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Pop Das Erbe der glücklichen Verlierer

11.01.2010 ·  Viele Bands preisen sie als wichtigen Einfluss, aber kaum jemand kennt sie: Big Star, genialisches Memphis-Gewächs, erfanden den Powerpop - jetzt nachzuhören auf einer großen Werkschau.

Von Edo Reents
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Memphis hatte Ende der sechziger Jahre seine große Zeit hinter sich. Von Al Green, dem wichtigsten Soulstilisten des folgenden Jahrzehnts, der von hier aus starten sollte, wusste man noch nichts. Der Musik-Moloch, von dem so Gewaltiges ausgegangen war, lag, obwohl es die Firma Stax noch gab und Elvis Presley ja gerade erst wieder triumphierte, praktisch schon in Trümmern, und der Rauch verflog bald. Aber wie ein Phoenix entstieg der Asche Big Star.

Der Plattenproduzent John Fry erinnert sich an einen Tag des Jahres 1968, als er ins Büro kommt und in seinem Sessel einen Teenager antrifft, rauchend und die Füße auf dem Tisch. Es ist Chris Bell, ein Sänger und Gitarrist, der sich der British Invasion ergeben und nichts anderes im Kopf hatte als die Beatles, Who und Kinks. Seine Sitzblockade ist die Geburtsstunde der Band Big Star, der außerdem Andy Hummel (Bass) und Jody Stephens (Schlagzeug) angehörten, die sich in einer „Hair“-Produktion kennengelernt hatten; Alex Chilton, Junggenie des blue eyed soul, wartete zu dieser Zeit auf das Ende der Box Tops, die er sechzehn-, siebzehnjährig mit „The Letter“ und „Cry Like a Baby“ in den Pophimmel geschossen hatte und in deren strikt kommerziell ausgerichteten Rahmen er auch gar nicht mehr gepasst hätte, zumal er sich vor Auftritten weigerte, das Hotelzimmer zu verlassen. Fry kannte Chilton bereits aus den von ihm 1959 gegründeten, aber erst seit 1966 richtig professionell betriebenen Ardent-Studios, in denen auch einige Aufnahmen der Box Tops abgemischt worden waren.

Das Ende ist schon nahe

Wie in schwüler, spätzeitlicher Witterung lag die Stadt da. Die Luft war schwanger vom Rock'n'Roll, vom Blues und vom Soul. Die Sitze der Limousinen waren noch warm von den träge gewordenen Hintern der alten big names, und jeden Moment konnte hier Isaac Hayes um die Ecke kommen. Durch dieses Aftermath-Gewölk stieß die erste Big-Star-Platte „#1 Record“ im Juni 1972 wie ein heftiger Lichtstrahl, gewaltig und intim. „Girlfriend, what are you doing? / You're driving me to ruin / The love that you've been stealing / Has given me the feeling / I feel like I'm dying / I'm never gonna live again / You just ain't been trying / It's getting very near the end“: Der erste Song, „Feel“, stimmt mit schrillem Gesang diesen aufsässigen und doch schon merkwürdig mürben Ton an. So konnten Zwanzigjährige eigentlich noch nicht klingen. Big Star aber taten es, weil sie über die Errungenschaften des alten Jahrzehnts verfügten und Pop-Melodienseligkeit mit Rock-Brachialität zu verbinden wussten, in gewisser Weise ähnlich wie zur selben Zeit Badfinger und Stealers Wheel.

