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Tod einer Musiklegende : Wenn Tauben lila Tränen weinen

Einer der letzten Unabhängigen der Popmusik in oft wechselnder Erscheinung: Prince (1958 bis 2016). Bild: UPPA/face to face

Er hat die Black Music in eine andere Umlaufbahn gespielt – und dabei alles selbst gemacht. Zum Tod des amerikanischen Pop-Genies Prince.

          Unter den Pop-Giganten war Prince musikalisch mit Abstand der kompletteste und produktivste. Zumal im Vergleich mit Madonna und Michael Jackson, mit denen er die achtziger Jahre als Mainstream-Trias beherrschte, zeigt sich seine Überlegenheit schon darin, dass er fast alles selbst machte: Songwriting, Instrumentierung, Arrangement, Produktion, Interpretation und Performance. Seit Stevie Wonder hatte niemand mehr eine solche Eigenständigkeit erreicht, seit Frank Zappa und James Brown niemand eine solche Macht über seine durchweg exzellenten Mitspieler, vor allem die in seiner Band The Revolution, auf die er dann doch nicht ganz verzichten konnte, obwohl er 25 Instrumente beherrschte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Plattenfirma Warner hatte dem Neunzehnjährigen einen Vertrag mit ungewöhnlich großen künstlerischen Freiheiten gegeben, die er zunächst zaghaft nutzte. Auf den ersten beiden Platten deutete er die Erneuerungsmöglichkeiten für Rhythm&Blues, Funk und Soul schon an, klang aber für seine Verhältnisse fast noch konventionell. Das Versprechen auf eine in vielerlei Hinsicht schillernde Zukunft aber war damit gegeben.

          Harter Rock, butterweicher Soul und tanzbarer R&B

          Und dann passierte es auch schon: Wie eine einzige, knapp einen Meter sechzig große, unglaublich schmutzige Phantasie kam Prince 1980 mit seiner dritten Platte „Dirty Mind“ über die Welt, um für sie fortan eine Palette aus Schockthemen, von Oralverkehr über Sadomaso, Gruppenvergnügungen und Transsexualität bis hin zur Inzucht, quasi im Dauerangebot zu haben. Die unerhörte Gewagtheit dieses ganz unverblümt artikulierten Sexkomplexes wurde durch Princes musikalisches Genie auf ein zunehmend massenverträgliches Maß heruntergemildert, fiel also immer weniger auf, ohne je an Delikatesse einzubüßen. Es war, seit diesem Album, Ton gewordene Pornographie, die allerdings erst mit Verzögerung das breite Publikum erreichte.

          Dies geschah 1984 mit „Purple Rain“, dem Soundtrack zu einem Spielfilm, den Prince generalstabsmäßig als Vehikel für seinen eigentlichen Durchbruch konstruiert und auch ganz richtig vorausgesehen hatte. Mochte die halbautobiographisch zusammenmontierte Handlung auch nicht weiter von Interesse sein – die Musik schwappte aus der Zitadelle eines bisher eher im Verborgenen wirkenden Tüftlers nun mit Macht über in den Mainstream und definierte ihn genauso neu wie kurz zuvor Michael Jacksons „Thriller“. Harter Rock, butterweicher Soul und tanzbarer R&B verteilten sich hier auf neun Lieder, unter denen „When Doves Cry“ sicherlich das beste, selbstbewussteste ist und der mit einem Oscar ausgezeichnete Titelsong mit zum Unwiderstehlich-Sentimentalsten dessen gehört, was die Popmusik überhaupt hervorgebracht hat.

          Hang zum Strichjungenhaften

          Bis heute kann es jeden erwischen und zum Weinen bringen wie ein Melodram von Douglas Sirk. Aus dem lederjackigen Motorrad-Lümmel, den Marlon Brando Anfang der Fünfziger als neuen Helden der Massenunterhaltung etabliert hatte, war ein lila schillerndes Vögelchen mit dünnem Bartflaum geworden, das sein ungleich durchtriebeneres Liedchen frech zwitscherte und damit mühelos die paar Männlichkeitsideale aus den Hörerhirnen blies, die der Glamrock unter der Anführerschaft David Bowies übersehen hatte.

          Prince bei einem seiner früheren Auftritte in Ohio im Januar 1985.
          Prince bei einem seiner früheren Auftritte in Ohio im Januar 1985. : Bild: AP

          Das seit je gültige Entertainmentprinzip aus Amüsierwillen und Schönheitskult war damit in ein neues Stadium getreten; von nun an konnte Prince machen, was er wollte, es wurde ein Massenerfolg und brachte ihm den Ruf des ersten schwarzen Rockstars seit Jimi Hendrix ein. Seine Verführungskraft, die aus seiner technischen Brillanz und seiner nur noch mit Michael Jackson vergleichbaren Körperbeherrschung allein nicht zu erklären ist, war allerdings ungleich größer als die aller seiner Vorgänger und Inspiratoren. Sie hatte sicherlich auch mit seinem psychedelisch verbrämten, wahrscheinlich in parodistischer Absicht zur Schau gestellten Hang zum Halbseidenen, Strichjungenhaften zu tun.

          Bloß keine Nähe

          In seiner winzigen Gestalt kam zusammen, was die Popmusik, vor allem die schwarze, seit den Fünfzigern ausgemacht hatte: die Geschlechtergrenzen aufreizend unterlaufende Exaltiertheit Little Richards, der musikalische Universalismus Stevie Wonders, die Funk-Durchschlagskraft James Browns, die Lüsternheit Marvin Gayes, die Unverfrorenheit Frank Zappas, die gewinnende Geschmeidigkeit Sammy Davis Juniors und die frauenunterwerfende Geste Ike Turners. Aus diesen Prägungen, Inspirationen, „Zutaten“, kurz: aus dieser Tradition schmiedete Prince im Alleingang etwas, das die Welt noch nicht gesehen hatte – ein quecksilbriges, vor Ideen sprühendes, musikalisch fast beängstigend souveränes Massenidol, das in jedem Moment seine Farbe und Garderobe wechseln konnte und gegen das Michael Jackson fast eindimensional wirkte.

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