Home
http://www.faz.net/-gsd-14x05
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Plattenkritik Stirb langsam

 ·  Das Magazin „Spex“ will in Zukunft keine Platten mehr rezensieren. Damit soll aber nicht der langsamen Zerbröselung der Werkeinheit „Album“ Rechnung getragen werden. Denn jetzt soll über Platten geplaudert werden. Das kann nicht im Ernst das letzte Wort der Pop-Musik-Kritik sein.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)

Den Gegenstand der Kunstkritik, es gibt ihn zweimal. Zum einen ist es der materielle oder Zeit in Anspruch nehmende Ausgangspunkt oder Anlass für eine ästhetische Erfahrung. Zum anderen sind es dieselben Dinge oder Dienstleistungen, nunmehr aber in der Form von als Medienobjekten käuflichen Waren oder soziale Funktionsträger in den Distinktionsscharmützeln alltäglicher Konkurrenzkämpfe. Dass ästhetische Erfahrungen in einer Welt spielen und von ihr handeln, wo wenig nicht käuflich ist, hat uns daran gewöhnt, dass Kunstkritik beide aufeinander beziehen muss. Dieser Umstand ändert nichts daran, dass man die Erörterung der ästhetischen Erfahrung nicht mit Kriterien wie dem Preis-Leistungs-Verhältnis einer Ware bestreiten kann. Der Umgang mit künstlerischen Erfahrungen darf sich seine Formate eben gerade nicht von der Kulturindustrie diktieren lassen.

Dennoch änderte sich eine Menge, wenn von heute auf morgen der Besuch einer Oper umsonst und der Einlass fortlaufend wäre oder Galerien ihre Ausstellungen nur zu wenigen, zeitlich begrenzten Terminen öffnen würden und ihrem Publikum auch noch sündteure Eintrittskarten verkaufen würden. In solchen Fällen wäre das Verhältnis zwischen Waren und Mediengestalt auf der einen und mit ihnen verbundener oder sie negierender Kunst so verändert, dass auch die Gewohnheiten und Formate der Kritik sich ändern müssten. Pop-Musik ist dazu ein kulturelles Format, dessen Selbstverständnis immer schon von der Verankerung in der und Auseinandersetzung mit der Kulturindustrie geprägt ist. Kunst ist für Pop-Musik – anders als für die traditionellen Künste – allenfalls eine Zukunft, keine verlorengegangene Vergangenheit.

Dementsprechend war in der Pop-Musik die Kritik der reinen Warenbewertung immer schon sehr nahe. Die Beratung einer finanziell knappen jugendlichen Klientel, die nur begrenzte Mittel für möglichst große und erschütternde Erfahrung zur Hand hatte, gebar eine ganz besondere Version des Rezensionsfeuilletons – mit hoher Verbreitung von Kategorien wie „verarscht“ oder „gut bedient“. Aber die versprochene Erfahrung der unverwechselbaren Subjektivitätsausbildung oder auch – skeptischer gesagt – der Distinktionsbewaffnung war auch nicht ganz anspruchslos. Daher musste an ganz besonders aufgeblasen individuell oder reizend gespreizt auftretenden Kritikerpersönlichkeiten vorgeführt werden, wie einzelne Werke oder Objekte oder Waren in dieser Hinsicht ihre Wirkung taten.

Zerbröselte Werke

Der Autor dieser Zeilen war der Zeitschrift „Spex“ jahrelang gerade auch als begeisterter Autor solcher Kritiken verbunden – und wusste dabei auch mal mehr, mal weniger, was er tat. Vielleicht berührt es ihn daher besonders seltsam, dass nun gerade „Spex“ diesem Treiben ein Ende setzen will. Die Redaktion findet, ein gewaltiger historischer Wandel zwinge sie zu diesem Schritt. Sollte damit die langsame Zerbröselung der Werkeinheit Album gemeint sein, könnte man zustimmen. Tatsächlich greifen die Leute, durch legale wie illegale elektronische Verfahren ermutigt, zunehmend auf Tracks und Songs und andere Einheiten unterhalb des Albums zurück; sie halten sich nicht an die offiziellen Veröffentlichungstermine, die der journalistischen Bearbeitung den Anlass zum Text liefern, und sie haben bereits Blogeinträge verfasst, Remixes hergestellt oder parodistische Videos bei Youtube eingestellt, bevor die Druckunterlagen der Musikzeitschrift die Reise zur Druckerei angetreten haben.

In dieser Lage gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder beteiligt man sich an dieser ebenso chaotischen wie ihrerseits produktiven Rezeptionsaktivität – und das geht am besten im Netz. Oder man beobachtet sie von einem externen Punkt aus und beschreibt ihre Ergebnisse. Letzteres wäre der alten Kunstkritik gar nicht so unähnlich, die ja auch schon immer die Rezeption der anderen wie auch die Selbstreflexion zu ihren Aufgaben rechnete. Ein gedruckter Text ermöglicht da am ehesten die notwendige Geduld, die Abwesenheit einer Umgebung.

