25.09.2006 · Sie ist gerade neunzehn, bestürzend schön und die Tochter des berühmten Schriftsteller-Ehepaars Paul Auster und Siri Hustvedt: Sophie Auster hat eine Platte mit coolem Gesang und geheimnisvollen Texten aufgenommen.
Von Joachim HentschelWas für ein Feuilleton-Thema: Die 19jährige Frau, um die es geht, ist erstens die Tochter eines in Europa unwahrscheinlich beliebten Schriftsteller-Ehepaars aus New York. Die Tochter, die zweitens an einer Schauspielkarriere arbeitet, tritt jetzt drittens auch als Sängerin auf - sie singt akkordeonverfeinerte, Kurt-Weill-inspirierte Neo-Chansons. Viertens stammt der Großteil der Liedtexte aus dem Repertoire französischer Dichter wie Guillaume Apollinaire und Philippe Soupault, fünftens hat der berühmte Vater die Gedichte mit eigener Feder ins Englische übersetzt. Und sechstens hat die junge Frau auch selbst zwei Texte geschrieben. In einem fordert sie den Liebhaber auf, sie zu verschlingen und immer bei sich zu tragen.
Das Kurzprofil von Sophie Auster, der Tochter von Siri Hustvedt und Paul Auster, klingt wie eine Allmachtsphantasie aus der „Arte“-Montagskonferenz. Es könnte aber auch eine Passage aus einem Paul-Auster-Roman sein, wo ja oft Charaktere auftauchen, die so konstruiert wirken wie Playmobil-Figuren. Der hohe Stil entgleitet den Berichterstattern immer erst dann, wenn sie auf die Äußerlichkeiten von Sophie Auster zu sprechen kommen. Wer da nicht aufpaßt, landet schnell beim Jargon der gemäßigten Männerpresse.
Ihre „perfekten Oberschenkel“
Dem Korrespondenten der „Weltwoche“ zum Beispiel wurde ganz heiß, als die junge Frau während des Interviews an ihrem Rocksaum herumzupfte und dabei kurz ihre, Zitat, „perfekten Oberschenkel“ entblößte. Sophie Auster ist eine so bestürzend schöne Person, daß dies zum besseren Verständnis erwähnt werden muß - vor allem die großen Augen, auf denen wie französische Akzentzeichen die dunklen Brauen sitzen, die sie vom Vater geerbt hat. Sophie Auster hat eines der besonderen Gesichter, die in Schwarzweiß noch besser aussehen als in Farbe.
Also ist es besser und sicherer, am Telefon mit ihr zu sprechen. Sophie Auster fragt höflich, ob sie auf der anderen Leitung noch kurz den Freund verabschieden dürfe. Sie hat mittlerweile eine eigene Wohnung, doch im Moment sitzt sie in genau dem Wohnzimmer in genau dem schlanken Backsteinhaus im Brooklyn-Schriftsteller-Bezirk Park Slope, das in ungezählten Homestories über Hustvedt und Auster im Detail beschrieben wurde. Sie raucht, obwohl die Leute immer sagen, daß sie damit doch ihre Stimme kaputtmache. Was Sophie Auster schön und simpel kommentiert: „Ich bin jung. Ich kann mir noch erlauben, Sachen zu tun, die schlecht für mich sind.“
Papa, bitte! Ich gebe gerade ein Interview!
Sie lacht nicht nur nach jedem vollendeten Gedanken. Manchmal lacht Sophie Auster auch synchron während des Sprechens, schelmisch oder verschüchtert, schwer zu sagen. Und an einer Stelle platzt im Hintergrund tatsächlich der Vater dazwischen, und sie verdreht gut hörbar die großen Augen und sagt: „Papa, bitte! Ich gebe gerade ein Interview!“ Es ist alles einfach zu schön, um wahr zu sein. Man wird die Vorstellung nicht los, daß Paul Auster absichtlich hinter der angelehnten Tür auf diesen Auftritt gewartet hat. Daß die kleine Störung ein postmoderner Gag sein sollte, damit der Anrufer bloß nicht vergißt, die privaten und die künstlerischen Aspekte dieser Geschichte miteinander zu verwechseln.
