01.09.2010 · Der Erfolg der britischen Band The XX hat etwas Rätselhaftes. Ihre Musik ist ebenso reduktionistisch wie ihre Bühnenshow, aber ihr Weniger-ist-mehr-Konzept begeistert alle möglichen Fans.
Von Eric PfeilDie Situation hat bei oberflächlicher Betrachtung etwas Bizarres: Da stehen etwa zweitausend auf Unterhaltung gestimmte Menschen im ausverkauften Kölner E-Werk; die Luft ist so schwül, dass alles am Körper klebt, entsprechend gut läuft der Bierausschank. Dann kommt die Band, und der Jubel ist groß. Aber was tut diese Band? The XX, das vielbejubelte Londoner Trio, steht beinah regungslos auf der Bühne, ganz in Schwarz, verströmt eher Schüchternheit als Lässigkeit und spielt Musik, die weniger zum enthemmten Mitklatschen als vielmehr dazu angetan zu sein scheint, sich mürben Gemüts mit ihr im Bett zu verkriechen.
Der Effekt, den die Musik von The XX gerade in dieser Halle auslöst, in der sonst zünftige Karnevalssitzungen abgehalten werden und Menschen zu beleidigend mittelmäßigem Post-Indie-Rock auf- und abhüpfen, ist beeindruckend: Es hören tatsächlich mal alle der Musik zu. Einer Musik, die teilweise so karg arrangiert ist, dass sie zu verschwinden droht. Und die immer dann am besten ist, wenn sie kurz vor dem Stillstand steht. Interessanterweise betont gerade der vermeintlich unpassende Rahmen noch das Besondere dieser Musik: Das Kleine und Verhuschte wirkt plötzlich geradezu erhaben. Man meint fast, die Bierbecher fallen zu hören. Trotz Pfand. Es ist grandios.
Eine Band, die für alle da ist
Der Erfolg von The XX gab anfangs Rätsel auf: Was fanden alle an diesen unterdurchbluteten, überschwangsbefreiten Songs? Was gefiel den Leuten an der spindeligen, oft nur auf einer Seite gespielten Hall-Gitarre, dem bettlägerigen Boy-Girl-Wechselgesang und den phlegmatischen Melodien? Die Antwort ist womöglich schlichter und banaler, als die Musik erwarten lassen würden und hat angesichts des strengen ästhetischen Konzepts dieser jungen Band etwas Irritierendes, aber: The XX, diese blassen Temperamentsverweigerer, sind für alle da.
Die zahlreichen Jungs und Mädchen in den American Apparel-Klamotten begreifen sie wohl als melancholische Alternative zu anderen zeitgenössischen Erfolgsbands wie The Drums oder den unsäglichen New Order-Epigonen Delphic, während nostalgisch gestimmte Indie-Veteranen zu Recht glauben, hier feine Anklänge an die Young Marble Giants oder die Shoegaze-Bands der Achtziger und frühen Neunziger auszumachen.
Das „Intro“ kommt nicht gleich anfangs
Der Anfang ist amüsant: Da das Repertoire begrenzt ist, muss ein wenig Zeit geschunden werden. Jamie Smith, der Rhythmusbeauftragte der Band, steht hinter einer Art DJ-Pult und klopft auf seinen elektronischen Drum-Pats herum, Romy Madley Croft und Oliver Sim, die sich den Gesang teilen, laufen noch ein wenig im von allen Konzertfotografen gefürchteten Nosferatu-Licht auf und ab. Erst dann erklingt „Intro“, dieses watteweiche, sehnsuchtsgetränkte Instrumentalstück zwischen Badalamenti und The Cure, das so gerne von jungen TV-Redakteuren zur Untermalung von Filmbeiträgen über Familienumzüge ins Ausland oder siechende Haustiere verwendet wird. Trotzdem: ein majestätisches Stück.
Es bleibt die am üppigsten arrangierte Nummer des Abends; in den extremsten Momenten des Konzerts sind mal nur der Doppel-Gesang, dann wieder ein paar elektronische Handclaps zu dünner Gitarre und gelegentlichen Bass-Tupfern zu hören. Doch gerade ihre Sparsamkeit macht The XX so raumgreifend. Die Weniger-ist-mehr-Phrase hat selten so gepasst wie an diesem Abend.