02.09.2008 · Musik aus jenem weiten aufgewühlten wüsten Land, von dem Erwachsene kaum noch bewusste Kenntnis haben: Die Lieder der achtzehnjährigen Anja Plaschg, Künstlername „Soap & Skin“, erzählen von Lebensscheu und allzu früher Verlorenheit.
Von Eberhard RathgebEin Übel nennt Vergil in der „Aeneis“ die Fama, klein aus Furcht am Beginn, doch rasch fremde Städte erreichend, auf Bäume kletternd, immerzu wachsend und schließlich mit dem Scheitel in den Himmel stoßend. Damals hatten die Medien noch Beine, das Medium war tatsächlich die Botschaft. Heute verbreiten sich Gerüchte anders, auch gute Gerüchte, die man dankbar empfängt. Ein gutes Gerücht lief seit einiger Zeit Anja Plaschg vorneweg. Sie macht unter dem Künstlernamen Soap & Skin Musik und gab am Freitag ein Konzert auf dem Sommerfestival Kampnagel in Hamburg. Ihre erste CD soll im Januar nächsten Jahres erscheinen, eine Single wird voraussichtlich Ende dieses Monats vorliegen, darauf zu hören: „The Sun“. Dieses Lied kann man auf Myspace anklicken (http://www.myspace.com/soapandskin).
Anja Plaschg ist achtzehn Jahre alt. Sie gibt Konzerte, seit sie sechzehn ist. Von diesen Konzerten stieg die gute Fama für all jene auf, die nicht dabei sein konnten, und verbreitete sich - wenn auch nicht so rasch wie bei Vergil, nachdem Dido und Aeneas, um die Geschichte kurz zu vervollständigen, miteinander ins Bett gegangen waren.
Balance zwischen den Extremen
Ein Teil der Jugend auch hierzulande wird diesen Sommer mit den Songs der schottischen Liedermacherin Amy Macdonald verbracht haben. Deren schnelle Rhythmen sorgen für jenes gute Daseinsgefühl, das rundum lebenstauglich ist. Es hält die von Aristoteles und dem alten Foucault geforderte Balance zwischen den Extremen. Psychisch gesehen handelt es sich um die Omnipotenzphantasien der Karrieristen und Streber einerseits und die Traurigkeit der Selbstverlorenen und Loser andererseits. „This is the Life“ hieß das Lied des existentiellen Mittelstandes in den heißen Tagen. Der Sommer ist vorbei, ein stifterscher Nachsommer, mithin ausgereifte Selbsterkenntnis und Selbstbildung, wird allerorten, von Jung wie Alt, gern übersprungen. Es steht ein dem Lauf der Dinge entsprechend sterbenssüchtiger Herbst ins Haus, von dem Rilke sagt: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“.
Über diese anrückenden dunklen Tage könnte ein junges Gemüt von Soap & Skin vor allem mit zwei Liedern, eben „The Sun“ und „When I was a Child“, hinweggetragen werden. Vorausgesetzt, es zählt zu jenen empfindsamen Gemütern, denen die melancholische Stimmung, die einfrierende Trauer über alles auf der Welt nicht abhandengekommen ist. Eine Stimmung, die einen in der Jugend, im besten Falle unregelmäßig, überfallen und für lange Stunden in den Griff kriegen kann. Man wird dann dahocken, vor sich hin stieren und alles, was noch gar nicht begonnen hatte, verlorengeben. Anja Plaschgs Lieder strömen jenes überschäumende Pathos aus, von dem, meistens in den Jahren der Adoleszenz, erfüllt ist, wer schon am Zwang zum konkreten Lebenslauf zu leiden beginnt.
Unter Schweinen
Ein Laptop steht auf dem Klavier, das sie, wie Geige und Flöte, spielt. Sie ist auf einem Hof in dem keine zweitausend Einwohner zählenden Dorf Gnas in der Steiermark aufgewachsen. Ihr Vater hat dort unten eine Schweinezucht mit tausend Tieren, deren Laute sie in eines ihrer Lieder eingefügt hat. Ungezählte Katzen müssen dort auch rumlaufen. Auf einem Bild kann man Anja Plaschg, die einen anämischen Eindruck macht, unter Schweinen wie unter Freunden sitzen sehen. Sie hat in Gnas, zusammen mit ihrer Schwester, die Musikschule besucht, dort aber bis zum Alter von zwölf Jahren keine besonderen Erfolge am Klavier aufzuweisen gehabt. Die Klavierlehrerin, erzählt sie, habe ihr sogar geraten, das Klavierspielen zu lassen. Bis dann in ihr etwas wie ein Durchbruch geschah und sie darauf viele Stunden täglich am Klavier verbrachte und Unterricht bei einem für sie aus Graz engagierten Pianisten erhielt.
Mit vierzehn Jahren ging sie in ein Mädchenpensionat in das vierzig Kilometer entfernt gelegene Graz, was auch nicht das Ende aller ihrer Sehnsüchte bedeuten konnte. Sie machte sich von dort mit sechzehn Jahren auf nach Wien, wurde an der Kunstakademie angenommen. Sie geht in die Klasse von Daniel Richter. Eine österreichische Doppelbegabung. Diese Geschichte klingt ein wenig, als wäre Anja Plaschg die kleine Schwester jenes genialen in einem vorarlbergischen Dorf geborenen und wahrscheinlich längst vergessenen Musikers Johannes Elias Adler. Diesen Adler hat es real gar nicht gegeben, er hat aber in den jugendhaften Gefilden der um das eigene noch keimende Selbst kreisenden Einbildungen und Wünsche offensichtlich einmal eine ernstzunehmende Rolle gespielt. Denn ansonsten wäre der Roman „Schlafes Bruder“, den der österreichische Schriftsteller Robert Schneider 1992 veröffentlichte, nicht so erfolgreich gewesen.
