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100 Jahre Ella Fitzgerald: Zum Tanzen zu schüchtern, zum Singen geboren

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Hundert Jahre Queen of Jazz

Von JULIA BÄHR und FRIDTJOF KÜCHEMANN

25. April 2017 · Von der obdachlosen Halbwaise zur Königin: Ella Fitzgeralds Leben war so aufregend wie ihre Stimme. Heute wäre sie hundert Jahre alt geworden.

Dass Ella Fitzgerald als Sängerin berühmt wurde, ist nur ihrem Lampenfieber zu verdanken. 1934 nämlich trat sie bei einer der ersten Amateur Nights im New Yorker Apollo Theater auf, einer inzwischen legendären Talentshow. Dort wollte die siebzehnjährige Ella vortanzen. Aber dann trat ein Tanzduo namens The Edwards Sisters auf und schüchterte sie mit ihrer glänzenden Performance so ein, dass ihr die Knie zitterten. Aber mit zitternden Knien kann man nicht tanzen. Also sang sie – und sie gewann.

Als Preis erhielt sie 25 Dollar. Den zweiten Teil des Preises, eine Woche lang im Apollo Theater auftreten zu dürfen, enthielt man ihr allerdings vor. Sie sah schlicht zu abgerissen aus, um im Apollo Theater auftreten zu dürfen. Denn dieser Sieg fiel in die schwerste Phase ihres Lebens: Zwei Jahre zuvor war ihre Mutter gestorben, ihr Stiefvater soll sie schlecht behandelt oder gar missbraucht haben, deshalb kam sie schließlich zu ihrer Tante. Sie begann die Schule zu schwänzen und nahm Jobs in der Halbwelt an, arbeitete unter anderem als Aufpasserin in einem Bordell. Als sie von der Polizei aufgegriffen wurde, kam sie in ein Waisenheim für schwarze Kinder in der Bronx. Doch das Waisenheim platzte aus allen Nähten, deshalb brachte man sie in eine Lehranstalt für straffällig gewordene Mädchen. Von dort lief sie weg und war für einige Zeit obdachlos.

Dass aus Ella Fitzgerald mit dieser Jugend alles mögliche hätte werden können – zum Beispiel Tänzerin, wie geplant – ist schwer vorstellbar, wenn man heute ihre Stimme hört. Denn dann kann man sich für diese Frau nichts anderes vorstellen als das: Sie möge bitte ihr Leben lang so viel singen wie möglich. Und genau das hat sie getan. „The only thing better than singing is more singing“, sagte sie einst.

Ihr großes Idol war dabei Connee Boswell von den Boswell Sisters. So wollte sie klingen: fröhlich und leicht, aber mit vollem, kräftigem Klang.

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© YouTube/Alan Eichler Connee Boswell singt Fats Wallers „Ain't Misbehavin“ und Gershwins „Embraceable You“ in einem Live-Auftritt im Fernsehen, begleitet vom Paul Whiteman Orchestra (1951)

Denn die ganz schwere Kost, das stellte sich bald heraus, war nicht Ella Fitzgeralds Ding. Sie schwärmte zwar genug für Billie Holiday, um sie um ein Autogramm zu bitten, doch in ihre Fußstapfen treten wollte sie nicht. Billie Holiday prangerte mit „Strange Fruit“ Rassismus und Unterdrückung an. Ella Fitzgerald war erst spät mit Rassismus überhaupt in Berührung gekommen und ignorierte ihn zeitlebens, so gut sie konnte. Ihr Geschenk an junge schwarze Frauen waren keine kämpferischen oder anklagenden Lieder, sondern der Beweis, den ihr eigenes Leben erbrachte: Ihr könnt es schaffen, ihr könnt euren Weg gehen, so wie ich.

© Picture-Alliance Ella Fitzgerald, 1940 und 1949

Ihr erstes dauerhaftes Engagement gab ihr 1935 der Schlagzeuger und Bandleader Chick Webb. Von ihrer Erscheinung war er zwar nicht begeistert: Sie sah sehr jung und noch immer etwas abgerissen aus. Aber dem Publikum gefiel sie bei den zwei Auftritten, die er ihr als Bewährungsprobe zugestand – und den Orchestermusikern ebenfalls. Mit ihnen schrieb sie auch ihren ersten Hit: „A-Tisket, A-Tasket“ geht auf einen Kinderreim zurück und passte zu ihrem jugendlichen Aussehen.

