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Plattenlabel : Die Bälle flach, die Tassen hoch: Kitty-Yo feiert Geburtstag

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Der Alltag ist das Besondere: Kitty-Yo-Chef Raik Hölzel Bild: kitty-yo

Hierher kommen die Platten von Kante, Laub, Peaches und Jimi Tenor. Und auch wenn sich das Label inzwischen wieder in häuslicher Bescheidenheit übt: Den zehnten Geburtstag feierte Kitty-Yo mit großem Getöse.

          Am Abend nach der Zehn-Jahre-Kitty-Yo-Feier in der Berliner Volksbühne spielt in Fürstenwalde ein dänisches Folkduo. Vor fünfzig ergriffenen Kleinstädtern erinnern die zwei Frauen an Protagonisten aus Lukas Moodyssons WG-Film "Zusammen", blicken sich beim Singen tief in die Augen oder schließen sie hingebungsvoll. Wow, ganz anderer Stern als gestern, denkt man, aber zugleich: Wenn sie wollten, würden die Leute von Kitty-Yo nicht auch diese Frauen zu Stars machen?

          Vielleicht. Im Moment übt sich das Label in seinem Büro in Prenzlauer Berg jedenfalls in häuslicher Bescheidenheit. Kein Geprotze mehr hier, wo die Karriere von Peaches oder Gonzales geschmiedet wurde. Einen Tee für den Gast, ein Hund streift um die Beine, und in Raik Hölzels Verschlag steht ein gerahmtes Katzenfoto. Raik Hölzel gibt den geerdeten Manager eines professionalisierten Indie-Labels. Den Ball flach halten: In Anspielung auf die von Kitty-Yo mitorganisierten Fußballturniere in Berlin-Mitte könnte das der Wahlspruch sein.

          Es konnte nur einen geben

          Das war nicht immer so. Ein Schnelldurchlauf: 1994 startet Kitty-Yo "ganz klitschenmäßig" aus Raik Hölzels Wohnzimmer. Vier Platten kommen recht spontan und sogar ohne Katalognummer. Die erste ist von der Rockband "Surrogat", und damit hat der nachfolgende Wahnsinn einen Namen: Patrick Wagner. Der "Surrogat"-Frontmann steigt beim Label ein. Seine provokative "Großmäuligkeit" (Hölzel) sorgt dafür, daß Kitty-Yo auf allen Berlin-Hypes mitsurft. So ist die kleine Plattenfirma je nach Anlaß das tollste Label der Welt, Deutschlands oder zumindest Berlins.

          Hölzel kümmert sich ums Büro, mit dieser Arbeitsteilung wächst das Label weiter, die Bands heißen "To Rococo Rot", "Laub" oder "Kante". Für die seriöse Künstlerbetreuung und eingedenk der finanziellen Möglichkeiten erweist sich Patrick Wagners "Größer als Gott"-Gebaren (Wagner) letztlich als kontraproduktiv. Er verläßt Kitty-Yo 2001 für den Major Universal und betreibt inzwischen wieder ein Zwei-Mann-Label, Louisville. Nun sieht sich Raik Hölzel bei Kitty-Yo als Oberverantwortlicher unter ehemals basisdemokratisch und heute partiell eigenverantwortlichen Gleichen.

          Drei Bühnen für den eklektischen Künstlerzoo

          Zu große Märkte wie Peaches in den Vereinigten Staaten hat er um der Balance willen weiter lizenziert. Ansonsten hält er seine Schäfchen zusammen, um langfristig Künstler aufzubauen. Jüngst drohte ihm Patrick Wagner über die "taz" Prügel an, sollten sie sich auf der Straße begegnen. Wenn Patrick Wagner es ernst gemeint hätte, wäre er wohl zur großen Geburtstagsveranstaltung in die Volksbühne gekommen. Wo sich Raik Hölzel ganz eigenverantwortlich um die Gästeliste kümmert und ermessen kann, daß die von seinem Exkompagnon losgetretenen Wellen immer noch wogen.

