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Pop français Der erste Samba von Paris

05.04.2004 ·  In einer fliegenden Citroën DS von Saint-Germain nach St. Barthelemy - Coralie Clément, Julie Delpy, Jane Birkin und ihre Tochter Charlotte Gainsbourg singen die Lieder der Saison.

Von Niklas Maak
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Es gab, als die Sängerin Jane Birkin vor einiger Zeit in Paris auftrat, eine Szene, da stand sie im Rampenlicht ganz vorn auf der Bühne und hielt das Mikrophon in die Höhe, und so, wie sie es tat, erinnerte sie an die kleine Freiheitsstatue, die nicht weit entfernt auf der Seineinsel vor dem Gebäude von Radio France steht und mit ihrer Fackel in Richtung New York winkt - und vielleicht war dieser Moment einer, der die Situation der neuen französischen Musik auf den Punkt brachte: eine englische Schauspielerin, die Ende der sechziger Jahre in Frankreich als Sängerin berühmt wurde und nun wie ein Gruß an die neue Welt auf einer Pariser Bühne stand.

Seit einiger Zeit gibt es - mit Air und Daft Punk einerseits, Benjamin Biolay und Carla Bruni andererseits - in Frankreich eine Musikbewegung, die sich nicht mehr darauf beschränkt, alte Chansontraditionen unbeirrt in die Gegenwart zu schleifen oder aber in einem wütenden Akt der Überaffirmation den amerikanischen Pop so gut zu frankophonisieren, wie es eben geht; seit einiger Zeit gibt es eine französische Musik, in der sich Folk und Pop, Samba und Chanson zu ungehörten Dingen vermischen; in der Amerika, Brasilien und Frankreich nicht mehr so seltsam unzusammenhängend wie ein Cafe noir neben einem Bagel und einer Kokosnuß stehen, sondern so klingen, als gehörten sie schon immer zusammen.

Ein anderes Frankreich

Es gab schon einmal diese Form von selbstbewußter Sehnsucht nach dem angloamerikanischen Sprachraum in der französischen Musik - bei Charles Aznavour, als er "You are the one for me, for me, for me, formidable / You are my love very, very, very, veritable" sang, oder eben in den Liedern, die die 1946 in London geborene Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin 1969 mit Serge Gainsbourg sang. Birkin, die 1966 mit ihrer Rolle in Antonionis "Blow Up" bekannt wurde, verkörperte mit ihrer spitzen, überdrehten Stimme ein anderes Frankreich, eines, in dem der britische und amerikanische Pop Einzug gehalten und sich auf das Beste mit dem genialischen örtlichen, existentialistisch dunklen Gebrummel verbunden hatte, für das wie kein anderer Birkins große Liebe, der Komponist, Kettenraucher und Chaospoet Serge Gainsbourg, stand.

Jetzt, 35 Jahre später, hat die Pionierin der Internationalisierung des französischen Chansons ein Album voller Duette aufgenommen, darunter eine großartige Coverversion von Bryan Ferrys Roxy-Music-Song "In every dreamhome a heartache", der hier noch finsterer und elegischer als das Original klingt, dazu ein italienisches Duett mit Paolo Conte und ein brasilianisches mit Caetano Veloso. "Rendez-Vous" ist ein spannendes, hier und da aber auch reichlich düsteres Album, in dem einem ehemalige Gutelaunekracher wie Michel Delpechs "Pour un flirt avec toi" wie musikalische Untote entgegengeschlurft kommen; zumindest bei diesem Lied möchte man schnell den Hebel von "33" auf "45" schalten, was beim CD-Player ja leider nicht mehr funktioniert.