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© YouTube/Classic Mood Experience Ella Fitzgerald: „A-Tisket, A-Tasket“, erstmals aufgenommen 1938

Fast hundertfünfzig Lieder nahm Ella Fitzgerald mit dem Orchester auf. Als Chick Webb 1939 starb, übernahm sie seine Rolle. Doch da sie keine Noten lesen konnte, war sie nicht die ideale Bandleaderin. Drei Jahre später machte sie solo weiter. In dieser Zeit ließ sie den Swing hinter sich, stieg auf Bebop um und erweiterte ihren Gesang ganz wesentlich: Sie lernte von Dizzy Gillespie scatten, also wie ein Instrument über die Musik zu improvisieren. Worte spielen dabei keine Rolle, nur die Töne zählen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Dizzy Gillespie ihr das beibrachte: Er spielte Trompete, und so ähnlich wollte auch Fitzgerald beim Scatten klingen. Sie erlangte große Meisterschaft darin. „Ich habe mich bei allem bedient, was ich jemals gehört habe“, sagte sie, „aber am meisten habe ich bei den Trompeten geklaut.“

Jazz-Improvisationen sind ein Spiel – mit der Melodie, mehr aber noch mit den Harmonien, die einem Stück zugrunde liegen. Ein Spiel mit Abwandlungen, Ausreißversuchen und Antäuschungen. Dass sie auch ein Spiel mit der Uneindeutigkeit sind, dafür sorgen die Blue Notes: zusätzliche Töne in Tonleitern, die dafür sorgen, dass auf einmal gar nicht mehr so klar ist, ob es hier um Dur oder Moll geht oder welcher Leitton gilt. Und selbst die klarsten Intervalle einer Tonleiter, die reine Quarte und die reine Quinte, bekommen mit der übermäßigen Quarte noch einen Ton dazwischengeschoben, der dem Schönen, Braven und Glatten in der Musik einen starken Strich durch die Rechnung macht.

© F.A.Z., Andreas Brand Die Krücke für Menschen ohne Blues

Trotz ihrer erstaunlichen stimmlichen Fähigkeiten hatte Ella Fitzgerald kein Problem damit, hinter die Komposition zurückzutreten. 1956 nahm sie ihr erstes Songbook auf: mit Liedern von Cole Porter. Es folgten acht weitere, unter anderem mit Liedern von Duke Ellington und den Brüdern Gershwin. Diese Aufnahmen trugen dazu bei, dass die Stücke der Komponisten zu absoluten Jazz-Klassikern avancierten. Frank Sinatra war so beeindruckt, dass er seiner Plattenfirma untersagte, seine Aufnahmen nach Komponisten sortiert neu zu veröffentlichen: Er wollte keine eigenen Songbooks veröffentlichen, weil es ihre bereits gab. „Der beste Weg, einen musikalischen Abend zu beginnen, ist mit diesem Mädchen. Besser wird es nicht“, sagte er über sie.

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© YouTube/finetunes Jazz Ella Fitzgerald singt „Night and Day“ von Cole Porter

Privat war die Sängerin ebenso freiheitsliebend wie beim Improvisieren. 1941 heiratete sie den Hafenarbeiter Benny Kornegay, ließ die Ehe jedoch schon nach zwei Jahren annullieren, als sie erfuhr, dass er mit Drogen dealte. 1947 ging sie mit dem Bassisten und Cellisten Ray Brown die Ehe ein. Die beiden adoptierten gemeinsam das Baby ihrer Halbschwester Frances, ehe sie sich 1953 scheiden ließen. Auf der Bühne traten sie weiterhin gemeinsam auf. Keine dieser Jahreszahlen gilt als gesichert, die Angaben differieren um bis zu zwei Jahre. Lediglich Vermutungen gibt es darüber, ob Ella Fitzgerald 1957 ein drittes Mal heiratete, einen jungen Norweger. Nachdem er wegen Diebstahls verurteilt wurde, endete diese Beziehung jedoch.