Sophie Auster kam 1987 zur Welt, exakt in dem Jahr, als die „New York Trilogy“ ihres Vaters in der bekannten Fassung erschien, fünf Jahre vor Siri Hustvedts erstem Roman „The Blindfold“. Mit acht bekam die Tochter Gesangsunterricht, angeblich auf eigenen Wunsch, ab zwölf nahm sie Schauspielstunden. Schon mit zehn hatte sie eine winzige Rolle in „Lulu on the Bridge“, dem sphärisch mißlungenen Regiedebüt des Vaters. Betteln mußte sie um gar nichts. Paul Auster lernte das New Yorker Musiker-Duo One Ring Zero kennen, empfahl die damals 16jährige Tochter als Sängerin. Und weil Sophie zu der Zeit für den College-Abschluß lernen mußte, nebenher in die Theatergruppe ging und die Songtexte nicht fertigbekam, suchte der Vater die alten Franzosen aus der Schatulle, deren Gedichte die Tochter so hübsch surreal findet.
Man muß ein Geheimnis aufbauen
Die Musik, die jetzt als Album namens „Sophie Auster“ erschienen ist, sei als privater Spaß gedacht gewesen. Aber als Paul Auster seiner französischen Verlegerin eine CD-Kopie von Sophies Gesängen schenkte, war er sich wohl sicher, daß die Frau den Wink verstehen und die Platte veröffentlichen würde. Mittlerweile, so schätzen die Eltern, habe Sophie schon mehr Interviews gegeben als sie beide zusammen. „Sie geben mir Tips“, sagt sie. „Sie haben mir beigebracht, daß man bei Journalisten nie alle Karten auf den Tisch legt. Man muß ein Geheimnis um sich herum aufbauen.“
Eine Journalistin des britischen „Daily Telegraph“ glaubt, in einem von Sophie Austers Texten ein solches Geheimnis entdeckt zu haben. „The Door“ heißt das Stück, in dem die Erzählerin ein schreiendes Kind findet und einen Moment später selbst erstickend am Boden liegt. Ein Hinweis auf Sophies Halbbruder Daniel? Austers Sohn aus erster Ehe war 1998 in den brutalen Mord an einem New Yorker Drogendealer verstrickt. Die Familie wollte den Fall nie kommentieren, aber - hier überschreiten wir wieder elegant die Grenze zwischen Kunst und Leben - Siri Hustvedt und Paul Auster haben beide in späteren Romanen Figuren auftreten lassen, die das Schicksal des Problemkinds explizit nachspielen mußten.
Die junge Frau als literarische Figur
Man könnte Sophie Austers Geschichte als typischen Lebenslauf einer Bildungsbürgertochter verstehen. Das wäre allerdings langweilig. Und wer die Leitsätze des postmodernen Denkens zur Abwechslung mal richtig ernst nimmt, muß der Versuchung erliegen, die junge Frau gleich als literarische Figur zu sehen - sie ist ja, streng biologisch, das Werk zweier Schriftsteller. Wenn Sophie Auster also sagt, daß ihre vom Vater angeschobene Karriere „reiner Zufall“ sei, dann denkt man, ob man will oder nicht: ach ja, der Zufall, das alte Paul-Auster-Motiv. Es wäre ein Wunder, wenn nicht bald ein Roman erscheinen würde, in dem eine junge Sängerin mit demselben Namen Paris erobert.
Verglichen mit der Sängerin kommt einem die CD dann sonderbar geheimnislos vor. One Ring Zero, die Freunde des Vaters, haben offenbar alle europäischen Musikklischees gesammelt, die auf einen Einkaufszettel gepaßt haben: Songwriter-Piano, Spaghetti-Western-Gitarre, Akkordeon, Stopftrompete. Das Album wirkt wie der gefällige Soundtrack zu einem Knopfaugenfilm à la „Amélie“, eine allerliebst zu hörende Nichtigkeit. Das beste daran ist der Gesang. Sophie Auster hat die Stimme für Musical-Liebesszenen, singt die dramatischen Wörter trotzdem denkbar cool. Für die nächste Platte wird sie alle Texte und Lieder selbst schreiben, bemerkt sie mit bissigem Unterton. Vielleicht platzt dann die literarische Blase, und Sophie Auster wird doch noch als Autorin ihrer eigenen Geschichte erkennbar. Zuzutrauen wäre es ihr.