Anders als diese britischen Ensembles bewegten sie sich abseits der Hitparaden. Ihr Debüt, das als der Inbegriff des sogenannten Powerpop gelten kann, hat sich bis heute wahrscheinlich nicht viel mehr als 10.000 Mal verkauft. Das ist für eine Band, die zu den stilprägendsten überhaupt zählt, lächerlich - und menschlich bedauerlich: Chris Bell, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, so zu spielen, wie die Beatles klingen würden, kämen sie aus Memphis, und der am meisten Herzblut in die Sache investiert hatte, konnte den Misserfolg nicht verkraften und stieg schon nach der ersten Platte aus. Er versuchte es in England, bemühte sich um einen Solovertrag, ließ seine ausgezeichnete, in ihrer hart-weichen Mischung nach Humble Pie klingende Platte „I Am The Cosmos“ vom Beatles-Toningenieur Geoff Emerick abmischen, half zwischendurch im elterlichen Imbiss aus und verunglückte am 27. Dezember 1978 tödlich - Schicksal eines Übersensiblen.

Krallen eines Rockexzentrikers

So machte sich das Trio unter Alex Chiltons lockerer, auf Live-Impulse setzender Führung an die Aufnahmen zu „Radio City“, das 1974 herauskam, aber wegen der anhaltenden Vertriebsschwierigkeiten, die Ardent ungeachtet eines Vertrags mit Stax und später mit Columbia hatte, wieder kaum Beachtung fand. Bells klarer, freundlicher Geist ist noch herauszuhören, aber Chilton ließ nun die Krallen des Rockexzentrikers sehen, der zwar niemals wieder so schön sang wie zu Box-Tops-Zeiten, aber wohl froh war, dem Wunderkindstatus entronnen zu sein - freilich um den Preis, dass er seinen eigenen Songs immer stärker mit destruktiv-launischer Geringschätzung begegnete.

Wenn die Definition von Powerpop als einer auf Prägnanz und Melodienseligkeit getrimmten Musik, die von Hard- und Softrock gleichermaßen weit entfernt ist und die Beatles und die Byrds, The Who und die Beach Boys unter einen Hut bekommt, zutrifft, dann war auch das zweite Big-Star-Album noch Powerpop. Geradezu mustergültig wird das vorgeführt in dem Chilton-Klassiker „What's Going Ahn“, dem beschwingten „You Get What You Deserve“, dem ätherischen „Daisy Glaze“ und natürlich „September Gurls“,das jedem Hörer ein Lächeln ins Gesicht zaubert und für das sich später selbst die Bangles nicht zu schade waren.

Gefühlter Rock, gedachter Jazz

Indes gab die Band mit Titeln wie „O My Soul“ , „Life is White“ und „Mod Lang“, auf denen Chiltons klirrende Stratocaster sich um Wohlklang kaum noch bemüht, einen Hang zur kakophonischen Entgleisung zu erkennen, der ahnen lässt, was in Chilton damals vorging: „Ich wollte immer roh und kompliziert zugleich sein. Ich wollte immer wilden Rock'n'Roll spielen, wilden Beat. Aber ich komme natürlich vom Jazz, hatte immer musiktheoretisches Zeug im Kopf, wenn ich Songs schrieb. Deshalb konnte ich nicht einfach der primitive Rocker werden, auch wenn das meinen Gefühlen entsprach.“

Es war klar, dass diese Zerrissenheit keine gute Voraussetzung für den weiteren Bandbestand sein konnte, mochte auch das Magazin „Cashbox“ das „exzellente Material“ der zweiten Platte anerkennen, das hoffentlich für einen baldigen Durchbruch sorgen würde. Andy Hummel erkannte das als Erster und stieg ebenfalls aus. Die übrigen beiden machten mit Aushilfsmusikern weiter, spielten gelegentlich in Vorprogrammen und engagierten für ihren dritten und letzten Streich Jim Dickinson, ein Genie, das Memphis mit der Muttermilch aufgenommen hatte. Dickinson, der im vergangenen Sommer starb, arbeitete mit Chilton auch nach dem Ende von Big Star zusammen und wurde für ihn, obwohl nur neun Jahre älter, ein Ersatzvater.

