04.09.2006 · Wenn man sich die ganze Nacht ruhelos hin und her gewälzt hat, dann ist es um 5.55 Uhr zu spät zum Schlafen und zu früh zum Aufstehen. Charlotte Gainsbourg kennt das Problem und hat aus ihrer Not eine Tugend gemacht - ein Album voll mit Schlafbrillenpop.
Von Eric PfeilHatten Sie jemals Schlafprobleme? Richtige Schlafprobleme? Es ist zermürbend wie sonst höchstens noch Liebeskummer. Man merkt schnell, wenn es mal wieder nichts wird: Man liegt da und findet die Position nicht, der Kopf überholt den Körper, so lange, bis selbst die harmlosesten Sorgen wie fünfköpfige Monster erscheinen. Man steht auf, verändert etwas im Zimmer, ißt vielleicht etwas oder macht sich Notizen. Leichte Hausarbeiten sollen auch helfen. Voller Hoffnung legt man sich wieder hin. Doch es ist wie verhext: Der Kopf rattert weiter, der Verstand verrennt sich, und der ganze Körper wird zu einem unkontrolliert zappelnden Appendix. Man sollte es eigentlich vermeiden, aber immer wieder wandert der Blick zum Wecker, dessen Digitalanzeige grausam die Zeit ins Dunkel stanzt: 1.30, 4.40, 5.55. Je bewußter die absurden Wachzeiten werden, desto verzweifelter wird das Ringen um Schlaf, desto unmöglicher wird es, doch noch einzuschlafen. Das kann nächtelang so gehen.
Auch die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg, 35, Tochter des verstorbenen französischen Komponisten Serge Gainsbourg und der Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin, schläft schlecht. Nach zwanzig Jahren Pause vom Musikgeschäft hat sie ihr zweites Album aufgenommen. Es heißt „5.55“, wie jene Uhrzeit, zu der alles zu spät und zu früh ist, und handelt von der Nacht. Mit all ihrer Schönheit und all ihrem Schrecken. Und man sieht dieser zerbrechlichen Frau die Schlaflosigkeit sofort an, wie sie da mit hängenden Armen vor einem steht. Charlotte Gainsbourg lächelt freundlich, aber scheu, läßt sich auf das Sofa ihrer Hotelsuite fallen und klemmt die Hände unter die Oberschenkel. Man würde ihr gern einen Apfel oder irgend etwas anderes Vitaminhaltiges anbieten. Sie ist mehr als nett: ein großes, liebenswertes Mädchen in Chucks, schlichtem Top und Röhrenjeans, mit dem man gerne mal einen Abend lang über Filme, Bücher und Musik einer Meinung wäre. Aber wahrscheinlich wäre sie zu müde dazu.
Flüstern und Säuseln
„Und ob ich Schlafprobleme habe“, lächelt Charlotte Gainsbourg, wohl wissend, wie sehr das Thema ihres Albums und ihre angeschlagene Erscheinung zusammenpassen. Ihr Gesicht macht dabei das, was nur das Gesicht von Charlotte Gainsbourg kann: Der kantige Kiefer und der kleine, zusammengepreßte Mund geben jeden Trotz auf und ziehen sich zu einem strahlenden Lächeln auseinander, wie man es noch nie gesehen hat. Trotzdem spricht sie extrem leise, sie flüstert fast. Kein Wunder bei den Eltern, diesen beiden Ikonen des popkulturellen Flüsterns. Und man schämt sich fast, daß man schon wieder bei dem berühmten Paar Gainsbourg/Birkin gelandet ist.
Doch Charlotte Gainsbourg kommt wie von selbst auf ihre Eltern zu sprechen - und wird intimer, als man erhofft hätte: „Ich nehme Schlaftabletten, um überhaupt irgendwie schlafen zu können. Meine Mutter hat mir die besten empfohlen, sie nimmt selbst seit dreißig Jahren Schlaftabletten.“ Gut ist das aber nicht! „Nein, aber ohne könnte ich gar nicht mehr schlafen. Ich liebe die Dinger, ich mag das Gefühl, so ausgeknockt zu werden. Es gibt nur einen echten Nachteil: Man wird furchtbar vergeßlich. Mein Hirn ist wie ein Sieb.“ Spricht da gerade die routinierte Schauspielerin, die hier mal eben charmant das tablettenabhängige Mädchen gibt? Immerhin ist Charlotte Gainsbourg doch auch zweifache Mutter und Ehefrau.
Musikalische Stippvisite
Daß es auf ihrem neuen Album um die Nacht gehen würde, war ihr schnell klar. Daß es überhaupt noch mal ein Album von Charlotte Gainsbourg geben würde, war lange viel ungewisser. 1986, als sie gerade fünfzehn war, erschien „Charlotte For Ever“, ein Soundtrackalbum, auf dem sie etliche Duette mit ihrem Vater singt, darunter das berühmt-berüchtigte pseudopädophile „Lemon Incest“. Im dazugehörigen Video liegen Vater und Tochter gemeinsam im Bett. Ein Skandal damals. Knapp fünf Jahre später starb Serge Gainsbourg.