Ihre musikalischen Partnerschaften waren da schon deutlich erfolgreicher. Sie nahm mehrere Alben mit Louis Armstrong auf und arbeitete mit allen Jazz-Größen ihrer Zeit zusammen, häufig mit Count Basie, Duke Ellington, Oscar Peterson. In den siebziger und achtziger Jahren tourte sie mit großer Ausdauer und Leidenschaft, erst ab 1990 gab sie das Tourleben aus gesundheitlichen Gründen auf.

  • © Picture-Alliance Auf ihrer ersten Europa-Tournee, 1952
  • © Picture-Alliance An der Trompete mit Roy Eldridge, 1954
  • © Picture-Alliance Mit ihrem Fan Marilyn Monroe, 1954
  • © Picture-Alliance Mit Vera Lynn und Oscar Peterson in der Royal Albert Hall, 1955
  • © Picture-Alliance Bei der Bambi-Preisverleihung in München, 1967
  • © Picture-Alliance Bei einem Konzert im Züricher Volkshaus, 1968
  • © Picture-Alliance Mit Louis Armstrong im Waldorf Astoria, 1971
  • © Picture-Alliance Bei „Evening at Pops“ in den siebziger Jahren
  • © Picture-Alliance Bei einem Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle, 1974
  • © Picture-Alliance Beim Jazzfestival in Montreux mit Keter Betts am Bass und Tommy Flanagan am Klavier, 1975
  • © Picture-Alliance Mit Gitarrist Joe Pass bei einem Auftritt in Hamburg, 1977
  • © Picture-Alliance Im Hallenstadion von Zürich, 1984
  • © Picture-Alliance Mit Placido Domingo, Red Buttons und Frank Sinatra (v.l.n.r.) in der Radio City Music Hall, 1986
  • © Picture-Alliance Mit Paul McCartney bei der Grammy-Verleihung 1990
  • © Picture-Alliance Mit dem Astrophysiker Stephen Hawking bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Harvard, 1990
  • © Picture-Alliance Porträtfoto von 1990

1993 mussten ihr als Folge eines schweren Diabetes beide Unterschenkel amputiert werden. Drei Jahre später starb sie in Beverly Hills. Im Nachruf dieser Zeitung wurden ihre Live-Konzerte gerühmt: „Ella Fitzgerald versprühte bei ihren Auftritten eine gerade entfesselte Musizierlust. Die rasanten Tempi, der ansteckende Swing, die sichere Intonation, die Equilibristik der Intervallsprünge, das phantastische Improvisationsvermögen, der Witz der spontanen Reaktionen - die Konzerte waren Festakte der Lebensbejahung, bewußt angerichtet auch, denn Ella wollte immer und unbedingt dem Publikum gefallen und es keineswegs erziehen."

Dabei soll Ella Fitzgerald recht schüchtern gewesen sein. „Ich will nichts Falsches sagen, trotzdem passiert es mir immer“, bekannte sie, „aber ich denke, beim Singen stelle ich mich besser an.“ Auch an wohltätigen Projekten beteiligte sie sich eher still. Besonders die Unterstützung der medizinischen Versorgung lag ihr am Herzen, deshalb beteiligte sie sich unter anderem an der Finanzierung der American Heart Association. Bei aller Zurückhaltung: Ihr Lampenfieber zu bewältigen, gelang ihr schließlich. „Ich weiß, ich bin kein Glamourgirl, und es ist nicht einfach für mich, vor einem großen Publikum zu stehen”, erzählte sie. „Früher hat es mich sehr belastet, aber jetzt habe ich mir klar gemacht, dass Gott mir dieses Talent gegeben hat, damit ich es benutze. Also stehe ich einfach da und singe.”

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© YouTube/BergerGallTV Hommage an Ella Fitzgerald: France Gall singt „Ella, elle l’a“ (1987)



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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 25.04.2017 10:41 Uhr