08.09.2006 · Die Musik ist es nicht allein, die Robbie Williams und Justin Timberlake zu Objekten weiblicher Begierde macht. Der Sitz des Herrenanzugs aus aktuellem Anlaß nachgemessen: Timberlakes neues Album „Future Sex/Love Sounds“.
Von Julia BährWenn Künstler gemeinsam mit ihren Fans erwachsen werden, müssen sie sich meistens rasant von niedlich nach sexy entwickeln. Christina Aguilera ist so ein Beispiel: Das nette, blonde Nachbarsmädchen war plötzlich ein Vamp und verkündete permanent ungefragt, es sei sich seiner Sexualität jetzt bewußt und fühle sich so wohl damit, daß es die ganze Welt daran teilhaben lassen wolle. Männer in der gleichen Situation können sich ein bißchen mehr Subtilität erlauben.
Robbie Williams und Justin Timberlake fanden sich beide mit einundzwanzig Jahren ihres Boy-Group-Daseins überdrüssig und nahmen eigene Platten auf. Ihre Erhebung in den Stand eines angebeteten Ladykillers erfolgte parallel durch Drogenskandale, Frauengeschichten und alles andere, was einen Mann in der Glitzerwelt attraktiv macht. Mittlerweile scheint der Ruhm bei beiden eine Art Trotzreaktion ausgelöst zu haben. Ihre aktuellen Singles schreien jede für sich: „Seht nur her, ich kann auch anders!“ Daß anders nicht immer besser sein muß, demonstrieren sie gemeinsam.
Sie sind echte Kerle
Williams scheitert mit „Rudebox“ kläglich an der Disziplin des Rap und wirbt im Text derart schamlos für Adidas, daß deren Bezahlung für das Name-dropping höher sein muß als der Betrag, den er durch den Verkauf der CD im Idealfall verdienen könnte. Timberlake profiliert sich währenddessen mit „Sexyback“ als Philip Glass der Beat-Moderne und berichtet mit penetranter Redundanz von Hüften, die ein Lächeln auf sein Gesicht zaubern. Jetzt erscheint sein neues Album „Future Sex/Love Sounds“, das er auch in Deutschland kürzlich schon live vorgestellt hat.
Damit sei die musikalische Auseinandersetzung abgeschlossen - sie spielt längst keine große Rolle mehr für den Starkult um die beiden Sänger. War es für beide zu Beginn noch wichtig, sich von der Vergangenheit bei „Take That“ beziehungsweise deren Erben „N'Sync“ abzugrenzen und gegen die Soloplatten der anderen Bandmitglieder durchzusetzen, zählt mittlerweile nur mehr die Person. Die Konkurrenz aus den eigenen Reihen ist auf der Strecke geblieben. Die ehemaligen aus zahnspangenbewehrten Mündern kreischenden Boy-Group-Fans sind inzwischen hormonell fortgeschritten genug, um auf echte Kerle zu stehen. Freilich hat Williams neun Jahre Altersvorsprung in Sachen Virilität, die er auf seinen Konzerten wie eine Zirkusnummer vorführt. Justin Timberlake orientiert sich noch immer stärker an Vorbildern: Er ist ein großer Fan von Michael Jackson. Das merkt man seiner Performance an.
Der Hauruck-Charme von Robbie
Robbie Williams hingegen gibt sich wie ein großer Fan seiner selbst. Seine ungeheure Anziehungskraft resultiert einerseits aus dieser zur Schau gestellten Selbstverliebtheit, die kaum Zweifel an seiner Person aufkommen läßt. In dieser Begeisterung für seine großen Posen, seine kumpelhaft-ironische Mimik und seinen Hauruck-Charme liegt die größte Gemeinsamkeit von Williams und seinen Anhängern. Andererseits ist so manche Frau versucht, nach dem Prinzen in der Bestie zu fahnden: Wenn sie nur den richtigen Weg fände, könnte sie diesen zerrissenen Menschen mit Alkoholproblem und Depressionen zu einem ausgeglichenen Familienvater machen - und das, noch bevor er jenseits der Borderline landet.
Das allerdings wäre das Ende von Williams' Karriere. Wer jemals eine Verfilmung von „Die Schöne und das Biest“ gesehen hat, spürt heute noch den schalen Geschmack der Enttäuschung in dem Moment, als sich das aufregende, kernige Biest in einen faden, weichgesichtigen Prinzen verwandelt. Robbie Williams ist kein domestizierter Prinz. Er ist undurchsichtig, fordert ständig Aufmerksamkeit, läßt sich nicht greifen und ist gerade dadurch so gefährlich wie ein in einem zwielichtigen Club ungesehen gemixter Cocktail, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob nicht jemand bewußtseinsverändernde Tabletten hineingebröselt hat.
Die perfekten Augenbrauen von Justine
Justin Timberlake dagegen ist ein Milchkaffee in der Sonne. Wäre er ein Mädchen, hätte er eine große Karriere als Cheerleader vor sich gehabt. So aber vertritt er den Typus des leicht androgynen Hip-Hop-Lehrlings, der perfekt tanzt, perfekt angezogen ist und immer die perfekten Produzenten im Boot hat. Timberlake führt außerdem eine perfekte Beziehung mit der ungemein erfolgreichen Schauspielerin Cameron Diaz, hat perfekt gezupfte Augenbrauen sowie eine perfekte Kopfstimme und sagt absolut nie etwas, das als plakativ oder polarisierend eingestuft werden könnte.
Überhaupt sagt er recht wenig in der Öffentlichkeit. Während Robbie Williams gerne über eigene homosexuelle Neigungen, Fußball und sein Verhältnis zu „Oasis“ schwadroniert, hält Timberlake sich stets bedeckt. Für sein Auftreten gibt es zwei mögliche Erklärungen: Erstens: Justin Timberlake hat keine Persönlichkeit. Oder, zweitens, Justin Timberlake hat Persönlichkeit und darüber hinaus auch noch so viel Grips zu wissen, daß er als schweigender Schönling die perfekte Projektionsfläche für weibliche Wunschträume bietet. Denn der einzige Mann, den wir noch mehr mögen als den Bad Boy ist der, der alles zugleich ist: Erst bricht er unsere Herzen, dann tröstet er. Er ist guter Freund, anregender Feind, Bruder, Idol, und man kann auch noch prima mit ihm Handtaschen einkaufen gehen. Und wenn es diesen Mann schon nicht gibt, kauft man wenigstens seine Platten.
Wohin sind wir geraten?
Erni Bär (Kuwitter)
- 09.09.2006, 11:00 Uhr
Pop ist tot, es lebe der Pomp
Andreas Wessels (PhunkyData)
- 09.09.2006, 12:10 Uhr