27.09.2006 · Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Das rätselhafte Pop-Phantom Peter Licht singt inzwischen vor Publikum. Licht präsentiert sich als Clown, Agitator - und als Dichter.
Von Richard KämmerlingsAusgerechnet beim „Lied gegen die Schwerkraft“ verliert er die Bodenhaftung: „Die Schwerkraft ist überbewertet / man braucht sie gar nicht / wie man ja wohl am Weltraum sieht“, so weit reicht es noch, und dann verhaut sich Peter Licht im Text, setzt neu an, singt wieder falsch, bis das souverän weitersingende Publikum im Frankfurter Mousonturm dem Autor auf die Sprünge hilft: „Und die Sonne / kocht auch nur mit Wasser / die soll sich nicht so aufspielen / die gelbe Sau.“ Womit kocht Peter Licht, der „Sonnendeck“-Sänger?
Bei Peter Licht ist man den Verdacht nie losgeworden, einer großen Scharlatanerie aufzusitzen. Als er im Sommer 2000 mit dem Elektro-Popsong „Sonnendeck“ einen Überraschungshit landete, erzeugt er gerade dadurch besonders großes Gewese um seine Person, daß er keinerlei Fotos oder biographische Fakten an die Öffentlichkeit dringen ließ. Auf seinem ersten Album „Vierzehn Lieder“ empfahl er programmatisch, die „Popkultur“ und überhaupt „Bilder von Menschen, die vor Kameras Sachen machen“, zu „meiden“, und selbst nach der Veröffentlichung seiner dritten Platte und eines Begleitbüchleins ließ er sich im Mai bei Harald Schmidt nur bis zum Kinn aufwärts filmen. War hier ein provokanter Medienkritiker am Werk und nur ein geschickter Selbstpromoter, der seinen verspielt-absurden Texten mit einer Verweigerungsstrategie den Schutzumschlag „Konzeptkunst“ umband?
Wir regelten unsere Dinge übers Geld
Als Licht nun aus dem Schatten heraustritt, wundert er sich prompt darüber, daß es da im Publikum „so dunkel“ ist. Fotografieren darf man bei seiner ersten Konzert- und Lesetournee trotzden immer noch nicht; selbst über Fotohandysouvenirs wacht die Security. Licht bleibt der „Wolf im Fuzzypelz“, der gar nicht so sei, wie er ist. Oder nicht so sein will? Da steht ein kleiner, eher unscheinbarer junger Mann mit Schlaumeierbrille und Wandergitarre am Mikro, liest mit hastiger und wenig geübter Stimme experimentelle humoristische Kurzprosa, um danach das „Lied vom Ende des Kapitalismus“, Titelstück des neuen Albums, anzustimmen: „Weißt Du noch, wir fuhren mit dem Sonnenwagen über das Firmament / und wir pflückten das Zeug aus den Regalen aus den Läden und wir waren komplett / weißt du noch, wir regelten unsere Dinge übers Geld.“
Von zwei sicheren Musikern am Klavier und Baß beziehungsweise E-Gitarre begleitet, gibt Licht den Klampfer und Protestsänger, den fuzzypelzigen Osterhasen auf dem Ostermarsch, der dem aufnahmebereiten Publikum manches bunte Ei ins Nest legt. „Es bleibt uns der Wind“ etwa klingt zwar irgendwie nach der Mutter aller Protestlieder, aber nach einigen politisch klingenden Textfragmenten („der Terror ist der der der der der das Unternehmen leitet“) folgt ein Credo wie: „Wer saufen kann, kann auch ausschlafen.“ Und die „alte Tante Wohlfahrtsstaat“, die zusammen mit den „alten Göttern“, „dem Gesetz vom Wachstum“ oder auch der „Nachkriegszeit“ verabschiedet wird, gehört einfach ebenso zur schrecklich netten Licht-Familie wie die „Mutter aller Parties“ oder die überraschend zu Besuch kommende „transsylvanische Tante“.