Lieder wie auf Wogen
Neben dem Klavier stehen Blumen, weiße Lilien. Man muss jetzt nicht wissen, dass die Lilie ein Symbol der Reinheit und des Todes ist, das ahnt man. Anja Plaschg, klein und zierlich, mit einer mächtigen dunklen Haarmähne und einem schüchternen, manchmal fast verschreckt wirkenden Gesichtsausdruck, als wäre sie ein Wolfsmädchen aus der Steiermark, ist ganz in Schwarz gekleidet. In Deutschland ist sie in diesem Jahr hier und dort schon aufgetreten, im März im „Golden Pudel Club“ in Hamburg-Altona, im April in Frankfurt am Main. Im Oktober wird sie in den Sophiensälen in Berlin zu hören sein.
Dem wahrhaft Schwermütigen versagt häufig die Stimme, als wäre schon ein lautes Wort ein schamloses Zugeständnis an die Existenz. Und so wundert es einen nicht, dass Anja Plaschg, die ihre Lieder vom verzagten zitternden Flüstern bis zum selbstbewussten und selbstüberwindenden Aufheulen wie auf Wogen treiben lässt, sich der Melodik und der Elektronik in einer gleichsam nur monologisierenden Weise bedient - als würde sie in einem hallenden Brunnenschacht sitzen, den jeder sich vorstellen kann, der einmal erfahren hat, was Depressionen sind, und ins tellergroße Tageslicht hinaufsingen, lang hingeschleifte, manchmal wie Magma herausgeschleuderte Stoßgebete.
Wüstes Land
Die Lieder, die sie an jenem Abend gespielt hat, machten allesamt den Eindruck, als schwebten sie über jenem weiten aufgewühlten wüsten Land, von dem Erwachsene kaum noch bewusste Kenntnis haben, wo Einsamkeit die gemeinsame Lebensform und Verletzung der gängige Kollateralschaden ist: „When I was a child / I rend my tongue distraught / as a child / I killed my thoughts and bored with a bough / in my spiracle“, heißt das bei ihr. Gelungene Plappermäuler wissen nicht, was es bedeutet, eine eigene Stimme zu akzeptieren.
Als die Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller vor rund dreißig Jahren ihr Buch „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ publizierte, machte sie sofort Furore mit der dort vertretenen und adoleszenten Studenten wie Butter auf der Seele zerschmelzenden Ansicht, dass alle erzieherischen Anforderungen an das Kind nur dessen Besonderheiten zerstören würden. Eine ähnliche, den Seelenschmerz mit romantischer Wucht aufreißende Wirkung geht auch von Anja Plaschgs Musik aus, in deren gleichsam in nur eine Richtung rasendem Gefühlssturm einem abseits Stehenden bang um die junge Künstlerin werden könnte. Wie in ihren Exaltationen und Verweigerungen sich gefallende Pubertierende, so sind auch diese wenigen Lieder nicht allesamt ausgereift - Lieder, die von gefühlten ersten und letzten Dingen zu berichten scheinen und deren Grundelement die Auflösung, die Auslöschung ist. Die Stücke enden in einem wie zufälligen Nichts, in einem gleichsam lebensenergielosen Ausklingen eines Tones.
Ganz allein auf der Welt
Anja Plaschg spricht so gut wie kein Wort zum Publikum, sie macht keine Ankündigungen, sie gibt keine Erklärungen, und schon das Wort Witz würde vor ihren Füßen zu Staub zerrieseln. Sie spielt ihre Lieder ohne Pause, faltet dann die Hände, verbeugt sich rasch und verlässt, als wäre sie eine periphere Erscheinung aus einem Stundenbuch, den Blickfang der Bühne. Die österreichische Schmerzensfrau ist in ihrer Musik, deren affektiv eindrückliche, mitunter veristisch gedachte und deshalb schlichte Melodik von brüllendem Tier und tätigem Mensch zerritzte Landschaften evoziert - weit entfernt von dem üblichen Zauberwerk urbaner Zusammenballungen -, ganz allein auf der Welt.
In dieser mitunter fatalen, in den Jahren der Jugend fixierten, nur schwer veränderbaren unmittelbaren Nähe von Ausdruck und Eindruck kann man eine der psychischen Lasten des pubertären Werdens sehen. Und gerade dieses vehemente Zusammenklappen von Eindruck und Ausdruck erinnert einen daran, dass Frühvollendung - und mag es auch ein Image, ein äußeres Bild, sein, das mit einer Art Imago, einem inneren Bild, zusammenfällt - nur der euphemistische Begriff dafür ist, dass in diesen Fällen nicht gelingt, was man lebensgeschichtlich und lebensweltlich Formwerdung nennen kann: Figur in einem Kontext zu werden und damit aus dem nur sich selbst suchenden, nur sich selbst beschreibenden Monolog herauszukommen.
Eine der schönsten Stimmen für diese komplizierte Genesis der Seele gehört Anja Plaschg.
Eberhard Rathgeb Jahrgang 1959, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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