22.10.2009 · Auch in den tiefsten Kerker der Seele dringt noch ein Lichtstrahl: Die Londoner Folkrockband Mumford & Sons ist gekommen, um uns von unserer Verzweiflung zu erlösen. Selten hat Musik zuletzt zu solchen Hoffnungen Anlass gegeben.
Von Richard KämmerlingsDer Seufzer ist kein Ende. Tröstet es denn die Verlassene, dass alle Männer Betrüger sind? „Sigh no more, ladies, sigh no more / Men were deceivers ever / One foot in sea and one on shore, / To one thing constant never.“ Shakepeares Lied aus „Viel Lärm um Nichts“ war 1600 state of the art der Pop-Lyrik und ist es heute immer noch. Der Mensch ist ein wankelmütiges Wesen, singt das Londoner Quartett Mumford & Sons in „Sigh No More“, dem ersten Stück seines gleichnamigen Debütalbums, dessen Grundfarbe ein von winzigen hellen Schlieren durchzogenes Schwarz ist.
Ob es ein göttlicher Funke in tiefster Finsternis, ein unveräußerlicher Kern der Hoffnung oder einfach die Kraft die Musik selbst ist, die sich der Verzweiflung entgegenstemmt, muss vorerst offen bleiben. „Sigh No More“ beginnt, wie viele Stücke des Albums, ganz leise und zurückgenommen. Eine gezupfte Akustikgitarre, dann setzt der vierstimmige Männergesang ein, aus dem Mumfords bluesige, an Robbie Robertson von „The Band“ erinnernde Stimme nicht zu aufdringlich herausragt. Mit dem viermal wie eine liturgische Formel wiederholten „Man is a giddy thing“ nimmt das Stück plötzlich eine schmerzhafte Intensität an, die sich in eine spirituelle Ekstase steigert und unter rasend schnellen Banjoläufen die wahre Liebe als Befreiung feiert: „Love that will not betray you, dismay or enslave you, / It will set you free / Be more like the man you were made to be.“
Man darf noch an die Rettung glauben
Das Erbe des Bluegrass und der religiösen, befreiungstheologischen Folklore verschmelzen Mumford & Sons mit Rock-Elementen zu einer inbrünstigen Musik, die auch ohne die Unterstützung eines herkömmlichen Schlagzeugs rhythmische Energie aufbaut und schubweise abgibt. Form und Inhalt werden dabei in grandioser Weise aufeinander bezogen: In „Roll Away Your Stone“ ringen nach dem Intro zwei Rhythmen um die Vorherrschaft wie die zwei Verlorenen, die sich im Text gegenseitig stützen und durch die Dunkelheit führen. Und in „White Blank Page“, einem quälenden Ringen um Schuld und Sühne, steht die Stimme plötzlich wie beim jüngsten Gericht einer Stimmwand aus „Rage“ gegenüber. Wie überhaupt der Backgroundgesang eine dramaturgisch zentrale Funktion einnimmt und tatsächlich wie beim Dramen-Chor ein dem Einzelnen gegenübertretendes Kollektiv verkörpert - als Strafgericht oder als Halt bietende Gemeinschaft von Leidensgenossen.
In der aufrüttelnden Single „Little Lion Man“ wird das Hymnische am strengsten in die Liedform zurückgebunden. Ähnlich wie bei den phänomenalen Two Gallants aus San Francisco fressen sich auch schillernde bis kryptische Songzeilen ins Gedächtnis wie Brandzeichen. Anders aber als die beiden kalifornischen Cowboy-Existentialisten lassen Mumford & Sons zu den tief in den Kerkern der eigenen Seele Geworfenen immer noch einen Lichtstrahl dringen, der angesichts der umgebenden Dunkelheit plötzlich zum Vorschein triumphaler und endgültiger Rettung wird.
Zeit ohne Tränen
Ein sehr ernstes Verständnis von Verzweiflung und Erlösung grundiert diese Musik, die in ihrer Gebrochenheit weit entfernt ist von jeder Sakro-Pop-Seligkeit. In „Awake My Soul“ singt Marcus Mumford: „In these bodies we will live, / in these bodies we will die / Where you invest your love, / you invest your life“ - was denkbar banal klingt, wird zu einem beschwörenden Anruf, der unter dem Ausbleiben einer definitiven Antwort zu zerbrechen droht.
Ihren Höhepunkt findet diese Platte kurz vor dem Ende: „Dust Bowl Dance“ ist pathetische Anklage und furiose Rachephantasie zugleich. Der tragische Western-Topos einer aus den Fugen geratenen Ordnung, die ein Einzelner durch das Opfer seiner eigenen Unschuld gewaltsam wiederherstellen muss, wird hier in ein Song-Epos konzentriert, das in knapp fünf Minuten alle Seelenzustände von der finstersten Apathie zur hellsten Empörung durchläuft. Am Ende entlädt sich die Wut in brachialen Drum-Faustschlägen. Doch hat die Gewalt nicht das letzte Wort; im Epilog „After the Storm“ wird noch einmal die unverbrüchliche Erwartung auf eine Zeit ohne Tränen beschworen.
Selten hat Musik zuletzt zu solchen Hoffnungen Anlass gegeben. Diese Platte ist ein großes Kunstwerk, das alle Trauer und Niedergeschlagenheit zerlegt, bündelt und schließlich in ihr Gegenteil umschlagen lässt. Shakespeare hatte das auch schon verstanden: „Then sigh not so, but let them go / And be you blithe and bonny, / Converting all your sounds of woe / Into Hey nonny, nonny.“