Bereitschaft zum Extrem

„3rd“ oder, wie der Titel in anderen Ausgaben lautet, „Sister Lovers“, das noch 1974 aufgenommene Album, steht bis heute in dem Ruf, entweder eines der größten emotionalen Experimente der Popgeschichte zu sein oder einfach nur Zeitverschwendung. Es ist von beidem etwas. Es dauerte Jahre, bis dieses unvollendete Meisterwerk veröffentlicht wurde. Ardent legte sich mit der Werbung mächtig ins Zeug - „Former voice of The Box Tops! Guests include Steve Cropper und Jerry Lee's drummer! New approach by established star!“ -, aber niemand wollte die Aufnahmebänder haben, bis die Punkrockära Ohren hatte für diese verdrehten Klänge und eine obskure Plattenfirma namens PVC zugriff und das Monster 1978 endlich herausbrachte, das in der schwer zu bekommenden, papierdünnen Vinyl-Originalausgabe heute immerhin bis zu zweihundert Dollar wert ist.

Auf diesem Album ist die Bereitschaft, Extreme mit einzubeziehen, wohl am stärksten ausgeprägt; Chilton und der verbliebene Jody Stephens geben ihr fast haltlos nach. Man merkt, dass hier eine Band ihren Schwanengesang anstimmt, die nie erwachsen werden konnte und aus der Kindheit direkt in den Lebensüberdruss gesprungen ist. Das Barpiano ist verstimmt („Manana“), die Rockergitarre verbreitet eine Haudraufstimmung, als gäbe es kein Morgen (“You Can't Have Me“), die Folkgitarre verströmt nichts als Wehmut („Nightime“), und aus dem Mellotron kommen nur noch vergiftete Töne („Take Care“). Am gültigsten äußert sich diese Tendenz zur Überreife in dem Song

„Stroke it Noel“, einem der merkwürdigsten, verführerischsten Popsongs überhaupt. Süße Sehnsucht wird hier laut, vor allem aber Verzweiflung, die schon jede Art von Verletzung hinter sich hat und nun bitter schmeckt wie eine zu lange liegengelassene Kiwi.

Mit der Aura von Kunstleder

Und so gingen Big Star als eine große Kostbarkeit ins Popgedächtnis ein, die ihren Reiz auch aus dem Bewusstsein ihrer Unwiederbringlichkeit bezieht. Trotz oder wohl eher wegen des unterproduzierten Charakters dieser Musik berufen sich viele Independentmusiker seither darauf. Peter Buck von R.E.M. zog Big Star klassischen Südstaatenbands wie den Allman Brothers oder Lynyrd Skynyrd vor und behauptet, mit dieser Gruppe sei die Idee des beautiful loser eigentlich erst entstanden. Die Voraussetzung für den Kult, der bisweilen damit getrieben wird, ist, neben der allerdings großartigen Musik, sicherlich auch die nur kurze, unglückliche Karriere. Und wenn man sich das Erbe, das Big Star hinterlassen haben, so ansieht, dann denkt man daran, dass es einst auch extrem billige Turnschuhe gab, deren von Designermodellen imitierte Kunstleder-Aura zweieinhalb Jahrzehnte später ein kleines Vermögen kostete - manchmal zählt eben mehr die Idee, weniger das Material oder die Verarbeitung.

Es ist jedenfalls hochwillkommen und verdienstvoll, dass die Firma Rhino Big Star mit einer Viererbox nun wieder zum Leben erweckt. Vielleicht braucht man von dieser Werkschau, die mit fast einhundert Titeln fast schon Byrds-Format hat, auf der aber die Lieder von der quasi noch frischen Comeback-Platte „In Space“ fehlen, nicht alles. Doch gerade die sogenannten Demoversionen, die bei ähnlichen Ausgrabungen oft nur als Füllmaterial dienen, vermitteln einen triftigen Eindruck von der druckvollen Sensitivität dieser Musik. Das Textbuch erzählt, mit wunderbaren Fotos, vom Werden, Vergehen und Nachwirken einer wichtigen Band und schmerzlich vermissten Epoche.

Big Star, Keep An Eye On The Sky. Rhino 798587 (Warner)

Quelle: F.A.Z.
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