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Pop Mutters Einziger

01.10.2008 ·  Es ist noch etwas Leben im Independent-Rock: Justin Vernon gastierte mit Bon Iver in Köln. Als sie spielten, war es so still, dass man Bierflaschen umfallen hören könnte. Vollblutmusiker trafen auf ein Vollblutpublikum.

Von Eric Pfeil
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Das Kölner Gebäude 9 ist die wohl einzige Konzertlokalität in der ganzen Stadt, wo immer so viele Bierflaschen gleichzeitig geöffnet sind, dass einem der Pilsgeruch schon beim Betreten des Raums entgegenweht. Gleichzeitig ist dieser rustikale Laden von allen Clubs der Stadt derjenige, in der die Dichte herausragender Konzerte vermutlich am höchsten ist; auf das Glanzlicht, das an diesem Dienstagabend gesetzt wurde, dürfte aber wohl kaum einer der rund dreihundert Anwesenden gefasst gewesen sein.

Auf den ersten Eindruck ist Bon Iver, das Projekt des Multi-Instrumentalisten Justin Vernon, nur ein weiterer musikalischer Bartträgerverbund, der irgendwo in den Jagdgründen zwischen holzbockiger Americana und störrischer Psychedelic wildert. Anders aber als etwa Iron & Wine oder Devendra Banhart ist Vernons bislang einziges Album, das er im vorletzten Winter in der Einsamkeit einer Jagdhütte in Wisconsin im Alleingang aufnahm, weitaus weniger klassizistisch und offen hippieesk.

Behaarte Mietzahlungsprobleme

Der sechsundzwanzigjährige Vernon, so meint man zu hören, kommt eindeutig vom Independent-Rock der neunziger Jahre, dessen Rappeligkeit und Larmoyanz man ständig in diesen seltsam strukturierten Liedern ausmachen kann. Während bei anderen Schraten seines Schlages das fortgeschrittene Musikantentum bisweilen fast zwingend ins Epigonale führt, scheint aber gerade seine Ungelenkheit ihn zu so ungehört schöner Musik zu befähigen. Manchmal erinnert sein wunderbares Album an ein wagemutig konstruiertes Traumschloss, in das es überall hineinregnet.

Erwartungsgemäß eröffnen Bon Iver den Abend mit „Flume“, dem ersten Stück des Albums „For Emma, Forever Ago“. Vernon, das war zu erwarten, ist mit Bart und sich lichtender, strubbeliger Bettfrisur äußerlich ein Vertreter der Mietzahlungsproblematiker-Zunft und wirkt, als wäre er gerade aufgestanden. Auch seine Mitmusiker stehen dem ungehinderten Haarwuchs eher aufgeschlossen gegenüber – abgesehen vom zweiten Gitarristen, der aussieht, als zählte er freudig die Tage bis zum Abitur.

Vollblutmusik

Zart schrammelt die Gitarre, und Vernons heisere Falsett-Stimme setzt ein: „I am my mother’s only one / It’s enough“. Bis jetzt klingt es fast vertraut; so vertraut wie eine Gruselgeschichte, durch die der Geist Will Oldhams spukt. Ohrenbetäubend laut bohrt sich plötzlich das Feedback der zweiten Gitarre nach vorne, überlagert alles – und verschwindet wieder. Dann setzt das Schlagzeug ein: schlicht rumpelnd, aber von einer unfasslichen Wucht. So wird es weitergehen: Jedes Instrument wird mit fast kindlichem Entdeckungsgeist behandelt und mit enormer Prägnanz gespielt; manchmal brechen einzelne Klänge herein, als wären sie das Schicksal selbst, und der vierstimmige Gesang klingt wie das Weinen eingemauerter Gespenster. Ausdruck und Intensität scheinen hier alles, Technik nichts zu sein. Doch der Schein trügt.

Wenn je die Formulierung vom gebannten Publikum gepasst hat, dann wohl hier: Die Zuhörer – überwiegend erstaunlich junge Vertreter jener Indie-Hörerschaft, die noch nicht an Partyabende mit den Kaiser Chiefs und ihren Freunden verlorengegangen sind – sind mucksmäuschenstill; nach den Stücken entlädt sich ohrenbetäubender Jubel, ein paar Männer gesetzteren Alters rufen „Bravo!“. Je länger Bon Iver spielen, desto deutlicher wird: Diese Herren haben sich nicht zusammengetan, um unter der Tarnung unausgeschlafenen Künstlertums Mädchen kennenzulernen; Justin Vernon und seine Begleiter sind Vollblutmusiker. Und ihr spröder Gestus ist ein Konzept: Ohne weiteres könnten sie hier ein zünftiges Roots-Set vom Stapel lassen – aber warum, wenn man doch durch Verschiebung der Akzente so brüllend schöne Musik machen kann?

Eine Stunde dauert das Konzert, das von den Musikern fast vollständig im Sitzen gespielt wird; am Schluss ringt Vernon um Worte des Dankes. Die Ausnahme-Band hatte ein Ausnahme-Publikum: Während der Lieder war es so still, man konnte die Bierflaschen umfallen hören.

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