Kein Macht für Interpreten
Lichts Texte könnte man „politikidentisch“ nennen, so wie Aromastoffe in Gummibärchen „naturidentisch“ sind. Sie spielen auf Parolen und Slogans nur an, ohne daß tiefere Bedeutung von Scherz, Satire und Ironie zu trennen wäre. So muß man gar nicht genau wissen, wie das ätzende Achtundsechziger-Bashing („jedes Böhnchen marschiert durch ein Institutiönchen“) mit dem anarchistischen Mutmacher-Pathos eines neuen Stücks wie „Wir werden siegen“ zusammengeht, der den „Ton Steine Scherben“-Klassiker „Rauch-Haus-Song“ zitiert: „Und die Leute in unseren Köpfen riefen: Ihr kriegt uns hier nicht raus.“ Und da ist man noch gar nicht bei den reinen Dada-Songs wie „Wettentspannen“ angelangt. Kein Macht für Niemand, schon gar nicht für Interpreten!
Offenbar hatte Lichts Scheinwerferscheu nicht nur strategische Gründe. Mit der Bühnenpräsenz eines Jura-Studenten bei der Zwischenprüfung wirkt Licht vor allem in der ersten Konzerthälfte fahrig und nervös und singt mitunter schauerlich falsch, was er mit dem Charme des Dilettanten wettzumachen versucht - deutscher Anti-Folk ohne den Helge-Schneider-Klamauk. Doch aus dieser Verteidigungsstellung heraus gelingt es ihm, den Saal in seinen Bann zu schlagen: „Das nächste Lied handelt von zwei Flugzeugen, die in zwei große Häuser reinfliegen“, sagt er das Stück „Stratosphärenlieder“ an, das gerade durch die Diskrepanz zwischen dem Stoff und seiner entspannt-fröhlichen Popheiterkeit die Würde eines Klageliedes gewinnt.
Bitte bildet Kleingruppen
Wo Licht aber ernst wird, darf man ihn am wenigsten beim Wort nehmen. Zur Halbzeit des mehrfach von kleinen Leseeinlagen unterbrochenen Konzerts verteilt er wie ein Lehrer beim Vokabeltest einen Stapel Kopien („Wenn die nicht reichen, könnt ihr Kleingruppen bilden“), läßt das Saallicht anschalten, greift wahrhaftig zur Sitar und nimmt den kompletten Text von „Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ durch, bis alle den Refrain auch ohne Begleitung weitersingen: der Clown als Agitator. „Bedankt euch bei euch selber, bei euren eigenen Sorgen!“
Unerwartet nimmt das Konzert danach Fahrt auf, und je lockerer Licht wird, desto souveräner und ungekünstelter wirkt seine Anti-Star-Attitüde. „Sonnendeck“ gibt die Band als Indiegeschrammel à la „Blumfeld“; beim pathetischen „Das ist unsere Zeit“ fühlt man sich an die Gänsehautästhetik von Ostrock-Bands wie „Karat“erinnert. Wie überhaupt viele Licht-Texte so klingen, als seien sie unter Zensurbedingungen geschrieben und müßten ihre wahren, gefährlichen Botschaften in codierter Form an anonyme Empfänger schmuggeln - jedes Wort ein Wolf im Fuzzypelz.
„Und vor der Türe / stehn in den Gärten / die Blüten / wie Zweifel“ - die Strophen von „Gerader Weg“ sind kryptisch, aber schön. Der - in Frankfurt, der Heimatstadt der Kritischen Theorie, naturgemäß bejubelte - Refrain ist von Licht als unbescheidenes Motto gemeint: „Es gibt einen geraden Weg“, das Richtige im Falschen. In der Sprache aber ist der gerade, der unverfälschte, der unverdorbene Weg das Gegenteil von Klartext, nämlich Poesie. Peter Licht ist gar kein Rätsel, sondern ein Dichter.