„Mit meinem Vater ist auch meine Freude an der Musik gestorben“, sagt Charlotte und reibt unsicher ihre schmalen Hände. „Ohne ihn hat es keinen Spaß mehr gemacht. Ich mag ,Lemon Incest' bis heute sehr; mit meinem Vater zu singen ist eine der schönsten Erinnerungen, die ich habe.“ Doch da ist noch ein weiterer Grund, der die gefragte Schauspielerin zwanzig Jahre davon abgehalten hat, noch mal ein eigenes Album anzugehen: Charlotte Gainsbourg haßt ihre Stimme. „Das ist nicht kokett oder übertrieben, das ist einfach so“, lacht sie. „Wenn ich singe, fühle ich mich nicht auf sicherem Gebiet. Mein Vater war in der Musik zu Hause, ich bin hier eher ein Gast. Aber ehrlich gesagt: Mit der Schauspielerei ist es nicht viel anders. Es gibt in jedem meiner Filme etliche Szenen, bei denen ich mich winde, weil ich mich da nicht selbstbewußt bewege. Ich bin nie durchgehend gut. Bei dieser Platte war es so, daß wir über den Zeitraum eines Jahres aufgenommen haben, ich hatte also jede Menge Zeit, mich an meine Stimme zu gewöhnen.“
Perfekt interpretierte Gedanken
Mehrere prominente Unterstützer halfen bei der Umsetzung von „5.55“. Die Liste der Beteiligten liest sich, als hätte eine Agentur für Europop-Träume genau die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt versammelt: Die französischen Schaumschläger Air komponierten die Musik, der exzentrische Ex-Pulp-Sänger Jarvis Cocker lieferte die Texte, und Starproduzent Nigel Godrich (Radiohead, Beck, Paul McCartney) sorgte dafür, daß auch ein Album daraus wurde. Trotzdem ist „5.55“ keine Sammlung von Neo-Dandy-Projektionen, mit etwas Stil und ein bißchen Trash versetzt - die Platte folgt tatsächlich der Vision der Interpretin.
Und dennoch war vor allem Cocker für das Gelingen des Projekts verantwortlich: „Zunächst war ich nur mit Air im Studio. Die beiden dachten, alles liefe großartig. Aber ich war mal wieder vollkommen unsicher. Schließlich war für mich ja vor allem der Gesang und somit die Texte ausschlaggebend. Ich wußte, wovon ich erzählen wollte, aber ich bin einfach keine Texterin. Dann kam Jarvis ins Spiel. Ich erzählte ihm alles über mein nächtliches Wachliegen und gab ihm meine Notizen. Er nahm diese Notizen, die alle sehr intim waren, und verschwand. Als er wiederkam, hatte er aber nicht etwa mein Geschreibsel in Texte umgeformt. Ich finde, er hat meine Gedanken interpretiert und übersetzt.“
Ode an die Nacht
Es ist erstaunlich, was für ein dichtes Album „5.55“ geworden ist. Die Platte enthält elf Mal wunderbar einlullenden Schlafbrillenpop. „Too late to end it now, too early to start again“, singt Charlotte Gainsbourg im Titelstück. Doch es geht um mehr als nur um Schlaflosigkeit. Mal findet sich die somnambule Sängerin auf einem Nachtflug wieder, ein anderes Mal hat sie eine Geistererscheinung. Die Platte ist eine Ode an die Nacht, die immer wieder als Bild für einen Raum erscheint, der maximale Intimität und höchstmögliche Verletzbarkeit zuläßt. Immer wieder handeln die Stücke letztlich von Nähe, manchmal, so scheint es, von zuviel Nähe. Es ist ein einziges Säuseln und Flüstern; allerdings fehlt jede Anzüglichkeit - auf „5.55“ geht es, anders noch als bei Serge Gainsbourg, nicht um Sex. Zumindest nicht vorrangig.
Aber irgendwie will man bei dieser sympathischen, schüchternen Frau doch noch begreifen, wieviel an alldem Inszenierung ist; inwiefern das ewige Kind, das mit großen Augen gegen die Dunkelheit ansingt, eine weitere Rolle ist. „Natürlich mischt sich das. Es ist auch ein Stück Schauspiel, wenn ich diese Texte von Jarvis singe. Aber diese Person, die man da auf dieser Platte kennenlernt, das bin schon ich. Ich bin diese Musik.“
Nostaligische Musikliebhaberin
Das übergroße Erbe des Vaters hat nicht nur dafür gesorgt, daß Charlotte Gainsbourg lange keine Musik mehr machen wollte - sie wollte noch nicht einmal mehr Musik hören. Es konnte sie einfach nicht mehr begeistern. Heute ist es vor allem die Musik der sechziger Jahre, die sie berührt: „Natürlich mag ich auch Franz Ferdinand, aber ich bin sehr nostalgisch. Am liebsten höre ich die Beatles, Bob Dylan, Syd Barrett oder die Kinks.“ Sie lächelt bei jedem Musiker, den sie aufzählt, als würde allein das Aussprechen der Namen ihr kleine Glücksmomente bereiten.
Die Musik ihres Vaters allerdings kann sie nicht unschuldig hören. „Wenn etwas von ihm im Radio läuft, schalte ich ab. Es geht einfach nicht, das ist zu stark“. Und, nein, sie würde sich auch nicht fragen, wie er wohl ihr Album fände. Das wäre absurd. Bei Mutter Jane ist das anders. Die schicke ihr derzeit fast täglich eine neue SMS, in der sie einen anderen Lieblingssong vom Album nennt: „Tut mir leid, Schatz, Stück 4 ist doch das beste!“ Aber letztlich sei das unwichtig. Denn wenn sie etwas daraus gelernt habe, die Tochter zweier berühmter Menschen zu sein, dann dieses: „Es ist enorm wichtig, seinen Eltern nicht gefallen zu wollen.“