ nämlich, zur „coolsten Musikerin des Jahres 2006“ gekürte Frau. Das Konzert ist ausverkauft; der angemessen trashig mit Säulen, Sitzecken und Spiegelwänden vollgestellte Raum ist buchstäblich bis unter die Decke gefüllt mit Fans verschiedenster Altersgruppen und sexueller Orientierung. „This is for the gay people“, kündigt die bekennende Lesbe und Gay-Rights-Aktivistin gleich ihren zweiten Song an und erzeugt Jubel.

Achselhaare sind erlaubt

Beth Ditto hat der weiblichen Popmusik ein neues Rollenmodell geschenkt (oder es vielmehr wiederentdeckt): die kleine und unförmige, dabei selbstbewusste und dominante Frontfrau, deren dreckige Soulstimme die körperlichen Nachteile einfach vergessen macht. Sogar Achselhaare sind nun wieder erlaubt, und zwar nicht bei einem Freak-Folk-Blumenkind mit Astral-Lightshow, sondern bei einer Disco Queen mit einem Körper, den man in Discos gewöhnlich eben nicht sieht und verglichen mit dem die angeblich trendigen Plus-Size-Models knochige Hühnchen sind.

Rein musikalisch wäre der Kultstatus, den Beth Ditto über die gay community hinaus inzwischen hat, gar nicht zu erklären. Der „Gossip“-Sound, eine eingängige und tanzbare Mischung aus garagigem Diskorock und Postpunk, war in den letzten Jahren geradezu inflationär. Die New Yorker „Yeah Yeah Yeahs“ um Karen O. etwa schreiben bessere, radikalere Songs. Und stimmlich hat ihr die in ähnlicher geschlechtspolitischer Mission reisende Skin (von der Alternativ-Rockband „Skunk Anansie“) doch noch einiges voraus.

Disco für Disco-Hasser

Beim Konzert kann man daher bei aller imponierenden körperlichen Kraftentfaltung auch Langeweile empfinden - jedenfalls wenn man in der Enge nicht tanzen kann. Denn im Kern machen „Gossip“ Clubmusik, bei der es weniger auf den einzelnen Song als auf Intensität und Dramaturgie ankommt. „Standing in the Way of Control“, als Protestsong gegen die Bush-Regierung, ist ein echter Club-Stampfer; doch ginge die Band in dieser Richtung noch ein paar Schritte weiter, dann landete sie eher bei Rockversionen von „It's Raining Men“ oder „I Am What I Am“ als bei Punk: „Gossip“ machen Disco für Leute, die Discos eigentlich doof finden.

Den Unterschied macht daher allein Beth Dittos paradoxe Bühnenpräsenz aus, die mit gay pride zur Schau gestellte Unvollkommenheit: Sie flirtet mit dem Publikum, streut ein bisschen Schulmädchen-Deutsch ein und erweist mit Gesangszitaten ihren Vorbildern vom schwarzen Disco-Sound der Siebziger Reverenz. Dass es nur eine Zugabe gibt und das Konzert nicht nahtlos in eine sehr lange, helle Nacht übergeht, ist gegen die Grundidee. Popmusik hat mit Sex zu tun - das wäre keine sehr originelle Botschaft. Beth Ditto aber schreit uns entgegen, dass Sex etwas anderes und viel mehr ist als ein schöner, makelloser Körper.

Weitere Konzerte:

31. August München (Atomic Café)

2. September Zürich (Abart)

Quelle: F.A.Z., 30.08.2007, Nr. 201 / Seite 36
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