Countrymusik und Chanson vermählt

Anders als die britische Schauspielerin Birkin geht ihre 1969, im Jahr von Birkins legendärem Hit "Je t'aime - moi non plus" geborene französische Kollegin Julie Delpy zu Werk. Ihr erstes Album wurde in Frankreich als Sensation gefeiert, obwohl noch immer nicht die (völlig begründete) Begeisterung über das musikalische Debüt des Ex-Models Carla Bruni verraucht war. Mit der muß sich die singende Schauspielerin Delpy, die seit 1993 in Los Angeles lebt, nun immer vergleichen lassen, was ihr zum Teil mißgünstige Kritiken einbrachte - dabei sind viele Lieder auf ihrem Album von einer vergleichbar konzentrierten Schönheit. Wie Benjamin Biolay, der mit seinem Konzeptalbum "Rose Kennedy" vor zwei Jahren die französische Amerikasehnsucht als erster wiederaufleben ließ; wie Biolay singt auch Delpy einfache, bisweilen von pathetischen Hintergrundwogen untermalte Lieder zur Gitarre, die meisten davon in einem sehr charmanten, französisch eingefärbten Englisch, in dem "Mister Unhappy" schon einmal so klingt, als schreibe man ihn "Mystere unhappy", was wiederum den Kern des Liedes trifft.

Eines der besten Lieder auf Delpys Debütalbum ist aber das französische "Je t'aime tant", das gleichzeitig, mit seinen Banjoklängen, das amerikanischste Lied ist und erstmals Countrymusik mit dem Chanson vermählt, als wäre beides ohneeinander nicht denkbar; das eher dem Rock verbundene "She don't care" klingt, als habe man Sheryl Crow aus einem ihrer Lieder herausgebeten und Delpy ans Mikro gelassen, und wie bei Biolay finden sich auf Delpys Album nicht nur Chansons mit Cowboyhut, sondern auch Lieder, in denen sich die französische Melancholie im brasilianischen Sambatakt bewegt. Delpys entschlossene, ätherisch schwebende Stimme erinnert an Astrud Gilberto, Flora Purim und die junge Cher; in dem schönsten Lied des Albums, "An Ocean Apart", hallt sie allein mit einer Gitarre durch den Refrain, der vom traurigen Ende einer großen Liebe erzählt. "You promised we'll never break up over the telephone, you said our love was stronger than an ocean apart / Time goes by and people lie / and everything goes too fast."

Mit Samtpantoffeln gesungen

Die gleiche Mischung aus Samba und Chanson prägt auch das neue Album "Salle des Pas Perdus" von Coralie Clément. Sie ist die jüngere Schwester von Benjamin Biolay, der ihr die Lieder auf den Leib beziehungsweise ihre sehr zarte Stimme geschneidert hat - und auch hier beweist Biolay wieder einmal, wie mühelos es ihm gelingt, ein Lied mit einer Mischung aus Country und Brassens-Chanson beginnen und als leichten Walzer enden zu lassen. Ein wirkliches Meisterwerk des französischen Easy Listening ist "L'ombre et la lumière", das mindestens so gelassen und großartig klingt, als schwebe man an einem angenehm tropischen Abend an Bord einer fliegenden Citroën DS über die Dächer von Saint-Germain bis an einen einsamen Strand auf St. Barthelemy.

Coralie Clément singt, als schlendere sie mit Samtpantoffeln über die Noten, eine Eigenschaft, die sie mit Etienne Daho verbindet, dessen dunkeläugige Pop-Chansons in den achtziger Jahren ähnlich desaströse Auswirkungen auf die Gefühlswelt seiner Fans hatten wie der Film "La Boum". Auf seinem soeben erschienenen Album "Réévolution" singt Daho im Duett mit Charlotte Gainsbourg, der Tochter von Serge und Jane Birkin, das Duett "If", ein Lied in einer britisch-französischen Phantasiesprache ("If intrusif, plus combatif, sous sedatifs en soins intensifs, cherche le motif") - was auch eine Hommage der Tochter an die Mutter Jane ist, die 1969 mit ihren Liedern die amerikanische Weite ins französische Gefühlslabyrinth brachte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.04.2004, Nr. 14 / Seite 25
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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