          Im brechend vollen Theater schieben sich gestylte junge Menschen zwischen drei Bühnen hin und her. Für Kitty-Yo die Gelegenheit, den eklektischen Künstlerzoo einmal in epischer Breite zu präsentieren. Im großen Saal bestimmen unter massivem Einsatz von Projektionen zwei Begleiter der ersten Stunde das Programm. Zunächst kombiniert das Postrock-Duo "Tarwater" ganz bewährt seine hypnotischen Themen mit raunendem Gesang. Später müssen dort "Rechenzentrum" die Schattenseite der Tatsache ausbaden, daß Kitty-Yo mittlerweile fünfundsiebzig Prozent seiner Platten im Ausland verkauft.

          Er könnte ihr Großvater sein

          Im kleineren Roten Salon spielen derweil "Rhythm King And Her Friends" ihre Gender-Pop-Melodien. Leider ergibt sich nur aus den Gesangsparts ein wenig Charme, die Performance ist schwach. Auf der dritten Bühne steht ein älterer Herr, der seit 2001 einer der Entertainmentkünstler bei Kitty-Yo ist, Louie Austen: maßgeschneiderter Anzug, Hut, sichere, getragene Stimme und ausladende Gesten bei ziemlich statischem Körper. Es gibt natürlich immer noch junge Menschen, die in der ersten Reihe tanzen, weil sie es "so cooool" finden, daß ein Mann zu elektronischer Musik singt, der ihr Großvater sein könnte. Objektiv gesehen, singt da ein Taschen-Sinatra mit schnell abnehmender Ausstrahlung auf handwerklich perfekte, aber belanglose House-Produktionen.

          Wie dieser Auftritt erneut nahelegt, hätte Louie Austen aufhören sollen, solange die Rente noch sicher war. Schließlich stimmt einer der neuen Künstler versöhnlich: Richard Davis soll zusammen mit Jay Haze das Elektro-Profil von Kitty-Yo stärken. Die Kunst des Briten ist, klassisches Songwriting mit House und Techno zu verbinden. Streicher sorgen für fein kolorierte Stimmungsbilder, E-Pianos sind funkig gesetzt, immer wieder besticht die gediegene Ästhetik der Sounds. Dazu eine Stimme, unterkühlt wie Trockeneis. Trotz ernster Miene des Vortragenden strömen immer mehr Zuhörer und Tänzer in den Saal.

          Sie fänden was nach ihrem Geschmack

          Die Bilanz einer solchen Großveranstaltung mag gemischt ausfallen: Nach zehn Jahren Labeltätigkeit (aktuell: Verschiedene Interpreten, Team Kitty-Yo. 2 CDs, KY04093) und bald hundert Veröffentlichungen gehört Kitty-Yo zu den "Indies, die in der Vergangenheit für Innovation oder einfach interessante Musik gesorgt haben, die dann mitunter in den Mainstream hineingerutscht ist und ihn vielleicht auch verändert hat", wie Raik Hölzel bei anderer Gelegenheit sagt - obwohl oder gerade weil es bei Kitty-Yo immer Raum, Nischen und Kontraste gibt.

          So läßt zum Beispiel Raz Ohara seinem knackigen R&B-Debüt-Album "Realtime Voyeur" den völlig introvertierten Nachfolger "The Last Legend" folgen. Gelassenes Picking, gehauchter Gesang, realitätsflüchtige Texte - eine wundervolle Platte, jedoch schon vor ihrer Veröffentlichung kein kommerzieller Hoffnungsträger und deshalb eine mutige Entscheidung. Damit haben wir uns dem anfänglich erwähnten dänischen Folkduo angenähert. Möglicherweise würde sich Kitty-Yo auf dieses Abenteuer nicht einlassen. Die jungen Damen fänden aber bestimmt etwas nach ihrem Geschmack im Kitty-Yo-Programm.

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