23.09.2008 · The Hold Steady gelten als angesagteste Bar-Band Amerikas. Sie sind das Andere des Indierock, das Imaginäre zum Symbolischen, das in sich selbst Ruhende gegenüber der Diskursbeflissenheit - stets auf dem Weg nach vorn in die Heilsgeschichte. Und sie haben eine neue Platte gemacht.
Von Oliver JungenAlter ist irrelevant, sofern du keine Flasche Wein bist, hat Joan Collins einmal verkündet, jene hyperamerikanische Hochglanzdiva, die in den Achtzigern ein Bildschirmbiest mit aufgeschminktem Lächeln war, bevor sie dem dann doch zudringlicher werdenden Alter mit Memoiren und Schönheitsratgebern zu entkommen versuchte. Auch die messianisch auftrumpfenden Dorian Grays des Indiepop haben das Alter auf den Dachboden ihrer Rockstarpsyche verbannt. Vieles lebt hier von der vitalen Wiederbelebung der alten Posen, von einer Suspension der Vergänglichkeit: Die Gitarre kennt nur Revolutionäre, und die werden so jung gefressen wie Fußballer.
Aber dann gibt es da The Hold Steady aus Brooklyn: das genaue Gegenteil von Dandyismus. Fünf stabile Mittdreißiger, die uns und Frau Denver-Clan mitteilen: Doch, wir sind Weinflaschen, werden schwermütiger mit den Jahren - und wertvoller. Höchst intelligent, manchmal vielleicht sogar zu sehr, sind die Textfragmente der seit Jahren von der Kritik gefeierten, doch erst seit ihrem letzten, aufregenden Album „Boys and Girls in America“ (2007) zum breiten Publikum durchgedrungenen Band um Sänger Craig Finn (Tad Kubler: Lead Guitar; Bobby Drake: Drums; Franz Nicolay: Keyboards und Galen Polivka: Bass): Die Situationen durchschaut man oft nur halb, aber die Atmosphäre ist immer so stimmig, als stammte sie aus der eigenen Erinnerung.
Seid positiv und konstruktiv
Wenn man das ehrliche Bildnis seiner selbst nicht fürchtet, stellt sich geläuterter Optimismus ein, durch die Hölle gegangene Euphorie. So heißt denn die noch irritierender als sonst nach dem frühen Bruce Springsteen klingende vierte Platte von The Hold Steady schlicht „Stay Positive“. Sie beginnt mit einer Explosion des Tatendrangs, einer Ode an den Wiederaufbau: „Constructive Summer“, sich monumental erhebend über dem Strebewerk kathedralisch ineinander verkeilter Gitarrenriffs. Selbstermahnung und Selbstermannung ist die Botschaft: „We're gonna build something this summer“.
Eine Musenanrufung aber ist es nicht minder. Und welcher Musen! Abgesehen vom allgegenwärtigen Boss ist schon der Titel eine Ehrbezeigung gegenüber Hüsker Düs Hit „Celebrated Summer“. Joe Strummer, Heros von The Clash, rauscht als „einzig anständiger Lehrer“ vorüber und reimt sich glücklicherweise auf „summer“. Paukenschlag und Verneigung zugleich sind schon die ersten Zeilen, der größte Songeinstieg wohl seit „Born to Run“: „Me and my friends are like / the drums on ,Lust for Life'“. Genau so, so treibend, so aufwühlend und so wuchtig wie Iggy Pops entfesselte Lebenslust wirkt das kraftvolle, von John Agnello produzierte Album von The Hold Steady. Die Selbstverortung im überzeitlichen Rockkosmos geht weiter. In „Joke About Jamaica“ etwa wird Led Zeppelins „D'yer Mak'er“ gedacht.
Blick zurück nach vorn
Wichtiger ist, dass die dichten Texte dem rhythmischen Sturm und Drang oft entgegenzustehen scheinen. Wenn sie auch diesmal empathisch ums Altern kreisen, so doch ebenfalls wieder um Alkohol, Gewalt, religiöse Exzesse, selbst Kreuzigungen begegnen mehrfach. An einer Stelle ertönt der wohl noch nie vernommene Appell: „Baby, let's transverberate“. Auf die Herzdurchstoßung mit dem Schwert der göttlichen Liebe spielt das an, welche Theresa von Avila in mystischer Ekstase widerfuhr. Oft befinden sich hier tragische Heldinnen in tragenden Rollen, erinnern sich an Schreckliches. Und immer schwingt Melancholie mit, das „Größeres wolltest auch du“. Stets aber steht der Niedergezwungene wieder auf: „We could all be something bigger“. Der Blick zurück ist eigentlich einer nach vorn, ein heilsgeschichtlicher.
Katholische Obertöne haben die meisten Stücke. Der Blick nach vorn leugnet nichts. Das gilt nicht zuletzt auch musikalisch: Wer spielt heute noch erdigen Classic-Rock, der mit Klimperpiano, Cembalo, Streichern und Banjo aufgedonnert ist wie eine alte Vettel mit Make-up? Wer pflegt heute eine sprechsingende Schmirgeleisenstimme? Wer den Predigergestus? Dass sich The Hold Steady just in dem Moment formierten, als unweit die verteufelt jungen und allseits (nicht einmal zu Unrecht) beknieten Strokes den Garagensound zum Jugendkult erhoben, scheint so erstaunlich wie folgerichtig: Sie sind das Andere des Indierock, das Imaginäre zum Symbolischen, das in sich selbst Ruhende gegenüber der Diskursbeflissenheit. Für diese Authentizität werden sie geliebt.
Alles schlägt um sich
Weit war der Weg, doch heute gelten The Hold Steady als angesagteste Bar-Band Amerikas. Kaum war das neue Album auf dem Markt, da traten die fünf Rockmusiker in David Lettermans Show auf. Große Belustigung, als im Vorabeinspieler der stämmige, bebrillte, wenig attraktive Comedian Andy Kindler das Phänomen Superstar, dem die Frauen zu Füßen liegen, ergründet. Plötzlich Craig Finn gegenüberstehend, rief er aus: „You look like me.“ In der Tat, da standen die beiden zum Verwechseln ähnlichen Mainzelmännchen: zwei Amphitryons, zwei Lottchen oder, amerikanisch ausgedrückt, ein gutgelaunter Doppelwhopper. Auszusehen wie der Bankangestellte, der er vor kurzem noch war, gehört zum Echtheitsprogramm dieses Sängers, dem man auch seine Zweifel abnimmt. In der Mitte des Albums plötzlich das Hiobsmotiv: „Lord, I'm Discouraged“. Er hadert mit Gott, der Erzähler, dem der Alkohol die Frau genommen hat.
1977 hat John Cassavetes mit „Opening Night“ einen programmatischen Film gedreht, in dem Gena Rowlands als gealterte Theaterdiva an ihrer Rolle verzweifelt: „Slapped Actress“ nennen The Hold Steady das letzte, diesem Film gewidmete Stück ihres umwerfenden Albums (vor den drei Bonustracks). Wer hier schlägt, das ist zunächst einmal die Wirklichkeit. Sie schlägt ein auf die Kunst. Aber das tut sie - in einem Film.
Immer ist da das Rettende auch, die Gegenstimme zur Verfallserzählung: Wir selbst sind die Schauspieler, der Staub im Scheinwerferkegel, das Theater, der Projektor, das versteckte Bildnis. Und dann steht da zum Schluss ein Fels in der Brandung, Finns letzte Worte: „Man, we make our own movies“. Dann ist ja alles gut, will man denken, während sich das Maschinendröhnen ins Chorisch-Sphärische auflöst.