Doch „Spex“ hat einen anderen Vorschlag. In einem Editorial zum „Ende der Musikkritik“ erklärt die Redaktion, in Zukunft in einem dialogischen Format über neue Tonträger berichten zu wollen. Welches Problem damit gelöst sein soll, wird nicht ganz klar. Anlass bleibt ja weiterhin der Veröffentlichungstermin sogenannter Alben. Statt dem aufgebröselten Werk und der multiplizierten Rezeption gerecht zu werden, zerbröselt man den Kritiker zur Chat-Gruppe. Angeblich würde uns schon das Netz genügend Positionen zur Musik zu halsbrecherisch aktuellen Terminen anbieten, Vorteil des Printmediums sei hingegen die Vielstimmigkeit. Doch gibt es kaum Vielstimmigeres als das Netz. Großer Vorteil von Print ist hingegen der Druck auf Autoren, so etwas wie ein Resultat formulieren zu müssen. Natürlich leiden geschriebene und gedruckte Kritiken schon mal unter diesem dezisionistischen Zwang von Deadline und Zeilenlimit, während man im Netz in der immerwährenden Anschließbarkeit an das konstitutiv Offene des Online-Textes badet.

Veränderte Werte

Die angeblich autoritätshörige Unterwerfung durch den Glauben an von Printzwängen geschaffene Verdikte und ihre päpstlichen Verkünder dürfte hingegen eher ein Problem der fünfziger Jahre sein. Eine gute Kritik, dies weiß auch die Pop-Kritik spätestens seit den antiautoritären sechziger und siebziger Jahren, ist dagegen ein Text, der mehrere Positionen gegeneinander antreten lassen kann. Das Spiel von Argument und Gegenargument entfaltet nur dann seinen Reichtum, wenn sich ein Autor verpflichtet, sich in die Pluralität und Offenheit von Kunstrezeption einzufühlen. Wird es an zwei oder mehrere konkrete Personen delegiert, schrumpft jeder von ihnen auf eine Position. Die Identität von Person und Position in der ästhetischen Reflexion zu öffnen ist dagegen das klassische Können von Kunstkritik.

Wer nur gegeneinander antretenden Personen zutraut, das Für und Wider und die darunterliegenden Facetten von Stimmungen und Urteilen austragen zu lassen, orientiert sich hingegen eher an einem klassischen als einem neuen Modell von Pop-Musik-Rezeption: nämlich an dem alten Gegeneinander der Tribes und Subkulturen, die Musik unmittelbar mit Lebensformen und vital empfundenen Überzeugungen identifizierten wie in den heroischen Jahren der Pop-Subkultur-Beziehung. Tatsächlich ist die Wiederbelebung solchen Streits auch als ein Gewinn des „Spex“-Experiments erkennbar: Wenn mehrere über ein Album reden, dann hört man häufiger die in letzter Zeit in jeder Form von Journalismus viel zu seltenen Stimmen der verdienten, schroffen Ablehnung des ganzen Scheiß. Es kommen jetzt nicht mehr nur die für ein Genre, einen Künstler zuständigen und immer schon überzeugten Autoren zu Wort, sondern auch grundsätzlicher Zweifel.

Ein Kampf der Lebensstile wird indes über die gehobene Mittelschichts-Pop-Musik, die in „Spex“ rezensiert wird, schon lange nicht mehr ausgetragen. Es gelten sozial die Werte der Vielfalt, der Toleranz, der Originalität – nicht mehr jene der richtigen Seite der alten style wars. Natürlich ist es nicht ohne soziale Bedeutung, wer sich für was begeistert, aber was zurzeit für die Pop-Musik ansteht, ist eher die Frage, wie sie ihr einzigartiges Potential, verschiedene künstlerische Gattungen, Medien, Performance-Typen miteinander und mit dem Alltagsleben zu verbinden, mit in die digitale Kultur hinübernimmt, was sie Neues daraus machen kann – sie steht an der Schwelle, genau diese hybride Praxis zwischen Kunst und Alltagsleben in eine künstlerische Praxis zweiter Ordnung zu überführen, ihre konzeptualistische Phase zu entwerfen. Dafür braucht sie ihre eigene Kunstkritik. Ob sich die an Alben und ihrer Gelungenheit entwickeln lässt, ist fraglich. Den Positionsabgleich leistet das Internet in der Tat schneller und genauer.

Nicht nur im Musikjournalismus haben Gespräche, Roundtables und Interviews als printjournalistische Form Konjunktur, weil sie schnelle Reaktionen ohne aufwendige Autorenaufträge ermöglichen – eine Antwort auf den vermeintlichen Zeitdruck der Netzkommunikation. Vor allem aber ist dies eine billige Form von Content: Der Befragte kriegt in der Regel kein Honorar. Praktikanten tippen Audiofiles ab, Redakteure redigieren und glätten, Autoren verschwinden. Ich votiere für das Gegenmodell: Autoren schreiben gut bezahlte, lange Texte, die nicht zum Erscheinen der Platte, des Buches, zur Einführung des Games oder zum Kinostart des Filmes erscheinen, sondern irgendwann, zu Beginn, in der Mitte oder am Ende eines Rezeptionszyklus intervenieren.

Dauerhafte Verwertung

Die Verbindung zum Leben, zur Rezensentensubjektivität als Testarena der Rezeption stellt nicht mehr Schnelligkeit her, sondern eine qualifizierte Langsamkeit, die antikapitalistische Tiefe eines ungehetzten Lebens im Dienste ästhetischer Reflexion. Neu ist nicht zwingend, was neu ist, sondern etwa auch das, was neuerdings für mich erledigt ist.

Das soll eine unrealistische Utopie sein? Niemand schaltet in so einem Blatt Anzeigen? Wieso? Man muss nur der Kulturindustrie klarmachen, dass dies die einzige Möglichkeit ist, ihre aktuelle Vermarktungsutopie, den sogenannten long tail – also die nicht an Neuheit, sondern an Dauerhaftigkeit gebundene Verwertung von Copyright-Besitz à la Beatles-Gesamtausgaben –, in die Wirklichkeit umzusetzen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 6